Zwischendurch mal einen detektivischen Happen, das kann die Sehgewohnheiten immer auflockern, doch mein jüngster Versuch, bei dem guten alten Sherlock Holmes mal eine kleine Lücke zu füllen, war leider nicht dazu angetan, große Begeisterung zu verursachen.
Nachdem ich das Pfotentier von Baskerville ja schon mit Rathbone (stabil und atmosphärisch) und Cushing/Lee (charmant von Hammer) habe Stöckchen holen lassen, war diesmal eine TV-Produktion von 1972 dran, mit der ABC, eins der großen US-Networks, als einem von drei Piloten mal neue Zuschauerschichten erschließen wollte. (Wen es interessiert, die anderen beiden behandelten Nick Carter (Robert Conrad) in „The Adventures of Nick Carter“ und die Detektivin Hildegarde Withers (Eve Arden) in „A Very Missing Person“.)
Also holte man sich bekannte Namen zusammen und hoffte auf den Star-Effekt, speziell durch das Casting von Altstar Stewart Granger, der sich gern die Deerstalker-Kappe aufsetzte.
Mit dabei in den bekannten Rollen waren Bernard Fox, der ewige sinistre Anthony Zerbe und sogar William Shatner himself als Stapleton.
Doch das Konzept hieß: TV-Film für den „ABC Movie of the Week“ und damit musste in gut 90 Minuten alles erledigt sein – allerdings mit Werbung. Das bedeutet in klassischer Tradition eine Lauflänge von 73 Minuten (viele Deutsche werden das von „Columbo“ kennen) und wenn auch die Story recht bekannt war, ist dies in jedem Fall eine sehr starke Verdichtung der Vorlage.
Und so geschah es dann zum Schrecken der Holmes-Fans. Nach einer eher breit angelegten Einführung galoppiert der Film geradezu durch den Konflikt in den Mooren von Dartmoor, der ja eine Verknüpfung einer alten Grusellegende rund um die Hundebestie, der Jagd auf geflüchtete Sträflinge und einer Verschwörung rund um einen Adelstitel darstellt. Die Hundelegende wird noch mit voller Kostümwucht im Nebel inszeniert, allerdings bereits um einen Erzählschritt verkürzt (das geraubte Fräulein flieht vor dem bösen Adeligen, der jedoch nicht mehr dazu kommt, sie im Moor zu töten, weil ihn schon vorher der Hund holt), doch danach schleppt sich die Story müde durch ihr „face dropping“ und schafft es erzählerisch sensationell, fast komplett auf den Hund zu verzichten, der ja eigentlich Schauwert Nr.1 sein müsste. Das solide Tierchen taucht dann auch nur zum Showdown auf und versinkt dann sofort komplett samt Bösewicht in einer irre albernen Moorgrube aus der TV-Mottenkiste.
Wo leider auch der gesamte Film hingehört. Da helfen auch nicht die gezeichneten Hintergründe im nebligen Mondschein, wenn die Tagszenen so überdeutlich im TV-Studio auf begrenztem Raum abgefilmt wurden, dass man beim Auftauchen Shatners meint, eine Planetenszene aus einer „Star Trek“-Folge zu sehen. Auch die Stadtszenen brüllen geradezu nach kalifornischen TV-Studios und da können auch Albert Whitlocks fotografische Effekte mit den historischen Hintergründen nichts mehr retten – das alles wirkt etwas billig.
Auch die Darsteller verbreiten leider keinen Zauber: Stewart Granger sieht schon vom Gesichtsschnitt wie niemand aus, den man mit Holmes in Verbindung bringen würde und ist viel zu füllig in der Rolle. Sein Holmes ist kein Exzentriker, sondern ein wissender Kenner, der häufig in Arroganz abdriftet. Dagegen muss Fox seinen Watson so spielen, wie es schon bei Nigel Bruce weh tat, als herumstolpernden Naivling, der immer die falschlen Schlüsse zieht.
Zerbe kann wenigstens sein sinistres Gesicht einbringen, doch spätestens bei Shatner endet der gute Wille. Shatner starrt in jeder Szene so intensiv alle nieder, als wollte er möglichst schnell allen Unwissenden klarmachen, dass er der Bösewicht dieses Stücks ist – und hat sonst nur wenig mehr zu tun.
In der deutschen Fassung kommt dann noch wirkungsmindernd hinzu, dass Shatners Stammsynchronsprecher Gerd Günther Hoffmann (der auch Sean Connery und Paul Newman sprach) hier ausersehen wurde, Granger die Stimme zu leihen, während sich um Shatner der doch wenig charismatische Klaus Adler bemühte (der ein guter Sprecher war, aber eben nicht so einprägsam).
Ansonsten regiert 73 Minuten der Erklärbär, Granger ist meistens nur beschäftigt, allen Beteiligten den Plot zu erklären (manchmal dann noch ausgiebig nachträglich), wenn auch ohne die nötige Finesse oder den Respekt für seinen Gegner. Sein Holmes ist sowieso allen überlegen und der Fall erledigt sich (gemeinsam mit der Laufzeit) dementsprechend irgendwann selbst.
Als Sherlock-Snack findet der Film vielleicht hier und da noch einen Liebhaber, aber generell ist er eine Enttäuschung an allen Fronten in seiner umfassenden Künstlichkeit, die kein Production Designer in eine filmreife Grusellandschaft verwandeln konnte.
Dieser Pilot war schon überaltert, bevor die schwachen Quoten ihn für die Serienreife scheitern ließen. (3/10)