Review

Bedauerlicherweise muss ich auch diese Rezension mit einer Vorbemerkung beginnen. Wie die Fassungseinträge von "Nerosubianco" bereits vermuten lassen, handelt es sich nicht um einen Film, den man im Supermarkt um die Ecke erwerben kann. Mir liegt eine italienische Pay-TV Fassung vor, die leider über keine Untertitel verfügt. Das ist im Fall von "Nerosubianco" aber nur bedingt als ein Unglück zu bezeichnen, denn der Film regt die innere Rede des Zuschauers eher über die Bildebene und die Montage an.


Wenn man den Namen Tinto Brass erwähnt, denken viele Filmfreunde zuerst an die Skandal-Spielfilme "Caligula" und "Salon Kitty" und assoziieren damit einen geschmacklosen Pornoregisseur. Einige werden auch an die vielen Sexkomödien aus den 80ern und 90ern denken. An einen politisch engagierten Regisseur, der die Geschehnisse seiner Zeit in seinen Filmen reflektiert, denken wohl die allerwenigsten. Aber gerade Ende der 1960er realisierte er zwei schier unglaubliche Filme, die aus seinem Gesamtwerk herausstechen: "Nerosubianco" und "L´Urlo".


"Nerosubianco" ähnelt keinem Zelluloidstreifen, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Man könnte ihn fast in die Kategorie der Experimentalfilme einordnen. Bedeutungen entstehen nicht aus der Sprache, sondern meistens aus der Kollision divergierender Einstellungen. Wie ManCity in seiner Rezension bereits erwähnt hat, sieht man an einer Stelle reale Bilder einer Leiche. Es kann sich hierbei um Aufnahmen aus deutschen Vernichtungslagern handeln. Kurz darauf bekommt man einen Soldaten zu sehen, der stolz seine Auszeichnungen präsentiert. Ganz im Sinne Sergej M. Eisensteins entsteht in diesem Kontext, aus dem Zusammenprall zweier Einstellungen, eine Bedeutung. Dieses Stilmittel widerholt sich über die gesamte Lauflänge des Films und wird von weiteren, ungewöhnlichen Verfahren, wie die Kreisblende oder Bildverfremdungen begleitet.

Der Begriff „Story“, der in einigen Rezensionen zu Genrefilmen bei der OFDb immer so hervorgehoben wird, spielt in „Nerosubianco“ nur eine untergeordnete Rolle. Hautprotagonistin ist die attraktive Barbara, die vor einem dunkelhäutigen Mann zu flüchten scheint. Mehr kann ich an dieser Stelle auch gar nicht sagen, denn dieser eine Satz fasst die Story von „Nerosubianco“ perfekt zusammen. Weitaus interessanter scheint jedoch die Betrachtung einzelner Szenen und Traumsequenzen zu sein. Beispielsweise sieht man an einer Stelle, wie der dunkelhäutige Mann sein Malcolm X-Buch einem Chinesen überreicht. Im Gegensatz dazu erhält er eine Mao-Bibel…

Ferner ist die großartige Musikuntermalung des Films erwähnenswert. Die Songs der britischen Pop/Rock-Band „Freedom“ gehen mit den Bildern eine perfekte Symbiose ein und wirken besonders in den Szenen mit hoher Schnittfrequenz, als Katalysator für die Emotionen des Zuschauers. Die Musik der Band kann man während 75% der Laufzeit des Films bewundern. Die Musiker sind mit ihren Instrumenten auch innerhalb des Films zu sehen, oftmals an sehr ungewöhnlichen Orten…

„Nerosubianco“ stellt für mich eine überwältigende Synergie dar. Pop-Art, politische Ideen, 60er Musik, Religion usw. verschmelzen zu einem Gesamtkonstrukt. Dem Film ein bestimmtes Genre zuzuordnen, gestaltet sich als unmöglich. Er vereint so viele Elemente der Genres Erotik, Komödie, Musikfilm, Experimentalfilm in sich, dass eine Abgrenzung nicht stattfinden kann.

Selten habe ich einen so schönen Film wie Tinto Brass´ Frühwerk „Nerosubianco“ gesehen: Ein absolut einzigartiges Erlebnis! Empfehlen kann ich diesen Film Personen, die die Werke von Jodorowsky oder Makavejev zu schätzen wissen. Wer bei der OFDb „Saw“ mit 10 Punkten bewertet hat, sollte lieber die Finger von „Nerosubianco“ lassen.


10/10

Details