Mit dem reichhaltig splatternden, aber inhaltsleeren „Versus“ sorgte Regisseur Ryuhei Kitamura im Jahr 2000 über die japanischen Grenzen hinaus für Aufruhr. Eingefleischte Gorefreaks erhoben das Werk hastig in den Filmolymp, während Skeptiker hier nur einen durchschnittlichen Actionfilm mit schicken choreographierten Kämpfen und vor allem viel Blut sahen. Dass er ernsthaft gute Filme drehen kann, will Kitamura mit „Azumi“ beweisen.
Er hat tatsächlich dazu gelernt. Man findet eine halbwegs sinnvolle Geschichte vor, die Charaktere sind, zumindest zum Teil ausgearbeitet und ganz so übertrieben kommen die roten Plastikbeutel auch nicht mehr zum Einsatz. In „Azumi“ befinden wir uns irgendwo im nirgendwo, einer phantastisch angehauchten Welt, die an das alte Japan erinnert. Hier lebt die titelgebende Azumi zusammen mit 9 Freunden. Ihr Leben lang wurden sie von ihrem alten Meister, der einst auf dem Schlachtfeld schwor alles Übel zu bekämpfen, ausgebildet, um nun ihre Lebensaufgabe anzugehen. Ein paar Kriegsherren sollen getötet werden, um ihrem bösartigen Treiben ein Ende zu setzen.
Optisch macht der Film einiges her. Die Kameraarbeit ist abwechslungsreich und spektakulär. Es ist selten, dass sie nicht in irgendwelchen Motiven schwelgt oder die Protagonisten in ein heroisches Licht taucht. Die obligatorischen Schwertkämpfe mit den bösen Schergen sind hervorragend choreographiert, aber das kennt man von Kitamura nicht anders. Was dabei stört sind seine vielen Stilbrüche, die die Atmosphäre des Films kaputt macht. Hin und wieder erinnert die Inszenierung an altmodische Eastern, dann wummert moderner Sound und die Kamera flutscht wie wild durch die Gegend. Auch die kleinen CGI-Spielereien haben hier nichts verloren, da der Film besonders zum Ende hin dadurch wie eine Videospieladaption aussieht.
Auf der Suche nach den Warlords trifft man natürlich auf diverse Probleme. Soll man gepeinigten Dorfbewohnern helfen oder den Auftrag im Auge behalten? Ein Attentat misslingt, weil nur ein Double ermordet wurde und allem Übel wird auch noch ein Mitglied der Truppe vergiftet. So ausufernd, blutig und klasse die Schwertkämpfe auch sind, abseits davon wird man mit vielen langatmigen Dialogen bedient. Fans mögen sie als wichtig für die Charaktere und deren Entwicklung sehen, sicher haben sie nicht unrecht, aber bei einem Film von über zwei Stunden hätte man sich auch mal etwas kürzer fassen dürfen.
Die Charaktere waren schon bei „Versus“ so eine Sache. Hier hampeln sie wenigstens nicht ganz so komisch durch die Szenerie und bleiben ernster. Auch wenn Kitamura sich ein paar Albernheiten nicht verkneifen kann. Man verspürt zum ersten Mal so etwas wie Zuneigung, zumindest Azumi wird sogar etwas Tiefe zugestanden. Die innere Zerrissenheit sich für ihre Mission oder für ein freies Leben entscheiden zu müssen, nagt an ihr. Schade nur, dass sie die einzige bleibt, die mehr als eine Stereotype ist. Der Rest bleibt zumeist oberflächlich und wird unter Wert verkauft.
Das Feeling einen außergewöhnlichen Film zu sehen wollte sich zumindest bei mir (und da stehe ich bei einer asiatischen Produktion einmal mehr fast allein) nicht einstellen. „Azumi“ wirkt trotz seiner tollen Kämpfe irgendwie leb- und seelenlos. Die Locations sind so trocken, farblos und kaum bevölkert. Die Story reißt nicht vom Hocker, nie wird einem das Gefühl gegeben, man sieht hier eine Truppe junger Krieger, die die Welt verändern will. Hier fehlt Kitamura noch das letzte Quäntchen Können, um etwas wahrhaft Großes auf die Beine zu stellen. Da können Choreographie und Kameraarbeit noch so großartig sein.
Azumi-Darstellerin Aya Ueto ist der unumstrittene Star des Films. Sie kann mit dem Schwert umgehen und im Gegensatz zu einigen Filmkollegen hier auch etwas schauspielern. Optisch und von ihrer Mimik her ist sie schlicht die real gewordene Mangavorlage, was man vom Rest nicht immer behaupten kann. Ich kenne die Vorlage nicht, aber insbesondere das weiße Nachtgespenst mit der roten Blume zwischen den Kauwerkzeugen, ist deutlich von einem homoerotischen Touch geprägt. Fraglich ob das so beabsichtigt war.
Fazit:
„Azumi“ vermochte bei mir nicht diesen sagenumwobenen Effekt auszulösen, auf dem die ganzen Lobeshymnen beruhen. Sicher hat der Film viele Zutaten eines guten Samurai-Films, wirkt aber inszenatorisch nicht ganz homogen. Für meinen Geschmack vermischt Kitamura hier zu viele Stile. Während die einwandfrei choreographierten Kämpfe pures Augenfutter sind, bleibt der Film, was Charakterentwicklung und Spannungsaufbau angeht, meist liegen. Da sich schauspielerisch wenigstens keine Blöße gegeben wird und sich die albernen Einfälle in Grenzen halten, reicht es noch zu einem überdurchschnittlichen Genrebeitrag. Allein Azumis Endkampf gegen eine Übermacht und dem folgenden Endgegner sollte jeder Samuraifan mal gesehen habe. Nett, aber nicht der erwartete Überfilm.