Habemus Thriller - heilig, herrlich, hochspannend
Nach seinem Oscar-Triumph mit „Im Westen nichts Neues“ hätte Edward Berger sich bequem auf den Lorbeeren des Ruhms ausruhen können – ein wenig Champagner, ein paar Festivaljurys, ein Drehbuch hier, ein Gastauftritt dort. Doch nein: Berger tut, was große Regisseure tun – er bleibt hungrig. „Konklave“ heißt sein neuer Film, und das Setting klingt zunächst so aufregend wie eine Kirchenchronik: ein Raum voller alter Männer in roten Roben, eingeschlossen hinter dicken Mauern, um einen neuen Papst zu wählen. Kein Wunder, dass man zunächst an Weihrauch statt an Hochspannung denkt.
Doch schon nach den ersten Minuten weiß man: Das hier ist kein sakraler Schaukasten, sondern ein nervös pulsierender Thriller – präzise gebaut, atmosphärisch dicht und bis ins Detail durchkomponiert. Berger verwandelt die feierliche Liturgie in ein Machtspiel, das so elektrisierend wirkt wie ein Politdrama von George Clooney, nur in Latein. Und wie es sich für einen Filmemacher gehört, der den Krieg in Schützengräben filmisch neu erfand, scheut er auch hier nicht die großen Fragen: Was bedeutet Glaube in einer Welt der Intrigen? Und wer entscheidet, was göttlich ist – Gott oder die Mehrheit? Basierend auf der Romanvorlage von Robert Harris, gelingt Edward Berger ein Film, der einerseits spannend und zugänglich bleibt, andererseits aber in seiner symbolischen Tiefe und emotionalen Wucht frappierend vielschichtig ist.
Nach dem Tod des Papstes wird der Vatikan zur Bühne eines spirituellen Machtkampfes. 118 Kardinäle aus aller Welt versammeln sich in der Sixtinischen Kapelle, um durch geheime Wahl den neuen Pontifex zu bestimmen. Doch je länger das Konklave dauert, desto mehr Risse zeigen sich in der Fassade der Heiligkeit. Es ist ein Ort, an dem Glauben, Politik und menschliche Schwäche in einen feinen, beinahe giftigen Tanz geraten. Kardinal gegen Kardinal, Macht gegen Moral, Überzeugung gegen Kalkül. Ralph Fiennes spielt Kardinal Lawrence, den Leiter des Konklaves, als Mann von unerschütterlicher Würde und stiller Zerrissenheit – ein Geistlicher, der längst mehr Fragen als Antworten hat. Während Rauch aufsteigt und Geheimnisse durchsickern, wächst aus der rituellen Ordnung ein Sog der Spannung, der den Zuschauer förmlich einsperrt.
Drehbuch und Inszenierung wirken wie aus einem Guss – präzise, elegant, dramaturgisch messerscharf. Das Drama entfaltet sich in Schichten: politisch, spirituell, moralisch. Berger und sein Team schaffen es, die Regeln des kirchlichen Rituals mit der Mechanik des Thrillers zu verweben. Dass „Konklave“ von Beginn an fesselt, liegt auch an seiner Struktur. Mit jeder Abstimmung, jedem Flüstern hinter vorgehaltener Hand öffnet sich ein weiteres Geheimnis, bis am Ende nicht mehr klar ist, wer hier wirklich der „Heilige“ ist. Der Vatikan wird zur moralischen Kampfzone, das Konklave zum Mikrokosmos der Menschheit – ein Ort, an dem sich Idealismus und Machtgier bis zur Ununterscheidbarkeit vermischen.
Zwischen Weihrauch und Weltpolitik
Die Kameraarbeit in „Konklave“ ist schlichtweg grandios. Der Kontrast zwischen Dunkelheit und Erleuchtung ist nicht nur visuell, sondern thematisch zentral. Berger und sein Kameramann Stéphane Fontaine verwandeln religiöse Ikonografie in filmische Symbolik, ohne in Kitsch zu verfallen. Wenn es um Ausstattung geht, spielt „Konklave“ in der absoluten Oberliga. Der Vatikan wird mit einer Opulenz inszeniert, die zugleich ehrfürchtig und subversiv ist. Die Gewänder, die Fresken, das Spiel mit Gold und Purpur – alles atmet Geschichte, alles ist durchdrungen von Bedeutung. Besonders beeindruckend ist, wie detailverliebt Berger und sein Team arbeiten, ohne jemals in barocke Überinszenierung zu verfallen. Alles ist präzise ausbalanciert: sakrale Schönheit trifft auf eiskalten Machtapparat.
Ralph Fiennes als Kardinal Lawrence ist schlicht eine Offenbarung. Seine Darstellung trägt den Film – mit der stillen Gravitas eines Mannes, der zwischen Glaube und Gewissen zerrieben wird. Mit seiner Mischung aus Intellekt, Verletzlichkeit und Autorität verleiht er seinem Charakter Tiefe, Profil und eine besondere Ausstrahlung. Fiennes spielt mit Nuancen, mit minimalen Gesten. Auch der Rest des Casts, allen voran Stanley Tucci, John Lithgow und Isabella Rossellini wissen zu überzeugen.
Fazit
„Konklave“ ist großes, reifes Kino – elegant, packend, bedeutungsvoll. Ein Film über Glaube, Zweifel und Macht – und darüber, wie dünn die Linie zwischen göttlicher Berufung und menschlicher Eitelkeit wirklich ist. Es ist ein Film der Blicke, der Räume, der feinen Töne – von atemberaubender Handwerkskunst, getragen von einem Ensemble, das jeder Preisjury das Wasser im Weihbecken gefrieren lässt. Dazu kommt ein opulente Ausstattung, fantastische Kameraarbeit und ein unvergesslicher Score. Edward Berger beweist erneut, dass er einer der interessantesten europäischen Regisseure unserer Zeit ist: ein Mann, der Bilder zum Beten schön inszeniert und zugleich das Menschliche nie aus den Augen verliert.