MALDOROR hatte ich damals während des Fantasy Filmfests leider verpasst, jetzt aber via Bluray nachgeholt. Hat sich gelohnt, unbedingt.
Regisseur Fabrice du Welz, vielfach bekannt aus anderen abgründigen Filmen (meine Favoriten sind CALVAIRE und VINYAN) nimmt die Vorfälle um den belgischen Sexualstraftäter und Mörder Marc Dutroux als Ansatzpunkt für eine filmische Auseinandersetzung um die Vorfälle aus den 90er Jahren. Er setzt dabei den Fokus auf die in vielerlei Hinsicht mangelhafte Polizeiarbeit und vor allem den engagierten jungen Gendarmen Paul Chartier (hingebungsvoll: Anthony Bajon) anstatt das Leid der Opfer und deren Angehörigen explizit ins Bild zu rücken. Zudem "verfälscht" er die originalen Geschehnisse, auch durch Einfügen neuer Personen und Handlungsstränge. Ferner vermeidet er klare Positionierungen bzw. Botschaften, sondern überlässt die Wertung des Geschehens den Zuschauern. Dies alles wurde von nicht wenigen "arrivierten" Filmschreibern prompt geradezu reflexhaft kritisiert. Meine Güte, haben die Leute nicht kapiert, dass es sich bei MALDOROR um einen Spielfilm handelt, nicht um eine Dokumentation (der man Faktenverdrehung natürlich mit Recht vorwerfen könnte)? Heutzutage scheint es den meisten Journalisten bei Filmen am wichtigsten zu sein, dass diese eine eindeutige politische Haltung und vor allem die "richtige" einnehmen. Dazu sei Federico Fellini zitiert:
"Den Film um jeden Preis in ein verwendbares, programmatisches, einer Idee oder Ideologie "nützliches" System zwängen zu wollen - das ist ... immer eine ... die Kunst zum Werkzeug herabwürdigende Haltung. ... Diese Gewohnheit ist auch eine Unredlichkeit gegenüber dem Publikum, das sich den Film in Ruhe ansehen will, ohne gleich ungeduldig zu verlangen, dass er in dieses oder jenes System der Auslegung, in diese oder jene Konstruktion von Hypothesen, Annahmen, Analysen und Erklärungen falle, von denen der Zuschauer sich umhüllt, umgarnt, eingewickelt, verführt und terrorisiert fühlt, bevor er sich noch im Dunkeln in seinen Fauteuil gesetzt hat, um sich frei und ungehindert an den Bildern des Films zu erfreuen: denn durch diese Bilder - und nur durch sie - setzt sich der Autor mit ihm in Verbindung und sucht sich mit ihm zu verständigen."
Ganz meine Meinung, doch zurück zum Film. Junge Mädchen werden vermisst, es gibt Hinweise auf den einschlägig vorbestraften Marcel Dedieu (Sergi Lopez). Der gerade mit einer Sizilianerin (Alba Gaia Bellugi) frisch verheiratete (die Hochzeitssequenz scheint erst einmal etwas zu ausgewalzt zu sein) Chartier ist enttäuscht von seinem Vorgesetzten, der risikoscheu allem aus dem Weg geht, was zu (s)einem - persönlichen - Fehlschlag führen könnte. Einzig eine Überwachungsoperation mit Decknamen MALDOROR wird gestartet, später eine Hausdurchsuchung aufgrund anderer Delikte, die jedoch keine konkreten Beweise erbringt, auch wenn Chartier meint, in dem Haus weinende Mädchen gehört zu haben. Der Vorgesetzte lässt die Ermittlungen bezüglich der vermissten Kinder beenden. Chartier jedoch gibt nicht auf, ermittelt entgegen der Befehle von oben auf eigene Faust weiter ... ohne zu spüren, dass er damit nicht nur die Beziehung zu seiner hochschwangeren Frau zerstört, sondern auch in einen persönlichen Abgrund driftet. Und damit gewinnt die Hochzeitssequenz ihren Sinn, denn es ist klar, welches Glück Chartier auf seinem obsessiven Weg aufgegeben hat. Mehr sei nicht verraten.
Der Film ist sehr nüchtern gehalten, die Dialoge wirken nicht wie Sätze aus einem Drehbuch, die Personen reden ganz gewöhnlich miteinander, was mitunter uninteressant erscheinen mag, vor allem wenn dabei die ermüdende Verwaltungsarbeit der Polizei gerade in der ersten Hälfte des Films etwas zu ausführlich porträtiert wird. Das sorgt für Längen. In der zweiten Hälfte wird dagegen die Spannungsschraube immer mehr angezogen, es drückt einen förmlich in den Sessel. Der optische Look ist düster, schmutzig und trostlos, die Figuren wirken allesamt wie in der Realität Verlorene. Kameramann ist übrigens Manu Dacosse, der bereits in den großartigen Filmen von Hélène Cattet und Bruno Forzani gezeigt hat wie man Ideen beeindruckend visuell umsetzen kann.
MALDOROR ist mit ganz kleinen Einschränkungen allen zu empfehlen, die den Zuschauer fordernde Filme nicht gleich pauschal ablehnen.