Review

Die Arbeitshypothese von Uwe Bolls Dokumentarfilm „Bandidos und ich“ scheint zu sein: Mediale Hetzkampagnen und staatliche Repressionen haben zur öffentlichen Dämonisierung des Bandidos MC geführt. Daher stellt sich die Frage, ob dieser Verein tatsächlich eine kriminelle Vereinigung ist oder nicht.

Boll versucht, dieser Frage nachzugehen, ohne dabei eine journalistische Haltung einzunehmen. Er verzichtet auf eine kritische Auseinandersetzung mit belastbaren Fakten und lässt ebenso wenig neutrale Stimmen zu Wort kommen. Weder Kriminologen noch Soziologen oder Aussteiger kommen vor. Stattdessen sprechen fast ausschließlich die Bandidos selbst. (Ein BKA-Mitarbeiter kommt noch sporadisch zu Wort.)

Was zunächst nach einem spannenden Perspektivwechsel klingt, ist eine auffällige Einseitigkeit. Wer glaubt, Boll gewähre exklusive und unverfälschte Einblicke in die Rocker-Subkultur und ihre internen Strukturen, überschätzt diese Dokumentation deutlich. Die gezeigten Mitglieder nutzen die Kamera vor allem zur Imagepflege. Die netten Onkels mit ihren Motorrädern :-)

Hinzu kommen deutliche strukturelle Schwächen. Der Film springt ohne erkennbare Notwendigkeit zwischen Zeit- und Themenebenen. Der rote Faden bleibt viel zu vage. Inhaltlich wiederholt sich auch vieles und man hätte deutlich straffen können, ohne relevante Inhalte wegzulassen.

In einem Meta-Kommentar thematisiert Boll auch die schwierigen Produktionsbedingungen. Er spricht von fehlender Förderung und mangelnder Unterstützung. Damit inszeniert er seine eigene Außenseiterrolle in der deutschen Filmbranche und stellt eine Parallele zur Außenseiterrolle der Bandidos her. Das untergräbt die behauptete Neutralität seiner Position als Beobachter.

Und weil der Film selbst zu keinem Ergebnis kommt, übernimmt Boll am Ende diese Funktion persönlich, mit der vielsagenden Zusammenfassung: „Ich würde sagen als Fazit, die Bandidos sind keine kriminelle Vereinigung, sind kein Pfadfinderklub aber eben auch nicht die Mafia.“

Man kann dem Film nicht absprechen, dass er mit Aufwand und Überzeugung produziert wurde, und uninteressant ist er auch nicht. Aber spannend ist er eher als Beispiel dafür, wie man eine Dokumentation über ein komplexes Thema nicht umsetzt.

Boll kann unterhaltsame Exploitation- und Trashfilme drehen. Das sehe ich mir auch gerne an, aber differenzierte Milieustudien sind eine andere Liga.

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