Einen solchen Klassiker der Filmgeschichte anzugehen, das führt schnell zu Befürchtungen. Murnaus „Nosferatu - Symphonie des Grauens“ (1922) wirft hier einen großen Schatten. Geschrieben und inszeniert von Robert Eggers versucht diese neue Version, aus ihm herauszutreten. Dies gelingt ihr dadurch, dass sich das Medium Film weiterentwickelt hat, es neue Möglichkeiten gibt sowie dass Eggers den Blickwinkel etwas verändert und den Fokus auf andere Figuren und Aspekte lenkt.
Im Kern ist die Geschichte der unautorisierten Verfilmung von Bram Stoker‘s „Dracula“ erhalten geblieben. Der Makler Thomas Hutter reist nach Transsylvanien zum Schloss des Grafen Orlok. Dieser möchte nach Wisborg übersiedeln und erwirbt dort ein Grundstück. Doch der Graf begehrt noch mehr als nur eine Wohnstätte und bald legt sich über Wisborg die Dunkelheit.
Diese transportiert „Nosferatu“ durchgehend auf eindringliche Weise, Jarin Blaschke hinter der Kamera liefert dem Film die passende Optik. Diese beinhaltet auffallend gerne Schwenks statt Schnitte, den Erhalt des Bildes und das Verweilen darin. Auch dadurch bremst man das Tempo, generell ist der Film eher bedächtig unterwegs. Und das passt wunderbar in die gesamte Präsentation. Die Ausstattung ist famos, die Sets detailliert, die Kostüme und Szenenbilder bieten Schauwerte. Das Bebildern der immer thematisierten Finsternis gelingt über Kontrast und dem Belassen von schwarzen Flächen im Bild, was Enge generiert. Die Farbgebung, mitunter an die Viragierung der frühen Filme erinnernd, unterstreicht wie das oft schummerige Licht die (alp-)traumhafte Stimmung. Es sind die Schatten, die hier herrschen und „Nosferatu“ setzt diese gekonnt ein. Viele Einstellungen mag man sich als Poster an die Wand hängen, visuell überzeugt diese Neuauflage in jeder Minute und fühlt sich in seiner Machart angenehm altmodisch an.
Schade jedoch, dass die Sequenz der Überfahrt immer wieder unterbrochen wird, sodass diese ihre Stimmung nicht richtig entfalten kann. Hier holpert die Neuauflage etwas, die Szenen an Bord selbst sind für sich betrachtet jedoch gelungen.
Der Vergleich zu Murnaus Version bleibt nicht aus und natürlich sieht man den Unterschied vor allem in der Präsentation. Und man hört ihn, ist diese Version doch kein Stummfilm mehr. Auch inhaltlich weicht man hier und da ab, insgesamt fängt Eggers aber die Stimmung des Originals ein. Diese Version will mehr erzählen. So transportieren Dialoge mehr Inhalt, da wird die Neuverfilmung zur Erweiterung und auch zur Interpretation des Stoffs, was auch mal darin mündet, dass einiges zu direkt ausformuliert wird. Gerade der Titelfigur hätten weniger Worte gut gestanden. Zu oft legt der Film Wert darauf, verbal verstanden zu werden, wo er sich sonst so oft über die Stimmung und die Bilder Zugang zum Publikum verschafft.
Wieder ist das Verlangen ein zentraler Punkt, es spart das Werk nicht mit Dunkelheit, den Andeutungen von Lust und Grauen. Atmosphärisch dicht und stellenweise mit Sogwirkung, man fühlt sich weggestoßen und angezogen.
Darstellerisch überzeugt Eggers‘ Neuauflage weitgehend. Der namhafte Cast spielt sich mit dem angestrebten Ernst durch das Szenario, Nicholas Hoult als gebeutelter Makler liefert eine passende Vorstellung, Willem Defoe als Teilzeit-Okkultist und Ralph Ineson als Arzt ebenso, Aaron Taylor-Johnson gibt sich austauschbar. Nicht ganz überzeugend ist Simon McBurney als Herr Knock, der mir einfach etwas zu drüber ist, was in dem (soweit man das hier noch sagen kann) ernsten und geerdeten Ton auffällt. Lily-Rose Depp liefert als Ellen eine ambivalente Leistung. Mal einnehmend, mal überzogen. Dabei fokussiert sich Eggers‘ Version gerade mehr auf ihre Figur. Bill Skarsgård in der Rolle des Untoten ist präsent, wenn auch kaum zu erkennen unter der Maskerade. Als Manifestation taugt er, seine Zeilen sind allerdings nicht immer gut geschrieben und auch nicht frei von Redundanz. Er zeigt einen Vampir, der keine Sympathie erzeugt, kein Mitleid, dem keine Melancholie innewohnt. Das ist bedrohlich, geht aber auf Kosten der Vielschichtigkeit.
Der Score von Robin Carolan fügt sich mit seinem orchestralen Klang und dem Verzicht auf moderne Klangerzeugung organisch in das Werk ein.
„I am an appetite. Nothing more.“
Die Neuauflage des Klassikers brilliert mit ihrer audiovisuellen Präsentation und der Atmosphäre. Änderungen zum Original waren zu erwarten, ein Jahrhundert später bietet das Medium einfach so viele Möglichkeiten mehr. Das resultiert auch in einer gewissen Geschwätzigkeit, die es nicht gebraucht hätte. Hier und da kleine Kürzungen hätten nicht geschadet, wobei dies keine Kritik am gemächlichen Tempo an sich ist. Dieses steht dem alptraumhaften, in seinem Grundton immer grimmig-finsteren Werk gut zu Gesicht. Darstellerisch nicht vollends überzeugend ist Eggers‘ Version dennoch sehenswert und im besten Sinne altmodisch gestaltet.
Eine gelungene Mischung aus Remake, Hommage und Neuinterpretation, wenn Murnaus Verfilmung auch faszinierender bleibt.