Zum Geburtstag seines kleinen Sohnes Rodrigo bereitet der mexikanische Anwalt Emiliano (Sebastián Martínez) eine Gartenparty vor, zu der auch die Kinder befreundeter Geschäftspartner eingeladen sind. Die allseits gute Stimmung - Emiliano steht kurz vor einem millionenschweren Geschäftsabschluß mit US-Investoren, die in der Nähe einen Vergnügungspark errichten wollen - wird jedoch jäh getrübt, als eine Windböe die Hüpfburg im Garten erfasst und sie mitsamt 4 Kindern davonträgt. 3 von ihnen werden kurz danach tot aufgefunden, ein 4. bleibt verschollen.
In den Schock und die Trauer mischt sich auch Wut über die Verantwortlichkeit, und der Vater eines der Opfer, ein skrupelloser Gangster namens Charro (Alberto Guerra), hat auch gleich einen Schuldigen ausgemacht: Emilianos Hausmeister, der ältere Moncho, war für den Aufbau verantwortlich und hatte die Hüpfburg nicht mit Erdpflöcken befestigt. Kurzerhand fährt Charro mit seiner Frau Lupita (Eréndira Ibarra) zu Monchos Haus, prügelt den alten Mann halbtot und zündet dann dessen Haus an, in dem sich noch dessen Frau und Kinder befinden. Im letzten Moment erreicht Emilianos Frau, die Polizistin Daniela (Ana Claudia Talancón), den Ort des Geschehens, rettet die Personen im Haus und nimmt sowohl Charro als auch Moncho fest.
Anhand mehrerer Rückblenden steht aber schnell fest, daß nicht der Hausmeister für das titelgebende Unglück verantwortlich war, sondern Emiliano selbst: der hatte Moncho ins Haus geschickt und wollte selbst die Pflöcke der Hüpfburg einschlagen, erhielt aber just in diesem Moment einen Anruf der US-Investoren, welcher ihn so sehr ablenkte, daß er die Befestigung der Hüpfburg vergaß. Dem Anwalt sind all diese Zusammenhänge bewußt und er kämpft mit sich selbst, diese Tatsache der Polizei mitzuteilen und die Schuld auf sich zu nehmen, doch seine Geschäftspartner raten ihm davon ab, um nicht die Investoren zu verschrecken und das Millionengeschäft zu gefährden.
Man bietet daher Moncho, der jede Schuld von sich weist, gegen einen Geldbetrag und die Aussicht auf ein US-Visum für dessen Familie an, vor Gericht die Verantwortung für die mangelhafte Befestigung der Hüpfburg zu übernehmen. Der Hausmeister weigert sich zunächst, doch seine Frau Yola redet auf ihn ein. Und dann wären da noch Emilianos Frau Daniela, die (noch) gar nicht weiß, daß ihr Ehemann für den Tod ihres Sohnes verantwortlich ist sowie die intrigante Lupita, die ebenfalls noch ein Wort mitzureden hat...
Die mexikanische Netflix-Produktion Accidente (zu deutsch: Das Unglück) läuft zwar unter der Rubrik Thriller, stellt mit seinen vielen Beziehungsdramen und Nebenhandlungen allerdings eher eine Seifenoper dar. Das titelgebende Unglück ereignet sich ungewöhnlicherweise direkt zu Beginn und zieht einen bunten Reigen an Reaktionen nach sich, von denen nur die wenigsten mit einem Krimi zu tun haben. Darüberhinaus rangieren sämtliche handelnden Filmfiguren (Polizistin Daniela einmal ausgenommen) zwischen charakterlich schwach bis hin zu reinen Arschlöchern, sodaß einem deren weiteres Schicksal ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht. Daran ändern auch ein paar eingestreute Subplots nichts und es bleibt eine reine Prinzipienentscheidung, die 10 Folgen zu je etwa 40 - 45 Minuten bis zum Ende durchzustehen.
Als erstes mag man sich wundern, wieso fast alle Beteiligten das mehrfach dargestellte Unglück wie einen Mord werten statt wie einen Unfall. Danach fällt einem auf, daß die gezeigte Form der Lynchjustiz (Haus anzünden etc.) offenbar weit verbreitet und dementsprechend gesellschaftlich akzeptiert scheint; auch daß das falsch beschuldigte Opfer sich nur schwach wehrt und dessen Frau käuflich ist, wirft kein gutes Licht auf den dargestellten Teil der mexikanischen Gesellschaft. Daß die Serie eine Kritik an derselben darstellen soll, darf allerdings bezweifelt werden. Für Mexiko, 2024 in großen Teilen ein klassischer failed state, in dem Polizei und Militär einen hoffnungslosen Kampf gegen Drogenkartelle führen, welcher jedes Jahr tausende Zivilisten das Leben kostet, scheint Accidente, der fast ausschließlich in der wohlhabenden Oberschicht spielt, jedoch wenig repräsentativen Charakter zu haben.
Bezüglich der Charaktäre sticht besonders Charro, ein krimineller Bauunternehmer, hervor: der hitzige Enddreißiger wirkt mit seinem schmalen Oberlippenbart nicht nur von vornherein unsympathisch, der Egozentriker bevorzugt auch stets einfache Lösungen. Als sich herausstellt, daß Moncho unschuldig ist, äußert er nicht ein einziges Wort des Bedauerns. Er hat einen etwa 18-jährigen Sohn, Alex, der ihm permanent widerspricht, was Charro ihm erstaunlicherweise jedesmal durchgehen läßt. Alex hat die jahrelangen Demütigungen seiner Mutter Lupita mitbeobachtet und befindet sich in Totalopposition zu seinem Vater. Lupita ihrerseits muß einem weißgott nicht leid tun: sie hat sich wissentlich des Geldes wegen an Charro verkauft und erträgt dessen Machogehabe mit kalkuliertem Gleichmut, fickt allerdings heimlich mit einem Geschäftspartner von Emiliano. Als Charro dies mitbekommt, bleibt die erwartbare Gewaltexplosion aus - stattdessen nutzt er den Umstand, um den Nebenbuhler bzw. Emiliano zu erpressen. Eine feine Gesellschaft eben...
Bis auf diese Telenovela-Themen hat Accidente dann auch nicht mehr sonderlich viel zu bieten - und mehr als 3 Punkte inklusive Exotenbonus sind für die Mittelamerikaner daher auch nicht gerechtfertigt.