Rollig, prollig, trollig, drollig
Als teils abartige, teils augenzwinkernde Oper aus Zigarrenqualm, schwarzen Maßanzügen und abgetrennten Körperteilen überhöht „Marco“ als indischer Skandalactioner den Style von dort fast wie einst „Cobra“ oder „Commando“ dies mit dem Actionbombast aus Hollywood taten - und die hat man schließlich auch nie wirklich ernst genommen und eher einfach aufgrund ihres cheesy Unterhaltungsgrades gefeiert, oder?! Nur treibt „Marco“ diesen eben ziemlich comichaft und fies in „A Serbian Film“-Gefilde, was einigen übel aufstoßen wird - gerade wenn man sich fünf Minuten zuvor noch schlappgelacht hat über fast „Kung Fu Hustle“-artige Ausuferungen, nur eben auf indisch und (möchtegern-)cool… Doch eins nach dem Anderen. „Marco“ erzählt im Grunde eine strikte und doch epische Rachestory über einen übermächtigen Mann und Kämpfer, der den eiskalten Mord an seinem blinden Bruder rächen will und sich aufmacht die halbe indische Unterwelt zu skalpieren und in Viertel zu reißen, beißen, schnetzeln, metzeln und schießen…
Rippenbrecher Massala
Schon bei „Kill“ letztes Jahr konnten genug Leute nicht nachvollziehen, wie ich das feiern konnte. Doch nach „Marco“ wirkt das fast wie ein klassischer Actionthriller, denn nach „Marco“ ist im Grunde im indischen Actionkino nur noch wenig wie zuvor. Der Goregrad ist nicht mehr zu steigern, die tonalen Dissonanzen sind verstörend, es wird nicht vor extremer Gewalt an Kindern, Frauen und Babies zurückgeschreckt, dazu wird alles „cool“ und musikvideoclipartig inszeniert. Für viele wird sich das beißen und krank, schlecht, nur um des Schocks Willen wirken. Und ich will da gar nicht widersprechen. Und trotzdem bin ich als alter Gorehund und Neuentdecker des indischen Kinos doch verdammt nochmal auf meine Kosten gekommen. Und wie! Die meiste Zeit für mich eher Parodie. Bis einem das laute Lachen und positive Kopfschüttteln dann doch irgendwie steckenbleibt. Die letzte halbe Stunde übertreibt's völlig. Und echte Verbindungen zu den Figuren fehlen. Wirklich top choreografiert ist’s auch eher selten. Aber es ist als instinktiver Dampfhammer zwischen Splatteraction und Superheldencurry dann doch irgendwie hardcore und… putzig. Und pures Entertainment, ich kann's nicht anders sagen. Das beginnt bei minutenlangen Credits zu Beginn auf indisch - ohne Untertitel versteht sich. Und geht über die köstlichen und wiederholten Einblendungen, dass „Rauchen tödlich ist“ oder dass „Gewalt an Frauen und Kindern verfolgt wird“ (was aber in der internationalen Fassung glaube ich zurückgefahren/nicht gemacht wird), bis hin zu bestialischen und fast schon abstumpfenden Fights und Massenkills, wie ich sie zuvor schlicht noch nie gesehen habe. Zumindest nicht so ausufernd und ausdauernd. Lange Zeit fehlen etwas die würdigen Widersacher für Marco, der übermächtig wirkt. Aber im letzten Viertel ändert sich das und nimmt wie gesagt abstraktere, höllischere Formen an. Aber selbst bis dahin werden bei diesem exotischen Tabubrecher eh schon genug angewidert abgeschaltet haben…
Säure macht müde Inder sauer
Fazit: Die wahrscheinlich saftigste Schlachtplatte, die das indische Kino bisher hervorgebracht hat… Ein augenzwinkerndes Machomassaker, für viele (gerade hier im Westen) wohl eher instinktiv und irritierend als cool und funktionierend. Und trotzdem irgendwie ein bizarres Brett - wenn man weiß, wie man das neue indische Actionkino zu nehmen hat… „Marco“ verschiebt aber schon erbarmungslos und stumpf vielerlei Grenzen. Ich hab’s die meiste Zeit mit Humor genommen.