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Aus rechtlichen Gründen benannte man im Jahre 1922 Bram Stokers Dracula in „Nosferatu“ um und begann damit eine parallele Erzählung zu Stokers Urvampir. Mehr als 100 Jahre später setzt Folkhorror-Aficionado Robert Eggers aus den filmhistorischen Einzelteilen des vergangenen Jahrhunderts nun eine neue Version des Stoffes zusammen. 

Wie die Schatten von Untoten geistern die Vorbilder und Referenzen durch seinen NOSFERATU. Da begegnen sich Szenen und Motive aus Polanskis THE FEARLESS VAMPIRE KILLERS, Herzogs NOSFERATU, Coppolas DRACULA, ja sogar aus dem unnötigen THE LAST VOYAGE OF THE DEMETER und natürlich aus Murnaus Original, versehen mit einem Hauch von folkloristisch-okkulten Ritualen und Visionen wie aus Eggers VVITCH, selbst das Exorzistengenre wird beschworen. 

Auch die Besetzung scheint wohlüberlegt. Willem Dafoe, der in SHADOW OF THE VAMPIRE noch Nosferatu-Darsteller Max Schreck verkörperte, spielt hier eine Variante Van Helsings, Hauptdarsteller Nicholas Hoult war erst kürzlich in der comichaften Dracula-Hommage als RENFIELD zu sehen und es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass „Knock“, die Renfield-Figur des Nosferatu-Kosmos, mit Simon McBurney besetzt wurde, einem Nebendarsteller, der eine verblüffende Ähnlichkeit zu Roman Polanski aufweist. 

Im Grunde ist Eggers‘ NOSFERATU die Neubebilderung einer viel erzählten Geschichte, die dieser nicht viel Neues hinzufügt, lediglich Akzente stärker fokussiert, wie das manifestierte Verlangen Lenis in Form des überpotenten Grafen Orlok oder den Ausbruch der Pest vor dem Hintergrund der realen Pandemie unseres Jahrhunderts. 

Die Bilder an sich sind jedoch in jeder Hinsicht sehenswert. Eggers orientiert sich eng an der Bildsprache des expressionistischen Stummfilms, arbeitet mit starken Kontrasten, plakativer Kadrierung und Schattenspielen. Wie Murnaus NOSFERATU ist dieses "Reimagining" fast ein Film in Sepia- und Schwarzweiß-Tönen geworden. 

Die Darstellung Orloks ist angelehnt an das reale Vorbild des Vampirs, Vlad „der Pfähler“ Tepes, ein blutrünstiger slawischer Herrscher, grobschlächtig, monströs, mit dröhnendem Bass, schwerem Akzent und mächtigem Schnauzbart, verkörpert von Bill Skarsgård, der seit IT auf solch ungeheure Rollen abonniert scheint, hier mit seinem Darth Vader-Röcheln jedoch immer ein wenig am Rand der Selbstparodie agiert. Unheimlich ist NOSFERATU nämlich in der Tat nicht, entgegen Absicht und Aussagen des Regisseurs. Sein Film ist ein schaurig-schönes Gothic-Wintermärchen, eine liebevolle Hommage an die vampirische Filmgeschichte, die jedoch, wie auch bei allen bisherigen Werken Eggers, ein emotionales Involvement vermissen und den Zuschauer weitgehend kalt lässt.

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