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Eine außergewöhnliche Erfahrung

Lars von Triers zweiter Dogma-Film zeigt eine Gruppe von Menschen, die beschließt, ein extremes Experiment zu wagen: Sie spielen Idioten, wollen "Gaga" sein und ihre Mitmenschen dadurch provozieren. Ständig laufen sie umher wie geistig behinderte, drängen andere in peinliche und unangenehme Situationen. Und auch sich selbst. Denn sie sind auf der Suche nach dem inneren Idioten, um sich gewissermaßen von den Konventionen und sozialen Zwängen zu befreien, um dem Alltag zu entfliehen, um sich selbst zu finden. Der Zuschauer bekommt Zugang zu der Gruppe durch eine verstörte, ältere Frau, die aus lauter Einsamkeit und Verzweiflung durch Zufall hinzukommt.
Die Idee von der geistigen "Befreiung", ein mentales "Back to the Roots" und noch weiter, wird mit aller Kraft durchgesetzt, doch das Experiment gerät schließlich aus den Fugen. Anfangs als harmlose Provokation vor sich und den anderen durch das Spielen von Blödheit gemeint, wird es für die Beteiligten schnell zum Zwang. Sie steigern sich hinein, versuchen sich immer mehr (z.B. "Rudelbumsen"), verspotten ihre Mitmenschen und geraten dabei mit sich selbst in Konflikt. Die ideelle Ziel gerät schnell in den Hintergrund, die Ausführung zur puren Masche, bis sie alle am Ende ihren Fehlschlag feststellen müssen. Nur ein Mitglied scheint wirklich verstanden zu haben, worum es geht. Für sie wird die Idiotie der einzige Ausweg aus dem Leid ihres Lebens.

Der Film repräsentiert Dogma wie kein anderer. DOGMA 95 war schließlich auch als radikales Experiment gedacht, ein Ausbrechen aus den ästhetischen Konventionen der Filmkunst und eine Reduzierung auf ein "stümperhaftes" Kamerawackeln in Home-Video-Qualität mit kaum scharfen Bildern. Der Regisseur hat sich wohl scheinbar nichts dabei gedacht, und doch präsentiert von Trier uns ein unangenehm intensives, rohes und explizites Werk ohne Beschönigung. Radikaler und weitgreifender als alle anderen DOGMA-Filme.

In den vielen Begegnungen der Idioten mit ihrer Umwelt zeigt sich ein sehr präziser, sarkastischer und scharfer Blick auf unsere Gesellschaft. Die Toleranz der anderen Leute wird allzu oft auf die Probe gestellt, der Zuschauer sieht sich manchmal selbst in der Rolle eines der Opfer der "Idioten-Armee" und weiß nicht so recht, wie er reagieren soll. Andererseits steigert sich die Gruppe so weit in ihre Provokation, dass der Test sehr bald zum blanken Hohn wird. Das ist nicht mehr lustig, das ist subversiv. Es stellt das heutige Wertesystem komplett in Frage. Gleichzeitig fungiert es aber auch als Metapher auf ideologisierte Bewegungen, auf Radikalismus allgemein.

Lars von Triers Film ist so vieles in einem. Man kann gar nicht beschreiben, was einem durch den Kopf geht, wenn man "Idioten" sieht. Er ist kontrovers, er ist radikal, er ist intensiv. Aber nicht nur das. Der Film wird zu einer einzigartigen Erfahrung, einem Ausflug in das Unterbewusstsein, in die Kindlichkeit und in die Urinstinkte, das Animalische des Menschen. DOGMA 95 auf dem Tiefpunkt der technischen Gestaltung und auf dem Höhepunkt der Kreativität!10/10

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