Carry-On
Action-Thriller Profi Jaume Collett-Serra ist nicht die schlechteste Wahl für den „Die hard“-Klon „Carry On“. Der Klassiker-Status des Originals bleibt zwar in jeder Hinsicht unangetastet, aber als festliche Streaming-Alternative zur üblichen Weihnachts-Ware aus der Zuckerdose ist der wendungsreiche Airport-Knaller durchaus brauchbar.
Ein Flughafen am Weihnachtsabend. Eine Terrorgruppe mit bösen Absichten. Und ein kleiner Sicherheistbeamter als Spielverderber. Wenn da nicht sämtliche „Die Hard“-Glocken fröhlichen Action-Alarm läuten. Keine Frage, die Netflix-Produktion „Carry-On“ ist ein besonders offensichtlicher Klon des explosivsten Weihnachtsklassiker-Duos der Filmgeschichte. Und dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Wer braucht schon die hundertste Rom-Com-Schnulze mit Kitsch-Lametta oder die x-te Santa Clause-Blödelei mit Holzhammer-Message, wenn man ein knalliges Adrenalin-Feuerwerk schon eine Woche vor Silvester serviert bekommt. Ganz nebenbei bleibt einem zum Fest dann endlich auch mal die Mainstream-Allzweckwaffe Dwayne „The Rock“ Johnson erspart, schließlich hat der seine eigentlich stattliche Action-Persona längst auf den Rummelplatz-Altären sämtlicher existierender Filmfirmen geopfert.
Der Waliser Taron Egerton passt ohnehin viel besser ins Profil, denn obwohl er bereits Superagenten („Kingsman“) und Superstars („Rocketman“) mimte, sieht er mit seinen 35 Lenzen noch immer wie der nette Bankangestellte von nebenan aus. Sein Job in „Carry-On“ ist davon nicht weit entfernt, nur dass seine Kunden ihm nicht ihr Geld, sondern ihr Gepäck anvertrauen. Ethan Kopeck ist nämlich TSA-Officer am Los Angeles International Airport, kurz „LAX“. Eigentlich hatte er Cop werden wollen, aber die kriminelle Vergangenheit seines Vaters stand der begehrten Anstellung leider im Weg. Und so durchleuchtet er tagein tagaus Koffer, Rucksäcke und Handtaschen auf verdächtige Gegenstände und gefährliche Substanzen, eine gleichermaßen monotone wie perspektivlose Tätigkeit, zumal für einen verhinderten Gesetzeshüter. Da trifft es sich gut, dass er wie sein Alter Ego McClane unversehens zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht. Zumindest auch Sicht der bösen Buben, denen er daraufhin ganz gehörig die so virtuos zubereitete Suppe versalzt.
Es hätte doch alles so schön sein können. Das Überwachungssystem des Flughafens wurde gehackt. Die Familie des ausgewählten Sicherheistbeamten gekidnappt und das tödliche Nervengift fein säuberlich in einem unauffälligen Koffer verstaut. Ein Kinderspiel. Nur dumm, dass Ethan einfach mal so die Regeln ändert. Motiviert von seiner Freundin versucht er seine schlechten Beurteilungen aufzupimpen und überredet seinen Schichtleiter ihn an verantwortungsvollerer Stelle einzusetzen. Und so wird Ethan anstatt seines Kollegen via Earbud dazu aufgefordert, ein bestimmtes Gepäckstück durch den Scanner zu lotsen.
„Carry-On“ bezieht einen Großteil seiner Spannung aus der Prämisse, dass beide Seiten ständig improvisieren müssen, um ihre Ziele - Anschlag der Eine, Verhinderung desselben der Andere - durchzusetzen. Sowohl der unbekannte Anrufer wie auch der unbedarfte Sicherheitsbeamte erweisen sich dabei als enorm fintenreich und reaktionsschnell. Das begrenzte Setting eines Airport-Terminals, permanenter Zeitdruck (es geht um einen ganz bestimmten Flug) sowie die Isolation des Helden sorgen zusätzlich für Nervenkitzel.
Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra hat reichlich Erfahrung mit solchen Szenarien. In dem Thriller-Trio „Unknown“ (2011), „Non-Stop“ (2014) und „The Commuter“ (2018) hetzte er jeweils Liam Neeson in Berlin, einem Flugzeug sowie einem Schnellzug in ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel mit unsichtbaren Gegnern. Collet-Serras Vertrautheit mit den Mechanismen des mysteriösen Action-Thrillers wertet dann auch „Carry-On“ auf, gleichzeitig leidet er aber ebenfalls unter den üblichen genretypischen Schwachstellen. So sollte man den ausgeklügelten Plan der Terroristen im finalen Drittel nicht unbedingt akribisch auf Logik abklopfen. Auch das Hinterfragen der Plausibilität mancher Handlungen und Entscheidungen der Protagonisten dürften den Filmgenuss trüben.
Ob Collet-Serra um die skriptbedingten Fallstricke wusste, oder einfach nur unbeirrt seinem bewährten Stil folgte, ist letztlich akademisch. Jedenfalls bleibt er durchgängig auf dem Gaspedal und platziert die nicht wenigen Wendungen passgenau, so dass der Primat der Unterhaltung nie ernsthaft in Gefahr gerät. Mit Komponist Lorne Balfe, Cutter Fred Raskin und seinem Protagonisten-Duo Taron Egerton und Jason Bateman verfügt er zudem über reichlich Blockbuster-Kompetenz vor wie hinter der Kamera. Für einem weihnachtlichen Streaming-Hit ist man also bestens aufgestellt. An das große Vorbild kommt man allerdings nicht heran, aber das ist auch nicht nötig. Im Erwartungsspektrum des winterliche Couchsurfings macht man mit „Carry-On“ nicht viel falsch. Wer lieber Bruce Willis bei der fröhlichen Terroristernhatz am Nakatomi Plaza und im Washingtoner Dulles Airport zuprosten will, kann das ja dennoch und auch parallel tun. In diesem Sinne: Ho ho ho.