Like a complete Unknown
Faszinierendes Biopic über die frühen Jahre der Folk- und Rocklegende Bob Dylan, in dem Timothy Chalamet eine grandiose audiovisuelle Metamorphose gelingt, die zudem den Menschen hinter der geheimnisvollen Starpersona sichtbar werden lässt, ohne dabei ihre Rätselhaftigkeit zu entzaubern.
Bob Dylan ist ein Chamäleon. Kaum ein Popstar hat sich derart oft neu erfunden oder das von ihm gemachte Bild auf den Kopf gestellt, abgesehen vielleicht von Madonna. Aber während die Queen of Pop die Öffentlichkeit fast schon lustvoll an ihren Befindlichkeiten und Ansichten teilhaben ließ, blieb Dylan stets eine Sphinx. Daran wird auch die neue Filmbiographie von Musiker-Experte James Mangold („Walk the Line“, 2005) nichts ändern. Faszinierend ist sie trotzdem und das liegt vor allem an Hauptdarsteller Timothy Chalamet. Der momentan angesagteste Jungstar des US-Kinos hat es nicht nur fertig gebracht, die juvenilen Massen für ein sperriges SiFi-Epos über Sandwürmer zu begeistern („Dune“, Dune 2“), er schickt sich auch gerade an, dieses Kunststück mit einem nicht minder sperrigen und ähnlich betagten Musiker zu wiederholen. Jedenfalls geht aktuell das Interesse der TikTok-Generation an der 83-jährigen Folklegende wie man so schön sagt „durch die Decke“.
Dabei musste sich der bekennende HipHop-Fan Chalamet erst selbst in die Figur hinein arbeiten. Die Leidenschaft und Akribie die er dabei an den Tag legte, ist dann auch der Schlüssel zu seiner mitreißenden und im positiven Sinn „infizierenden“ Darstellung. Die äußerliche Verwandlung bis hin zu einer beinahe zwillingsgleichen Ähnlichkeit ist da nicht einmal der entscheidende Faktor. Chalamets Dylan-Werdung geht weit über solch profane Verkleidungs-Tricks hinaus. So hat er akribisch Sprechduktus, Gestik, Mimik bis hin zum eigenwilligen Gang studiert und sich (mit Hilfe eines Dialektcoaches und Bewegungstrainers) in verblüffender Selbstverständlichkeit angeeignet. Die größte Hürde stand ihm anschließend aber erst noch bevor. Wie sein Regisseur James Mangold - der diese Erkenntnis schon bei dem Johnny Cash-Film „Walk The Line“ (2005) mit seinem Star Joaquin Phoenix teilte - war Chalamet überzeugt, dass eine perfekte Imitation, also eine die das Publikum auch glauben und vor allem fühlen würde, nur möglich wäre, wenn er selbst sänge. Gesagt, getan. Mit Hilfe eines Gitarrenlehrers und eines Gesangstrainers feilte er monatelang an über 40 Songs, von denen es dann ein gutes Dutzend in den fertigen Film schaffte.
Was all die Mühen waren, wird gleich zu Beginn des Films auf die Probe gestellt. Dort taucht der junge Robert Dylan (seinen eigentlichen Namen Zimmerman hatte er da schon abgelegt) in einem heruntergekommenen Krankenhaus in New Jersey auf. Der mittellose Musiker aus dem ländlichen Minnesota ist eigens nach New York gereist, um sein großes Idol, den Folksänger Woody Guthrie zu treffen. Der schwerkranke Guthrie hatte seine Stimme verloren, also spielt ihm Dylan ein Lied, dass er eigens für ihn geschrieben hat: Song to Woody. Und da springt die Magie über. Nicht nur vom jungen Verehrer auf sein Idol, das er zu Tränen rührt, sondern auch von Chalamet auf sein Publikum - also uns - , das vom Zweifler zum Gläubigen wird. Von da an sehen wir nicht mehr Timothy Chalamet, der Bob Dylan spielt, wir bekommen vielmehr die Chance, wie durch einen magischen Trick die Starwerdung einer Musiklegende gewissermaßen live mitzuerleben.
So nimmt uns Mangolds Film mit auf eine Reise ins Greenwich Village der frühen 1960er Jahre, in rauchige Bars und chaotische Lofts. Wir lernen Dylans Förderer Pete Seger (Edward Norton) kennen, werden Zeugen der stürmischen On-Off-Beziehung zwischen Dylan und der zu dieser Zeit bereits wesentlich berühmteren Joan Baez (Monica Barbaro) und erleben die enge Verzahnung von Bürgerrechts-Aktivismus und Folkmusik. Mangold hatte schon in seinem gefeierten Johnny Cash-Biopic bewiesen, dass er Zeitgeist und Atmosphäre aus den Anfangstagen moderner Pop- und Rockmusik zu einem sinnlichen Erlebnis verdichten kann. Beides ist nicht einfach nur visuelles Hintergrundrauschen um seinen Protagonisten das passende Setting zum Glänzen zu verpassen. Mangold staffiert und stattet nicht einfach aus, um die Zeitkolorit-Vorgaben seiner Period-Pieces zu bedienen. Er weiß, dass seine Figuren die Zeit erlebten wie jeder andere Zeitgenosse und durch sie ebenso geprägt, geformt und beeinflusst waren.
So gesehen wählt er auch einen anderen Ansatz als Todd Haynes in seinem filmischen Kaleidoskop „I´m not there“ (2007). Haynes ließ dabei 6 verschiedene Dylan-Darsteller auftreten, um die unterschiedlichen Facetten seiner öffentlichen Persona zu visualisieren. Mangold weigert sich dagegen, den von Dylan selbst gepflegten Mythos der Undurchsichtigkeit und der für niemanden so richtig greifbaren Kunstfigur weiter auszubauen. Zwar bleibt auch Chalamets Dylan ein geheimnisvoller, schwer zu fassender und im Umgang für seine Mitmenschen schwieriger Typ. Dieser Dylan ist ein Eigenbrötler, einer der sein wahres Ich gerne verschleiert, aber er ist auch ein Mensch mit einer klaren Agenda. Er will als Sänger berühmt, mindestens aber be- bzw. erkannt werden. Eigentlich fühlt er sich mehr dem Rock verbunden, aber als er merkt, dass seine von Guthries Poesie und Stil inspirierten Lieder die Menschen berühren und packen, nimmt er den Umweg über die Folkmusik. Es ist weniger eine bewusste, geplante Entscheidung, es ergibt sich einfach. Aber schon früh fühlt er sich eingeengt in den von anderen erstellten Schablonen und ein Teil seiner mysteriösen Persona ist auch der Drang auszubrechen, sich nicht vereinnahmen zu lassen.
Chalamets Dylan ist zugleich getrieben und fokussiert, ein kluger Beobachter und ein Freigeist, einer bei dem Ehrgeiz, harte Arbeit und Talent in keinem Konfliktfeld stehen. Er nutzt Joan Baez Bekanntheit für den eigenen Aufstieg, aber sie profitiert auch von seinen Fähigkeiten als Songwriter und Charismatiker. In der Beziehung zu seiner ersten New Yorker Freundin Suze Rotolo (der echte Dylan wollte dass sie für den Film in Sylvie Russo umbenannt wurde) zeigt er sich verletzend aber auch verletzlich. Am Ende kommt diese allgegenwärtige Widersprüchlichkeit dem echten Dylan vielleicht sogar näher als ihre Aufsplitterung in 6 verschiedene Persönlichkeiten. Chalamet schafft es jedenfalls immer wieder den Menschen hinter der Kunstfigur durchschimmern zu lassen, vor allem wenn er singt. Auf mehr konnte man gar nicht hoffen und sollte es auch nicht. Schließlich stammt Dylan aus einer Zeit, als Stars noch keine dauerverfügbaren und omnipräsenten Glasfiguren waren, selbst die nicht, die sich deutlich nahbarer und stromlinienförmiger gaben.
„Like a complete Unknown“ ist somit in vielerlei Hinsicht der perfekte Titel für diese neue filmische Annäherung an Bob Dylan. Nicht so sehr weil die Textzeile aus einem seiner größten Hits stammt („Like a Rolling Stone“), sondern weil er so wunderbar die Essenz der Dylan Interpretation Timothy Chalamets und James Mangolds auf den Punkt bringt. Ein völlig Unbekannter, über den man nichts weiß, in den man daher aber auch alles hinein interpretieren kann. Einer, von dem man sich sein eigenes Bild machen kann, wenn man nur genau hinsieht. Die Ergebnisse können dabei sehr unterschiedlich ausfallen, aber allen wird Timothy Chalamet dabei eine große Hilfe gewesen sein.