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Der seltsame Fall des zweiten Exorcist-Prequels



1944. In einem Niederländischen Dörfchen zwingen Nazis den Pfarrer Lankester Merrin (Stellan Skarsgård) dazu, zehn Dorfbewohner auszusuchen. Diese Zehn sollen sterben, dafür bleiben die anderen am Leben. Merrin willigt ein. Und wählt. Es ist eine Entscheidung, die ihn sein ganzes Leben verfolgen wird. Er gibt sein Priesteramt auf und wird Archäologe. Im Norden Kenias entdeckt Merrin 1947 eine Kirche, die historisch gesehen ein Anachronismus ist. Gemeinsam mit Priester Francis (James D'Arcy) dämmert ihm, dass dieser Bau entstand, um etwas zu versiegeln. Etwas Böses. Vielleicht sogar das Böse schlechthin. Francis besteht darauf, die britische Armee einzuschalten. Doch Major Granville (Julian Wadham) und seine Truppen sind alles andere als bestrebt, die Gemüter der schwarzafrikanischen Einwohner abzukühlen.



Huch. Habe ich dieselbe Inhaltsangabe nicht schon einmal geschrieben? Doch, natürlich. In Dominon: Prequel to the Exorcist (2005) spielen sich so ziemlich dieselben Ereignisse ab, wie im vorliegenden Film von Renny Harlin. Exorcist: The Beginning (2004) wurde auf Wunsch der Produktionsfirma Morgan Creek Entertainment ein zweites Mal abgedreht. Den Originalfilm von Paul Schrader fanden die Verantwortlichen zu sperrig. Entsprechend sollte die Zweitversion flotter und zugänglicher daher kommen. Der Fall der beiden Exorcist-Prequels ist also ein sonderbarer: Wir dürfen hier zwei Versionen desselben Drehbuchs schauen, gedreht unter zwei verschiedenen Regisseuren und Voraussetzungen. Das Resultat hingegen überrascht kaum. Wer vermutet, dass Harlins Version ein Kniefall vor dem Massengeschmack ist, liegt goldrichtig.



Die Charaktere des Originals wurden absolut verstümmelt. Jeder Ansatz von Tiefe, den sie hatten, ging in dieser Überarbeitung vollends verloren. Die Ärztin Sarah (Izabella Scorupco) wird zum billigen Love Interest. Lankester Merrin sagt gefühlt hundert Mal »Ich bin kein Priester mehr«, damit’s auch der Hinterletzte im Publikum kapiert. Ein neuer Charakter namens Jefferies (Alan Ford) darf als obszöner Trinker durchs Bild torkeln, damit man einen greifbaren Bösewicht und eine Antithese zu Merrin hat. Billiger geht’s gar nicht mehr! Priester Francis schliesslich wird zum aufdringlichen Sprachrohr des Vatikans degradiert. Von den Zweifeln und dramatischen Spannungen des Originals wurde er erlöst, wie nett von den Produzenten – und wie langweilig für die Zuschauer.



Man kann hier 1:1 mitverfolgen, wie sich der Grusel des Originals in pure Schockwerte verwandelt. Renny Harlin scheint nur eine Spielform des Grauens zu kennen: den Jumpscare. Dumm nur, dass man diesen jeweils einen Kilometer gegen den Wind riechen kann. Billige Tricks! Ironischerweise wurde der heftigste Schock – das totgeborene Baby – vom Original übernommen. Und die eindrücklichste Gore-Szene hat’s gar nicht in die Zweitversion geschafft. Dafür treten hier einige lachhaften CGI-Hyänen auf.



Major Granville, die Mahnfigur des Kolonialismus, wird hier noch viel offensichtlicher als dämonischen Diener gezeichnet. Im Gegensatz zum Original wird er hier nicht vorgängig eingeführt. Er tritt einfach als böser Militärmensch auf und verschwindet ebenso schnell wieder. Die Entmenschlichung des Bösen ist bei The Beginning also noch augenfälliger. Eine fragwürdige Haltung. Merrins Trauma wird bei Harlin erst Stück für Stück enthüllt – ein notdürftiger Versuch, zusätzlich Spannung zu erzeugen. Dasselbe gilt für den Nebenstrang um den Chefarchäologen Bession, an dessen Ende ein nichtssagender Twist steht.



Und sonst so? Nicht viel. Das Finale appelliert an die Nostalgie der Exorcist-Fans. Trotz hyperaktiver Inszenierung macht die letzte Konfrontation durchaus Laune. Schade, dass dieser Showdown uninspiriert und unmotiviert versandet. Zurück bleibt ein Film, den die Welt nicht braucht – schneller und schlechter erzählt als die Erstversion. Ein Armutszeugnis für die Produzenten, die offenbar am Intellekt ihres Publikums zweifelten. Wer unbedingt ein Prequel schauen will, sollte Schraders Dominion den Vorzug geben.



2/10

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