Bud (Vincent Gallo) ist Mitte 30 und bereits ein gebrochener Mann. Der Grund (wie immer): `ne Frau.
Um genauer zu sein: eine verflossene Flamme, für die sein geschundenes Herz immer noch hellauf lodert.
Eines Tages setzt sich Bud ans Steuer seines Wagens und begibt sich auf die Suche nach dieser Frau, dieser Liebe seines Lebens. Der Trip entpuppt sich als Reise quer durchs Land und die dunkle Vergangenheit unseres Protagonisten…
„The Brown Bunny“ ist so ungefähr d e r Vincent Gallo-Film:
Gallo führt Regie, verkörpert die Hauptrolle, fungierte als Produzent und schrieb gar das Drehbuch… Sollte es also wirklich Fans von diesem arroganten Schleimbolzen geben, bekommen die hier Gallo im XXL-King Size-Format serviert, Wuschelfrisur, Schlafzimmerblick und Drei-Tage-Stoppeln freilich inklusive.
Aber zurück zum Thema - …dass ich bis dato kein großer Gallo-Fan war (Betonung auf war, ich wurde nämlich bekehrt...), habt ihr ja mittlerweile mitbekommen… - und hinein in die braune Soße. Was hat der Streifen neben einem ego-wichsenden, aber zugegebenermaßen schauspielerisch wirklich beeindruckenden Gallo denn so zu bieten?
Hm, mal sehen… Wo fang ich da am besten an? „The Brown Bunny“ ist zunächst einmal ein sehr ruhiger, emotional gedämpfter und minimalistischer Film, was erstens bedeutet, dass hier sehr wenig gesprochen wird (wirklich sehr, sehr wenig: glaub, in den 90 Minuten fallen vielleicht 20 Dialoge, kein Scheiß…), zweitens, dass der Film mit sehr minderen technischen Mitteln fabriziert wurde (sehr ungeschminkter Look fast schon im Dogma-Bereich), und drittens dass der Streifen der Hektik-, Hetze- und Party-Mentalität des Mainstreams den Stinkefinger zeigt und sich hier daher insgesamt sehr wenig Handlung abspielt.
Ergo: der Streifen besteht eigentlich n u r aus statischen Aufnahmen in Zigarettenlänge, in denen nichts, aber rein gar nichts passiert.
Hm, klingt ja fad. Und was spielt sich hier dann so ab?
Tja, Gallo duscht beispielsweise, oder er tankt, trinkt Kaffee, hockelt am Boden, starrt Löcher in die Luft, flennt vor sich hin oder fährt Auto.
Von letzterem gibt’s sogar so viel, dass man den Film glatt mit dieser Sendung auf ZDF, die nach Sendeschluss läuft, verwechseln könnte, in der man in der Ego-Perspektive eines Zuges durch die Landschaft rauscht.
Gut 90% des Films gurkt Gallo nämlich einfach nur durch die Gegend - Fokus dabei auf unseren regungslosen Antihelden, der sich, wenn’s hoch kommt, mal durch die Mähne fährt oder am Kinn kratzt, und das Seitenfenster - wobei dem Zuschauer allerdings nicht die Vielfalt der US-amerikanischen Pampa näher gebracht werden soll, sondern der Gucker vielmehr dazu gezwungen wird, einen Gang runter zu schalten, sich zurückzulehnen und die Gedanken driften zu lassen.
Wäre das Cruisen mit besserer, etwas einschmeichelnder und besänftigender Musik unterlegt
(ich denke da an Air – „All i need“, Pavement – „Zurich is stained“, an Nada Surf, Múm, Sigur Rós, Ms. John Soda…)
würd das Zuschauen wahrscheinlich gar Spaß machen. So ist der Vorgang des Reinziehens allerdings schon fast (und mit „fast“ meine ich „volles Rohr“!) als mühselig zu werten.
Also perfekt zum Einschlafen, oder? – Ja, in der Tat muss ich gestehen, mehrere Anläufe gebraucht zu haben, um den Streifen wachen Auges zu überstehen. Doch, lasst euch gesagt sein, die Mühe lohnt sich…
Was noch? – Ah ja, zwei Sachen noch:
1.) Der Streifen ist, wie ja bereits erkannt, in so ziemlich jeder Hinsicht minimalistisch, was sich jetzt auf Handlung, Darsteller (gibt es auch nur eine handvoll von), Dialoge, die technischen Mittel und auch auf die Darstellung und Zurschaustellung von Emotionen bezieht.
Obwohl sich der Streifen also nur sehr selten emotional entlädt, transportiert er doch ein sehr depressives, nihilistisches Grundfeeling, das zum einen auf die direkte, sachliche und distanzlose Kameraführung – ein Stilmittel, das einem ein Gefühl von ungefilterter Realität vermittelt - und zum anderen auf die hohe Kunst von Gallos Schauspiel zurückgeführt werden kann.
Unserem Protagonisten Bud scheint so ziemlich alles am Arsch vorbei zu gehen, gleichzeitig spiegelt er aber auch einen so zerbrechlichen und seelisch zerrütteten Charakter wider, dass er glatt Kitano in „Hana-Bi“ oder „Sonatine“ alle Ehre macht.
Äußerlich ein Eisblock, innerlich lauwarm und zerbrochen – sehr fein…
2.) Gallo ist hier trotz seiner seelischen Behinderung - seinem zersplitterten Herzen - als absoluter Ladykiller unterwegs. Auf seiner Traumsuche liest der Loverboy mehrere Chickas vom Straßenrand auf, doch keine scheint ihm das Gefühl zu vermitteln, nach dem er so sehr dürstet.
Dennoch hat unser Muschitorero mit so ziemlich jeder Tussi was, mit der er was haben will. Er braucht nur mit dem Finger zu schnippen und den Schnallen fliegen die Höschen davon.
Als unwiderlegbaren Beweis für seine Männlichkeit lässt sich Gallo dann sogar vor versammelter Mannschaft einen blasen …und zwar in echt!
Ja, ihr habt richtig gehört: unglaublich, aber wahr, diese Film beinhaltet eine Hardcore-Szene. Zwar keine wirklich geile und ausschweifende, sondern eher eine von der ästhetischen, symbolisch gemeinten Sorte, doch der erigierte Pimmel ist eindeutig und überdeutlich im Kauapparat.
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Krass, ey… Welchen Sinn und Zweck oder welche Aussage dieser Blow Job zu transkribieren versucht, blieb mir jedoch gänzlich verborgen.
Einzig und allein schocken, wie der „Wichser“ in „Ken Park“, war, glaub ich, nicht Sinn der Sache.
Vielleicht wollte unser strammer Bursche nur mit übertrieben realistischen Mitteln den Ernst der Situation unterstreichen, wer weiß…
Gut, damit dürfte so ziemlich alles gesagt sein:
Gallo kurvt stundenlang wortlos durch die Pampa, starrt sinnlos vor sich hin, bricht ohne ersichtlichen Grund in Tränen aus… und lässt sich zu guter Letzt noch den Pillermann lutschen. Das ist „The Brown Bunny“.
Ein Film so ruhig und beschaulich, dass man ihn als außergewöhnlich, befremdend oder unkonventionell empfindet, und ihn fast mit einem Stummfilm verwechseln könnte.
Andererseits aber auch so roh , direkt und ungeschminkt wie ein Larry Clark-Film. Gus Van Sant ("Drungstore Cowboy", "My Private Idaho", "Elephant"...) hatte ja auch seine Finger mit im Spiel, vielleicht kommt das ja daher…
Für die Aktion, sich in aller Öffentlichkeit oral einen runterholen zu lassen und das dann als Kunst zu verkaufen, gibt’s von mir jedenfalls fetten Respekt und Bonus-Punkte. Der Streifen hat nebenbei bemerkt sogar eine FSK 16-Freigabe – was sagt ihr dazu?
Ob nun drastisches Stilmittel oder Tabupisserei sei mal dahingestellt, „The Brown Bunny“ vermittelt jedenfalls ein schön downendes Feeling, das sich wie ein kühlender Schatten über die Hirnlappen legt.
Für’s Mainstream-Publikum gewiss zu inhaltslos und negativ, wer allerdings mit Jarmusch-Filmen oder cineastischen Stillleben wie „Eureka“ oder „19“ etwas anzufangen weiß, der wird sicherlich auch hier in Verzückung geraten.
Der einzige „Brown Bunny“, den man hier zu Gesicht bekommt, ist zwar Gallos Busch, aber das verzeiht man angesichts des ansonsten lückenlos aufgehenden Gesamtkonzepts doch ganz gerne.
Fazit daher:
Stummes Roadmovie, Depri-Porno und Antifilm, der sich selbst wohl am besten mit folgender Dialogzeile definiert:
„Hi, wie steht’s?“
- „Fein.“
„Willst du ein bisschen Spaß?“
- „Nein, danke.“
Ergo: Ein Streifen dem man sowohl den Oscar, als auch die „Goldene Himbeere“ verleihen könnte.
Definitiv nix für die breite Masse oder den nächsten Polterabend! Ich für meinen Teil fand ihn aber schon ziemlich fantastisch…