Polen zur Nachwendezeit Anfang der 1990er Jahre: nach dem Fall des eisernen Vorhangs ziehen langsam westliche Standards ein. Die zwei größten Banken des Landes wollen fusionieren, um als Großkonzern auch international auftreten zu können. Doch 2 Wochen davor erschüttert ein Überfall auf eine der beiden Warschauer Banken die Öffentlichkeit: 3 Kassiererinnen wurden dabei kaltblütig erschossen, die Beute von nur rund 100.000 Zloty gibt allerdings Rätsel auf. Im Zuge der feierlich vorbereiteten Bankenfusion muß dieser Fall so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Der Innenminister selbst beauftragt daher eine Staatsministerin, sich höchstpersönlich an einen alten Bekannten zu wenden: Major Gadacz (Olaf Lubaszenko), einen wegen seiner Taten im kommunistischen Polen suspendierten ehemaligen Geheimdienstler. Der seinerzeit sehr effiziente Offizier scheint laut dem Innenminister der Einzige zu sein, der den Fall innerhalb maximal 2 Wochen lösen kann. Sofern er es schafft, wird ihm eine Teilrehabilitierung in Aussicht gestellt, doch die Staatsministerin ist davon nicht sehr überzeugt.
Gadacz überlegt nicht lange, reist von seinem Bauernhof bei Wroclaw in die polnische Hauptstadt und sieht sich am Tatort um. Seine jüngeren Kollegen tippen alle auf den zum Tatzeitpunkt diensthabenden Wachmann, denn der ist seitdem verschwunden. Fahndung läuft, Fall gelöst? Keineswegs. Gadacz kann diese falsche Schlußfolgerung auch sogleich ausräumen, da er in der Tiefgarage das Auto des Wachmanns entdeckt - ein seltenes Coupé, auf das dieser jahrelang gespart hatte. Beim Inspizieren der näheren Umgebung entdeckt er in einem Luftschacht wenige Meter davon entfernt die versteckte Leiche des Wachmanns. Also alles zurück auf Start.
Gadacz, ein alleinstehender dicklicher Mittfünfziger mit Brille, stets in zivil in seinem früheren Dienstwagen, einem dunkelgrauen 190er Baby-Benz unterwegs, fällt durch seine schnörkellose Art und seine wenigen, aber sehr direkten Worte schnell auf, doch die ihm dienstlich zur Seite gestellte Kommissarin (Wiktoria Gorodecka) weiß bald, was sie an diesem äußerst selbstsicheren Ermittler hat. Denn Gadacz verfolgt die Spur des Wachmanns einfach weiter und bekommt schnell heraus, daß der ermordetee Mietek nur eingesprungen war. Eigentlich hätte ein jüngerer Kollege, Kacper Surmiak (Jedrzej Hycnar), an diesem Tag Dienst gehabt. Der junge Mann kann allerdings nachweisen, daß er wegen einer Militärzeremonie tauschen mußte, was sowohl die ihn begleitenden Freunde Marek und Bartek als auch der Kasernenkommandant bestätigt. Nur Gadacz ist davon nicht so recht überzeugt: die jeweils separat erfragten Abfahrts- und Ankunftszeiten kamen dem befreundeten Trio einfach zu schnell über die Lippen, so als wären sie abgesprochen. Und mit diesem Verdacht soll Gadacz Recht behalten, wie sich schon bald herausstellt...
Die polnische Netflix-Produktion Napad - der Überfall ist ganz auf die Personalie eines alten Schnüfflers zugeschnitten, auf dessen Routine die heutige Polizei nicht verzichten kann. Der Krimi unter der Regie von Michal Gazda baut dabei auf einer eher ungewöhnlichen Erzählstrategie auf, indem er dem Publikum nach bereits 30 Minuten Laufzeit offenbart, daß die drei Freunde tatsächlich den Überfall begangen haben. Der Rest des mit 113 Minuten etwas länger ausgefallenen Films entwickelt sich dann zum Psychothriller, denn Gadacz ist sich seines Verdachts sehr sicher, bohrt immer weiter und schafft es schließlich, einen Keil in die Gruppe, die sich schon seit Jugendtagen kennt und zusammenhält, zu treiben.
Das alles ist zwar weder sonderlich innovativ noch gibt es überraschende Wendungen, dennoch ist es durchwegs ein Vergnügen, den ex-Geheimdienstler, der nur mit seiner Menschenkenntnis und ohne technische Hilfsmittel vorgeht, bei der Arbeit zu beobachten. Napad, zu deutsch schlicht Überfall, teilt dabei zwischen den Zeilen auch einen - allerdings sehr dezenten - Seitenhieb gegen die 'neue Zeit' in Polen aus, in der frühere Mitglieder der polnischen Führung aus politischen Gründen kaltgestellt wurden. Auf der anderen Seite anerkennt Gadacz in seltenen Statements zu seiner Vergangenheit auch, daß er sinnloserweise harmlose Solidarnosc-Mitglieder gejagt hatte, und auch die Folterung des derzeitigen Innenministers, die in seiner Ägide stattfand, bedauert er heute. Dieser hat ihm jedoch bereits verziehen, erwartet sich dafür jedoch die rasche Aufklärung des Falls - was Gadacz stillschweigend als Ehrensache betrachtet.
Fazit: Napad - Der Überfall gehört mal wieder zu den besseren Netflix-Produktionen aus Polen - ein solider Thriller, den man sich auch gut als Pilotfilm bw. Auftakt zu einer Reihe nachfolgender Krimis rund um den reaktivierten ehemaligen Geheimdienst-Major vorstellen könnte. 7 Punkte.