Das Biopic über die Boxerin Claressa Shields spiegelt ein wenig das Problem der Verfilmungen von Frauen und Männern in jenem Sport wider: Zu nahezu jedem halbwegs erfolgreichen Boxer gibt es mindestens eine cineastische Umsetzung, während einem bei den Frauen unweigerlich der grandiose, aber fiktive „Million Dollar Baby“ einfällt. Spielfilmdebütantin Rachel Morrison beschreitet insofern eher ein ungewöhnliches Terrain.
2006, Flint, Michigan: Das Mädchen Claressa (Ryan Destiny) wächst in zerrütteten Familienverhältnissen auf und interessiert sich schon früh fürs Boxen. Trainer Jason (Brian Tyree Henry), der zuvor noch nie ein Mädchen trainierte, macht sie fit für die Landesmeisterschaft. Doch damit nicht genug: Ressa will als erste Boxerin der Geschichte olympisches Gold gewinnen…
Früh zeichnet sich der konventionell anmutende Werdegang einer Außenseiterin ab, welcher mit den üblichen Widrigkeiten und kleinen Erfolgen gespickt ist. Aufgrund des sozialen Umfelds und dem unbeirrbaren, titelgebenden Willen der Protagonistin wird hingegen Empathie geschürt, ein Mitfiebern bei den Kämpfen ist durchaus gegeben. Dabei zählen die eher ruhigeren Momente zwischen Coach und Schülerin, die zumeist frei von Pathos sind, zu den besseren Szenen.
Die Kämpfe selbst sind zwar passabel eingefangen, zumal Regisseurin Morrison im Bereich Kamera bereits oscarnominiert war und auf einige Erfahrung zurückgreifen kann, doch es fehlt ein wenig die Wucht und das Herzblut. Man merkt bereits bei den ersten Fights, dass hier nicht das Herzstück der Geschichte zu finden ist, was sich leider bis zum finalen Akt fortsetzt. Denn dieser endet eben nicht mit dem obligatorischen Endkampf, sondern schildert eher einen persönlichen Fight der Boxerin, ein weiteres Ziel zu erreichen. Entsprechend wird die Action deutlich vernachlässigt und eine gesellschaftskritische Komponente wird verstärkt eingebracht.
Darstellerisch wird derweil stark performt. Destiny, die zuvor nie etwas mit dem Boxen am Hut hatte, nahm einige Monate Boxunterricht, was sich in jeder Hinsicht bezahlt machte. Sie ähnelt nicht nur ihrem Vorbild, sie performt auch mit der passenden Mischung aus Entschlossenheit und zurückhaltender Sensibilität. Brian Tyree Henry ist ebenfalls sehr überzeugend, zumal sich mit ihm auch einige der wenigen Aufheiterungen ergeben. Vom Score bleibt hingegen wenig hängen, wobei einige Songs im Milieu der Hauptfigur definitiv Geschmackssache sind.
Gewiss fehlt es der Erzählung an einigen Stellen an Ecken und Kanten und reine Sportfreunde werden das etwas länger anhaltende Mitfiebern bei den Kämpfen vermissen. Anderweitig beweist der Streifen Herz und thematisiert anbei die ungleiche Behandlung und Bewertung der Geschlechter im Sport. Die insgesamt saubere Inszenierung und die Vermeidung von Kitsch und Polemik sind ebenfalls positiv zu betrachten.
6,5 von 10