Bei Zatoichi handelt es sich um eine in Japan sehr bekannte Romanserie, von der es auch unzählige Filme und etwa 100 TV-Episoden gibt, die ich aber alle nicht kenne. Im Zuge der boomenden Kostüm- und Swordsplay-Filme aus Asien (Tiger & Dragon, Hero, Musa usw.) hat sich Takeshi Kitano (Brother, Violent Cop, Hana-Bi) jetzt des Stoffs angenommen und damit seinen ersten Film dieser Art inszeniert. Ansonsten ist Kitano ja eher für düstere Gangsterfilme und schwere Dramen und aus seiner eigenartigen Comedy-Sendung Takeshi’s Castle, deren Humor man als Europäer nicht nachvollziehen kann, bekannt. Wie bei den meisten seiner Filme hat er auch gleich noch die Hauptrolle übernommen.
Zatoichi (Kitano) ist ein umherreisender, mysteriöser Masseur (!), der blind ist und sich seinen Lebensunterhalt neben dem Massieren mit Glücksspielen verdient. Man sollte allerdings nicht den Fehler begehen, sich mit ihm anzulegen. Diesen Fehler begehen im Laufe des Films sehr viele Personen, und das ist dann meistens auch der letzte (und schwerwiegendste) Fehler ihres kurz darauf in einer gewaltigen Blutfontäne endenden Lebens. Denn Zatoichi ist trotz seiner Blindheit ein begnadeter Schwertkämpfer und erledigt seine Gegner meistens mit einem einzigen Schlag. Den blinden Mann mit den O-Beinen verschlägt es in eine Stadt, die komplett von Gangstern regiert wird. Dort kommt er bei einer älteren Witwe, deren Neffe glücksspielsüchtig ist, unter.
Daneben verschlägt es noch weitere Personen in die Stadt: ein weibliches Geschwisterpaar, das auf Rache aus ist, denn vor vielen Jahren wurde ihre komplette Familie von Gangstern im Schlaf getötet, und nur die beiden konnten entkommen. Während die Geschwister seit Jahren auf der Suche nach den Mördern sind, halten sie sich damit über Wasser, dass sie Männer erst verführen und dann ausrauben. Als die Geschwister diese Masche auch bei Zatoichi und dem spielsüchtigen Neffen versuchen (nachdem die beiden auf Spieltour waren), kommt ihnen Zatoichi auf die Schliche. Das Geschwisterpaar beichtet ihm ihre Geschichte, und Zatoichi beschließt, ihnen zu helfen. Währenddessen heuert ein arbeitsloser Samurai, der wie Zatoichi ein exzellenter Schwertkämpfer ist, beim Gangsterboss der Stadt an, um Geld für die medizinische Behandlung seiner kranken Schwester zu verdienen. Der Gangsterboss selbst will die Macht über die ganze Stadt haben und setzt den neuen Samurai ein, um unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Langsam aber sicher bahnt sich eine Konfrontation zwischen Zatoichi und dem Samurai an, und es gibt auch Hinweise auf die Verbrecherbande, die die Familie der beiden Geschwister ermordet hat...
Takeshi Kitano goes Swordsplay, wer hätte das vor einigen Jahren gedacht...
Und das Beste daran ist: ihm ist damit einer seiner besten Filme überhaupt geglückt. Zatoichi steht einerseits in der Tradition der Klassiker von Akira Kurosawa (vor allem Yojimbo, Sanjuro und Seven Samurai), andererseits hat der Film auch eine erfrischend moderne Note und ähnelt damit auch Filmen wie Tarantinos Kill Bill. Und gerade an diesen habe ich mich des Öfteren erinnert gefühlt. Das liegt einerseits an den riesigen Mengen Blut, die in den zahlreichen Kämpfen fließen. Kitano setzt hierbei vor allem digitale Bluteffekte ein, die nicht unähnlich zu denen aus Battle Royale 2 aussehen. Im Gegensatz zu Battle Royale 2 finde ich diese etwas comichaft aussehenden Blutfontänen hier völlig passend, sie verleihen dem Film eine ganz eigene, etwas unwirkliche Note. Die zweite Parallele zu Kill Bill besteht in der eleganten Kameraführung und dem hervorragenden, stets passenden Soundtrack, der in meisterhafter Manier auf den Film abgestimmt ist. Zu erwähnen ist auch der exzellente Schnitt, wobei Kitano genau die richtige Balance zwischen langen, ruhigen Aufnahmen und schnelleren Wechseln in den Kampfszenen (die, obwohl fast jeder Gegner schon nach dem ersten Schlag ins Gras beißt, übrigens hervorragend choreographiert sind) trifft.
Kitano selber agiert in seiner gewohnt zurückhaltenden Art, fast ohne eine Miene zu verziehen, wie man es ja aus vielen seiner Filme kennt. Trotzdem schafft er es in jeder Szene wieder, neue Akzente zu setzen, wodurch er seine außergewöhnliche darstellerische Klasse beweist. Überhaupt gibt es nicht viele Regisseure, die als Darsteller ebenbürtig gut sind oder umgekehrt. Auf Anhieb fällt mir da nur Clint Eastwood ein, der ebenfalls bei vielen seiner Filme Regie geführt hat und in beiden Kategorien glänzt. Die Leistungen der übrigen Schauspieler sind ebenfalls allesamt im grünen Bereich. Für die letzten Minuten des Films hat sich Kitano eine kleine Überraschung ausgedacht, die ich so auch nicht erwartet hätte, nämlich eine Stepptanz-Szene. Klingt zwar befremdlich, passt aber hervorragend als Abrundung in den Film herein.
Fazit: Zatoichi ist für Kitano-Verhältnisse relativ leichtverdaulich, fast schon ein Popcorn-Film, der überraschend actionreich, spannend und humorvoll ist. Zwischen den Dialog- und den sehr blutigen Kampfszenen, die auch jeden Splatter-Fan zufrieden stellen müssten, hat Kitano aber auch wieder zahlreiche für ihn typische poetische Momente eingebaut, z.B. die brillante Rückblende auf die Jugendzeit der beiden Geschwister in der Mitte des Films. Insgesamt wirkt Zatoichi nicht so melodramatisch und tiefschürfend wie z.B. Sonatine, Violent Cop oder Hana-Bi, geschweige denn dem etwas langatmigen Dolls. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist er diesen Filmen zumindest ebenbürtig, wenn nicht noch besser. Definitiv ein must-see, und dafür gibt es fette 9/10.