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Man muss diesen Film vielleicht aus amerikanischer Perspektive sehen. 

Im US-Mainstreamkino sind dystopische Politthriller, die aktuelle (!) Zustände aufgreifen und kritisieren, eine absolute Seltenheit. Vergangenheitsbewältigung, ja bitte, gerne dann auch mit Oscars prämiert. ANNIVERSARY, international THE CHANGE betitelt, legt jedoch den Finger in eine Wunde, die in Amerika gerade weit geöffnet ist: Eine politisch radikale, antidemokratische Bewegung, breitet sich langsam in allen Schichten der Gesellschaft aus, bis die Konsequenzen sogar in den Haushalten intellektueller und wohlhabender Familien zu spüren sind. 

Gezeigt wird dies nahezu komplett kammerspielartig am Beispiel der Großfamilie Taylor (Kyle Chandler und Diane Lane), eine Uniprofessorin und ein Restaurantbesitzer, mit ihren vier Kindern (Madeline Brewer, Zoey Deutch, Mckenna Grace, Dylan O’Brien) und deren Anhang. Elizabeth (Phoebe Dynevor), die neue Ehefrau des Sohnes Josh, ist Autorin des Buches „The Change“, das die Philosophie eines parteienlosen Staates vertritt und die gesamte Bewegung ins Rollen bringt. 

Über die Jahre verändern sich Land und Menschen, die Familie wird zersplittert, Tochter Anna, eine kritische Standup-Comedienne, wird von den Behörden verfolgt, Tochter Birdie erhält die Chance, sich als Wissenschaftlerin weiterzuentwickeln, um den Preis ihrer Integrität. 

Schon von einer rudimentären Inhaltsangabe lässt sich problemlos auf die Entwicklung der Story und ihren dramatischen Ausgang schließen. Und das ist vielleicht das Kernproblem des Films: Er hat künstlerisch und erzählerisch absolut nichts zu bieten. Man sieht zwar den Schauspieler:innen gerne zu, insbesondere Diane Lane verkörpert die standhafte Matriarchin herorragend. Doch ist der Film weitgehend überraschungsarm erzählt und hat für jeden Menschen, der sich auch nur ein wenig mit der Weltgeschichte und der aktuellen Entwicklung in den Vereinigten Staaten auskennt, bzw. beschäftigt, eher einen dokumentarischen Charakter. Die britische Miniserie YEARS AND YEARS hat 2019 bereits eine ganz ähnliche Geschichte erzählt, wenngleich deutlich packender und mit Ideen, die für viele Zuschauende noch jenseits ihrer Vorstellungskraft lagen. Diese visionäre Kraft fehlt Co-Autor und Regisseur Jan Komasa. 

Doch vielleicht muss man den Film einfach aus amerikanischer Perspektive sehen: Bei seinem Kinostart in den USA wurde der Film vom Studio wohl aus Angst um dessen Brisanz bewusst klein gehalten und mit lediglich einem Minimum an Marketingunterstützung für begrenzte Zeit in wenige Kinos gebracht. Offenbar sieht man in den USA in einer derartigen Aufbereitung des Themas mit namhaften Schauspielern noch echten Zündstoff. Während wir in Europa als distanzierte Beobachter nach Betrachten des Films einfach nur sagen würden: „Told you so.“. 

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