Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen Fassung des österreichischen Labels XT Video!
Joe d ´Amatos "Man Eater - Der Menschenfresser", jener berühmt-berüchtigte Klassiker der harten Italo-Horrorwelle der 70er und 80er Jahre, der seit seinem Erscheinen in Deutschland sehr oft das Ziel von Zensurmaßnahmen war und in mehreren Schnittfassungen bundesweit beschlagnahmt wurde, darunter auch die gekürzte Kinofassung. Auch der Indizierungsbeschluss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sorgte für Aufsehen, da die Prüfer eine Anzeige wegen Körperverletzung nicht ausschlossen. Der Film wurde sogar Thema einer TV-Gesprächsrunde mit dem Titel "Mama, Papa, Zombie" - einer Sendung des ZDF, die seinerzeit ebensolches Aufsehen erregte wie der Film selbst!
"Man Eater", der in Italien gnadenlos floppte und bereits nach zwei Tagen aus den Kinos verbannt wurde, erreichte in Deutschland Kultstatus - kein Wunder bei dieser medienwirksamen Publicity. Der damalige Verleih bewarb den Schocker auf Plakaten als "einen Film, der so schrecklich ist, daß Sie ihn in Ihrem Leben nicht mehr vergessen werden. Er enthält extrem starke und nervenbelastende Szenen, die bei sensiblen Zuschauern zu gesundheitlichen Belastungen führen können!"
Auch die Tatsache, dass ein anderes Kinoplakat sogar indiziert wurde, führte dazu, dass "Man Eater" damals - und auch heute noch nach 30 Jahren - ein Objekt der Begierde bei eingefleischten Sammlern war und ist.
Den Film selbst zähle ich mit Abstand zu eines der besten Werke des Trash- und Hardcore-Regisseurs d´Amato, auch wenn ich die Aufregung aus vergangenen Zeiten nach Sichtung der ungekürzten Fassung für sehr übertrieben halte.
Von den schlechten schauspielerischen Leistungen, einigen furchtbaren Dialogen und dem trashigen Charme abgesehen, ist "Der Menschenfresser" für d´Amato-Verhältnisse ein Paradebeispiel für Spannungsaufbau und eine stimmige Atmosphäre.
Nach der ersten blutigen Gore-Einlage, bei der der titelgebende Menschenfresser zwar nicht zu sehen, aber durch seine stöhnenden Laute zu hören ist, lässt der Regisseur sich Zeit, um die Charaktere einzuführen. Diese sind zwar eindimensional und klischeehaft, haben aber auch nur den Zweck, dass Ende der Nahrungskette zu bilden.
Die menschenleere Insel, auf die sich einige Touristen begeben, sorgt für eine bedrohliche Atmosphäre und erste unheimliche Vorkommnisse weisen daraufhin, dass die Insel ein schreckliches Geheimnis verbirgt.
Dieses Geheimnis bewahrt d´Amato bis zur Hälfte des Films und steigert somit die Spannung, denn erst ab der 45. Minute erscheint der "Man Eater"auf der Bildfläche, der sich in der Reisegruppe sein erstes Opfer sucht. Das Schicksal des kaltblütigen Monsters wird nach und nach offenbart und auch eine Rückblende, die zeigt, wie aus einem normalen Menschen ein wahnsinniges Ungeheuer wurde, passt sich perfekt der gegenwärtigen Handlung an.
Die Splatterszenen sind rar, aber gut über den gesamten Film verteilt. Der Blutgehalt ist nicht annähernd so hoch wie beispielsweise bei Lucio Fulcis "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" oder Frank Martins "Zombies unter Kannibalen" - von daher ist die Gewaltdiskussion über diesen Film für mich nicht ganz nachvollziehbar. Die Szene mit dem aus dem Mutterleib gerissenen Säugling ist fragwürdig, doch wurde diese aus sämtlichen Fassungen entfernt.
Die Effekte sind zwar blutig, aber "Man Eater" lebt nicht nur von seinen Effekten, sondern vielmehr von seiner unheimlichen Atmosphäre, die vor allem in einer finsteren Gruft und in den dunklen Gängen und Zimmern einer imposanten Villa zum Ausdruck kommt.
Die Special Effects sind zwar billig, aber handgemacht. Es gibt zwei Kehlenbisse, Gedärmexzesse, die bereits erwähnte Embryo-Szene und eine Skalpierung, die ich für den besten und blutigsten aller dargestellten Effekte halte.
Einige Schocks hätten sicherlich eine bessere Wirkung erzielt wenn sie weniger plakativ inszeniert worden wären, aber für das begrenzte Talent des Regisseurs ist das Endprodukt durchaus gelungen.
Trotz seiner etwas ruhigeren ersten Hälfte ist "Man Eater" keineswegs langweilig, sondern entwickelt sich zu einem spannenden und atmosphärisch dichten Schocker, den man nach Machwerken wie "Papaya - Liebesgöttin der Kannibalen" von Regisseur d´Amato in dieser Qualität nicht erwartet hätte.
7,5 von 10 Nieren!