Review

War ja klar, dass sowas ausgerechnet im 1984 erscheinen musste: Claus Bienfaits halbstündiges Zensurtraktat "Mama, Papa, Zombie" wurde ausgerechnet im Orwelljahr vom ZDF durch den Äther gekotzt und getreu dem großen Bruder aus dem Roman (eigentlich eine Warnung vor Diktatur und der Einschränkung der Redefreiheit, die der Regisseur aber scheinbar als Anleitung auffasst) wird die Notwendigkeit der Bevormundung erwachsener, mündiger Bürger hier im vollem Umfang zelebriert. So hetzerisch, wie der Film sich im Verlauf seiner zum Glück wenigen Minuten zeigt, könnte man denken, dass Regisseur Bienfait einen kernigeren Titel gewünscht hatte, "Der ewige Videothekar" oder ähnliches. Auch wenn der Vergleich mit den alten Nazipropagandastreifen mehr als stark hinkt in der Vergleich anhand von Bienfaits späterer Gesinnung durchaus naheliegend. Aber dazu weiter unten mehr.

Den Inhalt dieser "Dokumentation" kann man kurz zusammenfassen: es geht um den achso schädlichen Einfluss, den der Einzug des VHS - Rekorders in deutsche Hausthalte als Wegbereiter von unzensiertem Sex und brachialster Gewalt in den bisherigen 80ern hatte. Kritisiert wird vor allem der angeblich leichte Zugang zu besagten Filmen durch Kinder, die üblichen Schuldigen - unachtsame Videothekare und ignorante Eltern - sind schnell gefunden, das Scheren der vermeidlich jugendlichen Fans über einen alten Kamm mit tiefbraunen Rostflecken an den Zinken geschieht ebenfalls recht schnell: Zu Beginn ekeln sich drei pseudoalternative Zensoren noch an den Geschnehnissen aus "Muttertag", keine fünf Minuten später werden in einem beliebigen Jugendtreff einige recht begeisterte Jungen und Mädchen (die größtenteils ihre eigene Muttersprache nicht über Deppenniveau hinaus beherrschen) auf diesen Film angesprochen, den selbstverständlich alle kennen. Davon ab, dass man hier eher ungebildet wirkende Jugendliche vor die Kamera zog wirken die Nacherzählungen unnatürlich und bestenfalls abgelesen und sehr anekdotisch, also von Freunden von freunden etc. Eines von vielen hervorragenden Framingbeispielen des Filmes. Darüber hinaus werden weitere Filmausschnitte ("Lebendig gefressen" und "Freitag der 13.") in ähnlicher Weise verbraten, um auch ja die Niederträchtigkeit jener Werke explizit genug darzustellen.

Um dem Phänomen Heimkino und dem daraus entstandenen Problemen (höhere Gewaltbereitschaft, abnehmende Schulleistungen etc. pp.) auf den Grund zu gehen werden größtenteils konservative Politiker, Wissenschaftler und Pädagogen vor die Kamera gezerrt, die stets mehr Zeit für ihre fadenscheinige Argumentation bekommen als die wenigen Akteure in diesem Propagandastück, die sich tatsächlich sachlich an die Materie wagen und die Notwendigkeit einer Zensur hinterfragen, OHNE den durchaus notwendigen Jugendschutz zu verneinen. Sehr viel Zeit räumt man hingegen einer Videothekenmitarbeiterin zu (laut dem O - Ton des Filmes eine niedere Berufung, für die man sich anno 84 gefälligst zu schämen hat), die gar Haarsträubendes aus ihrem Berufsalltag berichtet und ihre Erzählungen so emotionslos und hastig herunterrattert, dass der Wahrheitsgehalt auch hier zu hinterfragen ist. Die Krönung auf dem ihr in den Mund gelegten Lügengebilde ihres angeblichen Arbeitsalltages ist dann abschließend die Erzählung über einen Jugendamtseinsatz bei einer Kundin, deren jüngste, schwer psychisch gestörte Tochter nur noch die Worte "Mama, Papa, Zombie" beherrschte. Wie man übrigens erahnen kann sind die typischen Freunde von Horror, Eastern und anderen effektreichen Genres übrigens ausnahmslos ungebildete Proleten aus der Unterschicht mit mangelnder sozialer Intelligenz und aus - wie man damals gerne postulierte - zerrütteten Verhältnissen, was ich als Fachabiturient und Pädagoge leider verneinen muss.

Der Abschluss des Filmes ist dank des Internets heute ein legendärer Klassiker bundesdeutscher Realsatire, in welchem eine Hamburger Grundschullehrerrin auf einem außerplanmäßigen Elternabend Fulcis "Ein Zombie hing am Glockenseil" vorführt. Die Reaktionen des empörten Elternpöbels reicht von dem legendär bigotten Stamement "Ich kann glaub ich heute Nacht nicht schlafen, ohne Bier ist da glaub ich gar nichts zu machen." über Gejammer bis zum Moralvortrag eines empörten pseudointellektuellen Machovaters, der auf kernig entrüstete Weise Regisseur Fulci der Unmenschlichkeit anklagt und mich dabei peinlicherweise an die scheinheilige Argumentation meines eigenen Vaters erinnerte. Wird wohl vielen späteren Zuschauern dieser Dokumentation so ergangen sein nehme ich an.

Hat irgendwer heutzutage noch berechtigte Zweifel daran, dass dieser Film zu nichts anderem als Aufstachelung taugt? Wenn ja, dann möge er sich mit dem noch quicklebendigen Journalisten Bienfait zusammensetzen, der mit seinen Internetaktivitäten in ähnliche Kerben haut, vorwiegend im Kampf gegen die abgrundtiefböse Wokeness, selbstredend an der "Das wird man doch noch sagen dürfen!" - Front. Jepp: Claus Bienfait, der Kopf hinter dem Beitrag, ich ein rechter Schwurbler, der sich selbst feige hinter dem Label "konservativ" versteckt und sich an der Gründung einer Massenbewegung ähnlich geistig Verirrter versucht.

Die Zeiten für das abwegige Kino, insbesondere für den Horrorfilm, haben sich Gott sei Dank zum besseren gewendet: öffentlich verbal gesteinigte Jugendverderber wie Dario Argento und Lucio Fulci haben den Sprung auf das Nachtprogramm von Arte geschafft, einstige 131er wie "Maniac", "Zombie" und "Texas Chainsaw Massacre" erfahren auch hierzulande die künstlerische Anerkennung, die ihnen in den USA schon länger zuteil wurde und die BPjM entrumpelt in regelmäßigen Abständen den eigenen Giftschrank, wenn auch meist nur unter juristischem Nachdruck interessierter Labels. "Mama, Papa, Zombie" hingegen mochte damals einige Wellen geschlagen haben, ist aber heute eher ein Negativbeispiel für manipulativen Pseudojournalismus bar jeder Sachlichkeit. Das Statement einer Mutter aus dem Glockenseilsegment passt leider fast 1:1 auf diesen Dokumentardurchfall: "Ich bin irgendwie bedrückt davon. Außerdem fand ich die Machart des Filmes einfach schlecht und zwar aus dem Grunde: für meine Begriffe waren also diese Horrorszenen aneinander gereiht und keine sinnvolle Handlung im Grunde genommen." Ein Film so selbstgerecht wie sein Macher, ein einziger schäumender Wutanfall Ewiggestriger und glücklicherweise das einzige professionelle Regieprodukt des nun neurechten Kleingeistes Bienfait.

Dem sei - sollte er wider Erwarten diesen Text lesen - gesagt: du weißt, dass dein scheinheiliger "Bildungsauftrag" gescheitert ist, wenn dein moralisches Herzensprojekt als Bonusmaterial auf der DVD eines Filmes, den du durch den Dreck gezogen hast, verheizt wurde. Setzen, Sechs!







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