Review

Die Bitterkeit des Bisses

Bereits zwei legendäre „Nosferatu“-Verfilmungen gibt es, vor allem Murnaus schon über hundertjähriger Stummfilm hat das gesamte Genre und den Mythos bis heute geprägt. Die Werner Herzog-Version war ebenfalls sehr ansehnlich und steht für sich. Und von den ganzen „Dracula“-Varianten, die mehr oder weniger direkt aus diesem haarlosen Blutsauger entstanden sind, der selbst wiederum anfangs nur „Abklatsch“ ohne Rechte war, will ich gar nicht erst anfangen. Und nun versucht sich der völlig zurecht viel beachtete und für das Sujet perfekt geeignete Robert Eggers an dem Material - und lässt die Kinoleinwände erschaudern, wenn der Graf der Dunkelheit eine junge Frau und Stadt im Deutschland des 19. Jahrhundert verfolgt, unterwirft, vergiftet und peinigt…

Frieren & Gieren

Robert Eggers ist Horrorfan. Er ist Vampirfan. Und besonders des „Nosferatu“-Stoffes und all seiner Versionen. Das kaufe ich ihm einhundertprozentig ab. Und er ist mittlerweile ein richtig, richtig versierter und sich über seine eigenen Stärken komplett bewusster Filmemacher. Vielleicht sogar eine Legende in der Mache. Wir werden sehen. So oder so: sein „Nosferatu“ hat das Zeug selbst zum Klassiker zu reifen. Das muss man erstmal schaffen. Es hätte momentan keinen Besseren für den Stoff und diese imposante, dichte und dunkle Neuinterpretation geben können. Die Bilder sind keine Blender. Die Farbpalette ist gewohnt kühl, nächtlich und morbide. Dafoe stiehlt mal wieder allen die Show. Aber auch dieser neue Orlak hat es in sich - auch wenn der Pornostarschnurrbart gewöhnungsbedürftig ist. Skarsgard ist null wieder zu erkennen. Eine mystische Performance. Jetzt hat er schon zwei ikonische Horrormonster stark gespielt. Masken, Kostüme, Schnitt, Schattenspiele, Effekte, Schnee, Krankheiten, Verwesung und Tod - hier passt alles, hier spürt man alles, hier kriecht alles unangenehm den Rücken hoch. Selbst wenn man die Geschichte nun wirklich schon in seinen Grundzügen oft gesehen hat und sehr gut kennt. Doch Eggers Facelift für die aktuelle Epoche ist dicht an meisterhaft für meinen Geschmack. Fräulein Depp kann ein wenig befremdlich wirken, gerade ihre Stimme und Stirnhöhe. Doch auch sie spielt und versucht sich den Hintern ab. Alles scheint unstillbar animalisch, instinktiv und böse. Das geht auch mal an Tabus. Dazu immer dieses Brummen, Stöhnen und Dröhnen im Unterholz der Klangwelten. Sehr gern gehört und wahrgenommen - wenn auch (positiv) unangenehm zum Teil. Und manch ein Shot dürfte Gamer massiv an „Bloodborne“ erinnern, was nie schlecht sein kann und mir eine ganz persönliche Extra-Gänsehaut aufgelegt hat. Daher ist „Nosferatu“ insgesamt sehenswert und ein weiterer Treffer für Eggers, der für mich bisher noch nichtmal ansatzweise auch nur einen mittelmäßigen Film in seiner noch jungen Karriere abgeliefert hat. Seine Vision, seine Leidenschaft, seine Themen, sein Herzblut - alles kommt hier zusammen zu seinem bisher wohl komplettesten Brecher von Gothic-Grusel-Glanzstück! 

Schnauzbart & Abart

Fazit: Eggers Adaption ist auf Augenhöhe oder zumindest in der gleichen Liga wie die beiden großen bisherigen Versionen. Er muss sich wenn’s nach mir geht sogar nur Murnau und Max Schreck geschlagen geben. Und das heißt was! Sein „Nosferatu“ stöhnt, grunzt, beisst und lässt einem teils das Blut in den Adern gefrieren. Er sieht extraklasse aus. Hat eine eiskalte und packende Atmosphäre. Und er verleiht dem Vampirsubgenre ein brachiales und benötigtes Makeover, einverleibt ihm wieder die Kunst Angst zu machen. Wahrhaft furchteinflössend. Unterschwellig und artsy aber eher. Groß! 

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