Review

Kaum ein Mensch wird wissen, wo Gammesfeld liegt. Und wenn man dann sagt, dass dort die kleinste Bank Deutschlands ihren Sitz hat - wird's immer noch keiner wissen. Nun, die Dörfler sagen hier was anderes, aber auch ich bin nur durch Zufall auf diesen in vieler Hinsicht einzigartigen Dokumentarfilm gestoßen: Eine Bank - die Raiffeisenbank Gammesfeld - lässt scheinbar einen Traum wahr werden: Es gibt noch eine Region, die scheinbar abgeschottet vom Rest der Welt gleich einem gallischen Dorf insbesondere die weitreichenden Auswirkungen der Finanzmarktkrise unbeschadet überstanden hat.

Wie sollte der Herr Bankdirektor Fritz Vogt auch an diesem Bankdesaster beteiligt gewesen sein, wenn man noch nicht mal einen Computer im recht übersichtlichen Anlagevermögen sein eigen nennt? Der einzige Luxus in seinem Multifunktionsraum - bestehend aus Kassentheke, Sekretärinnenplatz, Geschäftsführer- und Kundenberatungstisch - ist ein Telefon. Natürlich mit Wählscheibe, versteht sich. Dass seine Kunden ohne Geldautomat und Kontoauszugsdrucker auskommen müssen, mag dann eigentlich nicht mehr überraschen. Doch es funktioniert, das Vogtsche Bankenmodell, nachweislich seit 1890 und in der dritten Familiengeneration. Da muss man auch mal ertragen, bei Beckmann im Fernsehen Rede und Antwort zu stehen, was der wackere Finanzier dann auch mit stoischem Gleichmut hinnimmt.

Was die beiden Regisseurinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier in ihrer Dokumentation in ungelackten Bildern zeigen, ist viel mehr als nur ein Phänomen in der heutigen Bankenlandschaft. Es ist ein Film über ein ganzes Dorf, in der die Bank im täglichen Leben der einfachen Leute genauso eine Rolle spielt wie der einzige noch existierende kleine Supermarkt am Platz, die Kirche, die Feuerwehr oder natürlich auch der Dorfkrug. Alles Orte als Inbegriff eines sozialen Netzwerks, in denen sich die Menschen treffen und mit ihnen ihre alltäglichen Sorgen. Wenn man so will, also ein ganz normales Dorf, hier gibt es Angst vor Arbeitslosigkeit, unerfüllbar scheinende Zukunftsträume und eine Menge trister Tage. Und einmal im Jahr die Muswiese, ein Volksfest, zu dem man einem Gewohnheitsritual zuliebe hingeht, sich dann aber doch wieder über ein wenig Abwechslung freut und gleichzeitig über die immer teurer werdenden Fressbuden ärgert.

Dabei ist es erstaunlich, wie sich die beiden Filmmacherinnen mit den Dörflern während der Drehzeit immer besser verstehen, gelten doch letztere gegenüber Fremde und erst recht beim Auftauchen einer Kamera als verschlossenes Völkchen. Doch es scheint, dass hier mit dem richtigen Einfühlungsvermögen an das Projekt heran gegangen wurde. Das Team wirkt bald wie zu den Einheimischen dazu gehörig, was auf die zurückhaltende Art zu drehen zurück zu führen ist. Dazu gehört auch, dass es kaum gestellte Interviews gibt. Hin und wieder mal ein Nachhaken, klar, aber ansonsten darf man als Improvisationskünstler nach Herzenslust sein Inneres nach außen kehren.

Doch letztlich landet man doch immer wieder bei Herrn Vogt, dem sympathischen Bankdirektor (für ihn übrigens ein Schimpfwort), der ohne Binder hinter seinem wurmstichigen Tresen steht und so gar nicht wie ein Banker aussieht. Manch lustige Anekdote sprudelt aus ihm raus und die Bankenaufsicht hat's mit dem renitenten Genossenschaftler auch nicht einfach, wenn er Briefe zur Aufforderung zur Meldung von Taliban-Konten einfach in die Rundablage befördert. Doch er spricht auch ernste Themen an, was andere nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand aussprechen. Die Selbstmordrate ist in Gammesfeld höher als in der hohenloheschen Umgebung. Und Ehen gehen hier zu Bruch, „dass es nur so pfeift". Da ist es wieder, das wahre Leben in ungeschönten Bildern, die zu Momenten der Nachdenklichkeit gerinnen.

Was vor allem auffällt, dass Fritz Vogt dabei selten den Eindruck eines Gestrigdenkenden vermittelt. Dass er auf moderne Technik verzichtet, ist nicht einfach nur als Verweigerungshaltung zu verstehen, sondern eher bittere Notwendigkeit. Anders würde sich ein so kleines Institut wohl kaum rechnen. Ebenso würde eine zusätzliche Personalkraft unbezahlbar sein. Und er ist Realist genug um zu wissen, dass die Welt sich nach ihm weiterdreht und dann auch in Gammesfeld die Uhren anders gehen. „Synergieeffekte durch Fusionen." Ihn schüttelt's dabei, als er darüber spricht. Und es mutet fast unglaublich an, dass er sicht doch geirrt haben sollte, denn was zum Zeitpunkt der Doku noch keiner wusste: Bei Vogt seinem Eintritt in den Ruhestand hat sich doch tatsächlich ein Nachfolger gefunden, um das Erbe fortzuführen. Und dass der neue Geschäftsführer mit einem Laptop arbeitet, findet Vogt sogar gut.

Dass „Schotter wie Heu" in seiner Gesamtheit gesehen auf die volle Laufzeit betrachtet ein wenig anstrengt, ist auch dem ständigen Mitlesen der Untertitel (!) geschuldet, denn die Leut' in der Hohenloher Ebene sprechen einen gar eigentümlichen Dialekt. Und neben manch aufregenden Szenen gibt's hin und wieder auch Langweiliges. Aber genau betrachtet ist das Leben ja gerade eben so. Und was man aus dieser urigen Produktion auf alle Fälle mitnimmt: Man sollte hin und wieder mal den Blick für die wesentlichen Dinge schärfen, egal ob im Leben oder speziell im Bankgeschäft. Diese Art von Erdung würde manchen Nieten im Armani-Anzug wahrlich gut tun, wenn sie das nächste Mal wieder in ihren Glaspalästen sitzend mit virtuellen Werten handeln.

Details
Ähnliche Filme