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Mit „Zatoichi“ wagte sich Takeshi Kitano auf ein ihm völlig neues Gebiet – das des historischen Samuraifilms. Dazu bediente er sich des bekannten Stoffs des blinden Masseurs und Namensgeber des Films, den er mutig auch gleich selbst verkörpert.

In einem kleinen japanischen Dorf so um die Jahrhundertwende herum tobt ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Yakuza-Banden, der auf dem Rücken der geschröpften Dorfbewohner ausgetragen wird. Allerhand verschiedene Hauptfiguren gesellen sich zum ländlichen Treiben hinzu, um ihren Teil zur verstrickten Handlung beizutragen – ein Ronin, der sich bei einem der Bosse als Leibwächter bewirbt, um eventuell an Geld zu kommen, mit dem seine todkranke Frau geheilt werden könnte, ein mordendes Geschwisterpärchen, das auf der Suche nach dem Mörder ihrer Eltern ist, ein Taugenichts der gerne mal sein Geld in einer Würfelbude verspielt und eben der blinde Masseur, der mit den Ereignissen um die Yakuza eigentlich gar nichts zu tun hat. Doch schnell werden alle in diesen Strudel hinein gezogen und sehen sich mehr oder weniger unfreiwillig mit ihrem Schicksal konfrontiert. Dabei wird jedoch erst im Verlaufe des Films aufgelöst, wer genau weswegen hier ist...

Kitanos eingegangenes Wagnis, eine ironische Parodie auf völlig fremden Terrain zu drehen, gelingt durch und durch. Wieder einmal etwas mehr auf skurillen Humor bedacht, unterhält er den Zuschauer wie in einem Theaterstück mit komischen Charakteren, humorvollen Dialogen und Einfällen und ironischen Hamdlungswendungen. Im schwindenden Zeitalter der Samurai kommt auch fulminante Schwert-Action keineswegs zu kurz, und so wird gekämpft was das Zeug hält, während Kitano den roten Lebenssaft wie mit einem Pinsel über die Fernsehleinwand verteilt. Auf jeden Charakter wird bis ins Detail eingegangen, mal auf sehr lustige, mal auf besonders tragische Art, so das nicht nur ein Strudel von Gewalt und Unklarheiten, sondern auch von Gefühlsmischungen entsteht, der sich früher oder später jeglicher Aufmerksamkeit gewiss sein kann. An seiner Darstellung merkt man sofort, dass sich Kitano für seine persönliche Hauptrolle sehr eingespielt hat, um ihr einen speziellen Touch zu geben, ohne egoistisch den Fokus des gesamten Films auf sich zu legen. Darüber hinaus wird die individuelle Musik in den Film eingewebt wie ein Wollfaden – so sieht man auf dem Feld Bauern, die die Spitzhacke genau zum Rhythmus ins Feld rammen oder den tobenden Kitano, wie er im Gänseschritt zu brausenden Klängen auf seinen gefährlichsten Gegner zuwatschelt.

Ein modernes Meisterwerk über eine längst nicht mehr aktuelle Zeit – die beste Auseinandersetzung mit der Thematik seit den Verfilmungen von Kozure Okami. Takeshi Kitano ist und bleibt der große Meister des neuen Films aus Japan. Und auch sonst überall.

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