Review
von Leimbacher-Mario
Finde den Idioten in dir
Was kommt raus, wenn man eine Art "Jackass" oder "Comedy Street" mit einem waghalsigen Schuss Shockvalue, grenzwertigem Humor und herzzerreißendem Drama vermixt? Vielleicht so etwas wie Lars von Triers umstrittenes Dogma-95-Debüt "Idioten", in dem eine Gruppe Erwachsener in einer Art Kommune lebt und immer wieder einen auf behindert macht. Mal unter sich, was auch schonmal in einer kleinen Gruppensexorgie ausarten kann, und mal in aller Öffentlichkeit, was bei den Uneingeweihten meist zu unfassbar köstlichen Reaktionen führt... Doch was sagt das über die Protagonisten? Was über die Zuschauer? Was über von Trier? Und was vielleicht sogar über uns als Spezies und das moderne Zeitalter? Unseren Umgang mit behinderten oder andersartigen Menschen? Den inneren, glücklichen, urzeitlichen Schweinehund?
Jüngst sorgte von Trier mit seinem aktuellen Werk wieder für massenhafte Kinoflucht der Kritiker in Cannes, damals war es zwar noch nicht ganz so extrem, doch auch "Idioten" hat definitiv seine fragwürdigen WTF?!-Momente, bei denen man nicht weiß, wann und ob das Lachen nicht im Hals stecken bleibt oder bleiben sollte. Dabei steht noch nichtmal das Zuschaustellen oder Nachaffen von Behinderten im Vordergrund, sondern noch etliche andere Sequenzen und einzigartige Ideen, die man sich erstmal derart dreist trauen muss. Außer von Trier haben nicht viele diese bulligen Eier und diesen abseitigen und dennoch cleveren Humor. Von Regisseuren ganz zu schweigen. Dieser polarisierende Mut in Kombination mit dem unmittelbaren Dogma 95-Stil, hingebungsvollen Darstellern und einigen überraschend nahe gehenden Szenen, macht "Idioterne" zu einem dänischen Klassiker, zu einem Humortiefschlag, zum Warm-Up eines Regierebellen. Sicher nicht für jedermann. Für ein paar dafür umso mehr.
Fazit: provokant und Gedanken, Skandale, Gespräche anregend, wie es fast nur von Trier kann - clever und dumm, unverbraucht und anders. "Idioten" ist mehr als nur Schock. Viel mehr. Ungeschminkt und tabulos. Grenzen kennt dieser Mann nicht. Gut so.