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Codename 13

Zweite Netflix-Auftragsarbeit von Horror- und Actionprofi Timo Tjahjanto, die eine entfesselte Auftragskillerin auf die Unterwelt von Jakarta loslässt und dabei in Sachen Drastik und Kampfrasanz selbst John Wick in den Schatten stellt.

Wer heute regelmäßig seiner Leidenschaft für brachiale Action frönen will, der hat sich längst von Hollywood losgesagt und dem asiatischen Kino verschrieben. Ob Hongkong, Japan oder Südkorea, drastische Gewaltspitzen, hoher Bodycount, irre Stunts und rasante Kampfchoreographien sind fixer Bestandteil der Genre-DNA. Was dort mit Kugeln, Hieb- und Stichwaffen sowie Fahrzeugen aller Art und Größe angerichtet wird, degradiert die Auftritte der relevanten US-Konkurrenz um Dom Torreto oder die bösen Jungs aus Miami zu Kindergeburtstagen mit Schnitzeljagd. 

Seit einer guten Dekade gibt es einen neuen Player auf diesem Rummelplatz fürs Derbe. Mit der lediglich in einem Hochaus angesiedelten Adrenalin-Schlachtplatte „The Raid“ (2011) knallte der in Indonesien lebende Waliser Gareth Evans seine Wahlheimat auf einen Schlag ins Rampenlicht puristischer Action-Jünger. Seitdem genügt schon die Kombination aus Genre und Herstellungsland, um die dürstende Fangemeinde zu elektrisieren. So geschehen auch beim neuesten Streich Timo Tjahjantos. Der Indonesier ist aktuell einer der heißesten Namen im unzimperlichen Horror- und Actionregal. Spätestens mit der Gewaltorgie „The night comes for us“ (2018) legte Tjahjanto eine Visitenkarte vor, die seinen Output in den elitären Kreis der Must-See Movies katapultierte. Die Folge war unter anderem ein Exklusivvertrag mit dem Streaming-Giganten Netflix, der schon seit längerem die erfolgreiche Strategie verfolgt, lukrative Namen verschiedenster Genres und Länder an sich zu binden.

Nachdem er sich mit der vergleichsweise leichten Action-Komödie „The Big For“ lediglich warm geschossen hatte, durfte Tjahjanto auch gleich den ersten richtigen Kahlschlag von Netflix „Indonesian original Slate“ führen, frei nach dem Motto: „Start with a bang!“. Und der so ehrfurchtsvoll Beleumundete liefert wie erhofft. „The Shadow Strays“ - hierzulande unter „Codename 13“ abrufbar - ist ein Action-Thriller mit all den Trademarks, die Indonesien zum Hotspot auf der Genre-Landkarte machten. Der Hollywood Reporter brachte es auf den Punkt mit seiner fiktiven KI-Anfrage: “Give me John Wick but make it Indonesian women with uzis and samurai swords — and more brutal.”

Die Story ist dabei nach guter alter Tradition so nebensächlich wie zweckdienlich. Im Zentrum steht eine junge Auftragskillerin mit der Codenummer 13. Um ein vollwertiges Mitglied der im Untergrund operierenden Killer-Organisation „The Shadow“ zu werden, muss sie allerdings erst unter den strengen Augen ihrer Ausbilderin Umbra bestehen. Als Naomi alias 13 bei einem Auftrag in Japan eine Kompanie-starkes Verbrechersyndikat ausradiert, unterläuft ihr ein Flüchtigkeitsfehler, den Umbra mit einer Zwangspause in Jakarta bestraft. In diesem temporären Zwangs-Exil freundet sie sich mit dem Jungen Monti an, der seine Mutter und seien Zukunft an die dortige Unterwelt verloren hat. Als Monti gekidnappt und verschleppt wird, sieht Naomi rot und setzt alles daran ihren neuen Freund zu befreien. Fortan hat sie es nicht nur mit diversen Syndicats-Schergen bis hin zu höchsten Politikerkreisen zu tun, sondern auch mit der Shadow-Organisation, die sich wenig erfreut über den Alleingang ihrer abtrünnigen Agentin zeigt.

Ein vergleichsweise geringfügiger Anlass (Nomi kennt Monti kaum 2 Tage), ein weit verzweigtes Verbrechernetzwerk und ein unbeirrbarer Rachefeldzug einer perfekt ausgebildeten Killermaschine, bei dem es keine Gefangenen aber dafür viele sehr ausgefallene Ablebensvarianten zu bestaunen gibt, da bekundet Meister Tjahjanto nicht nur seine umfangreichen John Wick-Kenntnisse. Ganz sicher hat er „Payback“ mit Mel Gibson, „Dredd“ mit Karl Urban und das trendsettende „The Raid“-Doppel von Gareth Evans gesehen und für zetertauglich befunden. Dennoch ist sein Film keineswegs ein Plagiat. Tjahjanto hat eine sehr eigene Handschrift, wenn es um kreative und brutale Tötungsarten geht. Auch die zwischen eiskalter Effizienz, ungemeiner Präzision, purer Raserei sowie emotionaler Verwundbarkeit und Verwirrung schwankende Protagonistin findet sich im keinem der vermeintlichen Vorbilder. Umso erstaunlicher, dass die in all diesen Bereichen voll überzeugende Hauptdarstellerin Aurora Libero bis dato keinerlei Berührungen mit dem Action-Kino hatte.

Realismus darf man bei solch infernalischen Zusammenstößen natürlich nicht erwarten, aber im Unterschied zu den Kämpfen diverser Comichelden, erschaffen Tjahjanto sowie sein Stuntteam einen Adrenalin-Sog, der auch den hart gesottesten Zuschauer mitreißt und keine Sekunde zum Luft holen oder gar zum Nachdenken kommen lässt. Auch wenn der CGI-Anteil in Sachen Blut und Explosionen durchaus sichtbar wird, sind die aufgefahrenen Brutalitäten und Kalamitäten von solcher Wucht und Explizitheit, dass lediglich kurze Flashlights artifizieller Distanz aufpoppen. Bei der emotionalen Verbundenheit mit den sich eliminierenden Figuren sieht es ein wenig anders aus. Der unbedingte Primat auf ultrabrutaler Verwüstung im Verbund mit einer etwas zu epischen Laufzeit von zweienhalb Stunden, fördert eher Ermüdungstendenzen statt emotionale Nähe. Innerhalb der Genre-DNA sind dies aber verschmerzbare und vor allem übliche „Schwächen“, die kaum jemand unter den geneigten Zuschauern belasten werden. Am Ende ist „Codename 13“ genau das, auf das man bei Name und Ruf hoffen durfte. Eine an drastischer Brutalität, famosen Actionchoreographien und druckvoller Rasanz kaum zu überbietende Schlachtplatte, die einmal mehr die aktuelle Ausnahmestellung Indonesiens im Actionkino bestätigt.

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