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Wenn Schatten flüstern: Eggers’ düster-schönes Vampirritual

Schon Murnau ließ 1922 seinen Max Schreck mit rattenzahniger Grandezza durch expressionistische Schattenwelten huschen, Herzog schickte 1979 Klaus Kinski als melancholischen Blutsauger auf eine verfallene Reise – und nun, über 100 Jahre später, nimmt sich Robert Eggers dieses Mythos an. Der Mann, der mit The Witch ein düsteres Folk-Horror-Märchen auf die Leinwand zauberte, mit The Lighthouse ein schwarz-weißes Fieberdelirium servierte und mit The Northman die nordische Saga einmal quer durch den Schlamm zog. Sein neuestes Werk, Nosferatu – Der Untote, ist damit nicht nur ein Remake, sondern fast schon ein cineastisches Ritual: die Wiederbelebung einer Legende durch einen Regisseur, der den Horrorfilm liebt wie ein Archäologe seine Fossilien. Er ist bekannt für kompromisslose Visionen und historische Detailverliebtheit. Herausgekommen ist ein Film, der visuell berauschend, atmosphärisch dicht und schauspielerisch kraftvoll daherkommt – und trotzdem nicht frei von dramaturgischen Stolpersteinen ist. Nosferatu ist ein Film, der weniger von seiner Handlung lebt als von seinen Bildern, seiner Atmosphäre, seinem hypnotischen Sog.

Die Handlung bleibt im Kern vertraut: Der junge Makler Thomas Hutter (Nicholas Hoult) reist ins ferne Transsylvanien, um dem geheimnisvollen Graf Orlok (hier in unheimlicher Gestalt von Bill Skarsgård) ein Haus zu verkaufen. Doch schnell wird klar: Dies ist kein gewöhnlicher Auftrag, sondern eine Begegnung mit einer übernatürlichen Macht, die ihn und seine Frau Ellen (Lily-Rose Depp) an den Rand des Wahnsinns treibt.

Eggers belässt es nicht bei einer bloßen Nacherzählung, sondern würzt die altbekannte Geschichte mit seinem typischen Hang zur historischen Authentizität. Alles riecht nach 19. Jahrhundert: die muffigen Holzbohlen, die schweren Brokatstoffe, das matte Licht der Öllampen. Doch inhaltlich gelingt es ihm nicht immer, das über zweistündige Werk durchgängig straff zu halten. Besonders nach der hypnotischen ersten Hälfte, die Hutter ins Schloss des Grafen führt, verliert der Film etwas von seiner Stringenz. Szenen wirken gedehnt, Übergänge holpern, die Dramaturgie steht gelegentlich wie ein altertümliches Kutschrad im Morast. Die Inszenierung folgt diesem Ansatz: langsam, bedächtig, fast ritualhaft. Eggers will nicht hetzen, er will zelebrieren. Das kann berauschend sein – und gleichzeitig ermüdend. Wer sich auf den Rhythmus einlässt, wird belohnt. Wer auf flotte Unterhaltung hofft, wird gelangweilt.

Ein Fiebertraum aus Schatten

Wenn Eggers eins kann, dann ist es Atmosphäre – und hier läuft er zur Höchstform auf. Schon die Ankunft in Transsylvanien ist ein Gänsehautmoment: Nebelschwaden, die wie geisterhafte Finger über das Gebirge kriechen, ein Schloss, das bedrohlich wie ein schwarzer Zahn in die Landschaft ragt, Fackelschein und Schatten, die wie lebendige Wesen durch die Gänge huschen. Es ist diese alles durchdringende Stimmung, die Nosferatu – Der Untote trägt. Eggers beschwört eine Welt herauf, die gleichermaßen archaisch wie übernatürlich wirkt – eine Art Fiebertraum, der den Zuschauer einsaugt und nicht mehr loslässt.

Die Kamera von Jarin Blaschke, Eggers’ langjährigem Weggefährten, ist eine Wucht. Mit weitwinkligen Einstellungen wird die Monumentalität der Landschaft betont, während enge Close-ups die klaustrophobische Beklemmung in den Schlossgemächern verstärken. Besonders die Farbpalette beeindruckt: gedeckte, fast entrückte Töne, irgendwo zwischen bleichem Mondlicht und rostigem Blutrot. Diese visuelle Handschrift trägt maßgeblich dazu bei, dass Nosferatu weniger wie ein Horrorfilm und mehr wie ein finsteres Gemälde wirkt, das zum Leben erwacht. Man spürt in jeder Szene Eggers’ Liebe zum Detail und seine Obsession für Authentizität.

Bill Skarsgård erweist sich als Idealbesetzung für Graf Orlok. Was dieser Mann mit seiner bloßen Präsenz schafft, ist bemerkenswert. Er spielt den Vampir nicht als lüsternen Gentleman wie einst Bela Lugosi, sondern als uraltes, gequältes Wesen – grotesk, aber niemals lächerlich. Sein Körper scheint zu lang, seine Bewegungen sind unnatürlich, sein Blick eine Mischung aus Hunger und tiefer Traurigkeit. Eine Performance, die gleichermaßen verstört wie fasziniert. Lily-Rose Depp überzeugt als Ellen, deren Mischung aus Zerbrechlichkeit und stiller Stärke den emotionalen Kern der Geschichte bildet. Nicholas Hoult als Hutter gelingt es, von neugieriger Naivität in fiebrige Verzweiflung zu kippen, während Willem Dafoe in einer Nebenrolle einmal mehr zeigt, dass er selbst kleinste Szenen unvergesslich machen kann. Der Cast trägt entscheidend dazu bei, dass die Geschichte trotz dramaturgischer Unebenheiten immer wieder packt.

Fazit

Nosferatu – Der Untote ist ein Werk, das weniger erzählt als beschwört, weniger schockt als verzaubert, weniger schreit als flüstert. Inhaltlich stolpert er, dramaturgisch stockt er, und manchmal verliert er sich in seinem eigenen Nebel. Aber Eggers’ Kino ist nun mal kein Schnellzug, sondern eine Geisterkutsche: rumpelnd, geheimnisvoll, manchmal stockend – und trotzdem unfassbar eindrucksvoll, denn optisch, atmosphärisch und darstellerisch ist er eine Wucht. Robert Eggers schenkt uns ein zutiefst eigenwilliges Kunstwerk, das in seiner Bildsprache und Atmosphäre seinesgleichen sucht. Und vielleicht ist das genau der richtige Weg, einen alten Untoten zurück ins Leben zu holen.














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