ANTROPOPHAGUS dürfte wohl neben MANIAC oder MOTHERS DAY einer der am meisten geschmähten Filme ein, ein Paradebeispiel für verrohende und gewaltverherrlichende Schriften. Entsprechend wurde Joe D´Amatos Kannibalismusorgie weltweit zum Ziel der Zensoren und ist daher auch in der Bundesrepublik Deutschland beschlagnahmt.
Die Story fällt wie bei Billigreißern üblich ziemlich sparsam aus: Der Millionär Nikos Karamanlis erlitt einst Schiffbruch und musste um zu überleben die Leichen seiner Frau und seines Sohnes verspeisen. Als später einige Touristen - unter ihnen auch Mia Farrows Schwester Tisa - auf seiner Insel Urlaub machen wollen, frißt er einen nach dem anderen und schließlich sich selbst.
Wer jetzt aber einen ultraharten Kannibalen-Slasher erwartet, wird zumindest teilweise enttäuscht, denn ANTROPOPHAGUS ist D´Amatos Versuch, einen atmosphärischen Suspensefilm zu machen. Und atmosphärisch ist ANTROPOPHAGUS auf jeden Fall. Durch die Tarotkarten-Szene sowie die Einsamkeit der Insel, auf der Karamanlis alle Bewohner getötet hat, macht sich bald eine drückende Stimmung breit, die durch die grottenschlechte Keyboardmusik noch verstärkt wird. Man weiß, daß es kein Entkommen geben wird. Der wahnsinniggewordene Schiffbrüchige, gespielt von Ex-Ringer und Co-Autor George Eastman, ist ebenfalls zum fürchten mit seiner Sonnenverbrannten Glatze; man hat Angst vor dieser Mischung aus Zombie, Kannibale und Vampir, der zusammen mit seiner Schwester in einem alten Herrenhaus lebt. In diesem "Haunted House" spielt sich dann auch der Showdown ab, der überraschend spannend geraten ist.
Die Splattergemeinde muß sich jedoch D´Amato-untypisch sehr lange gedulden. Abgesehen von der Anfangsszene, in der das deutsche Touristenpärchen, das sich ziemlich debil anhört (ein Deutscher der soo schlecht italienisch spricht würde wohl sofort aufgefressen), weggeschlachtet wird, tut sich blutmäßig für einen Kannibalenfilm so gut nichts. Das ändert sich erst mit Einsetzen des Showdowns, und hier übertrifft sich D´Amato in zwei der wohl grausigsten Szenen der Filmgeschichte selbst: Einer Schwangeren Frau wird der Fötus aus dem Leib gerissen, und ganz am Ende des Films verschlingt der Menschenfresser seine eigenen herausquellenden Eingeweide. Durch genau diese beiden Szenen wurde der Film zum Politikum, zum Inbegriff der Jugendgefährdung und zum Pflichtprogramm für jeden Horrorfan, was ihm wohl ohne die besagten Gewaltexzesse nie gelungen wäre.
Insgesamt bleibt zu sagen, daß der Film auf seine trashige Art ganz gut funktioniert und längst nicht so schlecht ist wie sein Ruf. Es werden zwar aus kommerziellen Erwägungen etliche Tabus verletzt, aber eine Demokratie, die etwas taugt, sollte auch mit "entarteter" Kunst anders umgehen können, als durch Verbote die Popularität durchschnittlicher bis minderwertiger Horrorfilme zu fördern.
Daß sich der Kannibale am Schluß selbst verschlang war übrigens beinahe eine Prophezeiung für das Genre, denn nach ANTROPOPHAGUS wurde bis auf wenige Ausnahmen kein nennenswerter Kannibalenfilm mehr gedreht; selbst die Quasi-Fortsetzung ROSSO SANGUE war "nur" ein normaler Slasher.
1999 drehte Andras Schnaas unter dem Titel ANTHROPOPHAGOUS 2000 ein Remake auf Amateurniveau.