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Wenn man selbst in Deutschland lebt, vergisst man schnell, wie gut sich seine untersten Gebietskörperschaften als Schauplätze für Lovecraft’sches Grauen eignen. Umringt von Wäldern reichen ein paar Wohnhäuser, ein Gemeindesaal und ein schauriger lokaler Dialekt, um unterschwelliges Unbehagen zu stiften. Selbst als Deutscher kann man sich da mal mulmig fühlen, wenn es einen in das falsche Kaff verschlägt.

„Arkfeld“, Autokennzeichen AKF, ist ein fiktiver Ort und zugleich Schauplatz des gleichnamigen Schwarzweiß-Kurzfilms von Laurent Ohmansiek, der bislang hauptsächlich im Dokumentarbereich aktiv war. In dieser ersten überlieferten Genre-Arbeit des Regisseurs treibt es einen jungen Mann namens Bernd aus der Großstadt in die Pampa, der Hochzeitseinladung eines alten Freunds von früher folgend, zu dem seit einiger Zeit der Kontakt abgebrochen war. Vor Ort jedoch verhalten sich alle Menschen, vom Rezeptionisten des Hotels bis zu den Hochzeitsgästen, ziemlich merkwürdig. Bernd wünschte wirklich, sein Freund hätte sich für die Feier eine andere Location ausgesucht…

Der Gedanke drängt sich auf, dass „Arkfeld“ in Wirklichkeit ein Codename für „Bielefeld“ ist, ein weiterer Ort in Deutschland, der nach Ansicht vieler Deutscher gar nicht existiert. Hierher stammt jedenfalls Thomas Williams, Autor der Vorlage, mit dem Ohmansiek bereits 2020 für das Horror-Hörspiel „The Other und die Erben des Untergangs“ zusammenarbeitete. Und tatsächlich; ein Waldhotel in Bielefeld und ein weiteres im nahe gelegenen Bad Salzuflen dienten neben diversen Landstraßen und Waldstücken als Drehorte. Es ist fast so, als sei dieser Kurzfilm tatsächlich im Nirgendwo entstanden.

Ihre Einflüsse können jedenfalls weder Autor noch Regisseur verbergen. Man könnte meinen, die Großen Alten summten im Hintergrund permanent einen rituellen Singsang, der dem Protagonisten eine Warnung sein müsste, gleich wieder kehrt zu machen. Lovecraft ist hier wahrlich omnipräsent und schlingt seine Tentakel mächtiger um das Handlungskonstrukt, je näher das Finale kommt, aber auch ein David Lynch scheint mitunter durch (insbesondere an der Rezeption, gemischt mit einem Hauch „Die Mächte des Wahnsinns“), und gleich in der ersten Szene auf einem abgelegenen Rastplatz wird bereits die gespenstische Stimmung der Eröffnung des Videospiels „Silent Hill 2“ angepeilt. Das ist nun alles nicht unbedingt als originell zu bezeichnen, zeugt aber wenigstens von geschmackvollen Einflüssen.

Die Regie ist derweil darum bemüht, das Ausbleiben von großen Spezialeffekten oder sonstigen visuellen Schauwerten mit ungewöhnlichen Einstellungen zu kompensieren, ohne sie allzu sehr In-Your-Face geraten zu lassen, damit das Subtile gewahrt bleibt. Dass das nur in Ansätzen gelingt, liegt vor allem an dem offensichtlich mit Amateuren, allenfalls noch mit Theaterdarstellern besetzten Cast, mit dem es kaum möglich ist, die Nuancen zu transportieren, die der Stoff erfordert. Die prinzipiell gelungene Kameraarbeit ist da über weite Strecken wirkungslos, denn es sind die Gesichter, nicht zuletzt aber auch das Voice Acting, das dem Ort seinen Charakter gibt, und wenn es hier regelmäßig zu tonalen Entgleisungen kommt, lässt sich schwerlich Suspense darauf aufbauen.

Blendet man diese offensichtlichen Mängel aus, lassen sich allerdings durchaus einige Qualitäten ausmachen. Das Zusammenspiel aus Soundtrack, Schnitt und Sounddesign sorgt gerade während der Fahrt nach Arkfeld für einige Highlights (die stilvolle Drohnen-Aufnahme der Landstraße bei der Einblendung des Titels, der Country-Soundtrack, der mit dem Zuschlagen der Tür abrupt endet), das Skript streut außerdem immer wieder rätselhafte Details ein, die im ersten Moment befremdlich wirken, im späteren Verlauf aber geschickt aufgelöst werden (wie etwa die drastische Reaktion auf den angebotenen Alkohol).

Einige Einfälle wirken zumindest in der Theorie überaus reizvoll (Schauspielertausch an der Rezeption) und in einer speziellen Szene am Straßenrand gelingt dank des absurden Dialogs sogar eine herrliche Mischung aus bizarrer Komik und Grusel. Lediglich der spätere Gastauftritt von Conny Dachs, vermutlich dem einzigen erfahrenen Darsteller am Set (wenngleich seine Rollen sonst wohl eher andere Kompetenzen erfordern als gutes Schauspiel), sorgt noch einmal für ähnlich schrägen Humor. Mutig ist es darüber hinaus, den einzigen nennenswerten Kostüm- und Make-Up-Effekt erst nach dem Abspann zu zeigen.

Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, „Arkfeld“ (aka „Bielefeld“ aka „das deutsche Innsmouth“) von Grund auf persiflierend anzulegen und bereits im Skript offensiv mit selbstironischen Comedy-Elementen anzureichern. Wann immer solche Aspekte in dem insgesamt eher ernsten Kurzfilm an die Oberfläche gespült werden, bringen sie eine erfrischende Lebendigkeit mit sich. Für eine düstere Lovecraft-Variation fehlt es letztendlich noch an dem schauspielerischen Know-How. Die künstlerischen Ansätze, die Ohmansiek bereits in seinen dokumentarischen Arbeiten gelegentlich andeutete, baut er mit „Arkfeld“ aber bereits aus. Mal schauen, ob da in Zukunft noch mehr kommt.

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