"Love is all around", so hieß der weltweite Schmusehit von Wet Wet Wet, der die köstliche Liebeskomödie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" 1994 untermalte. Der Drehbuchautor dieses modernen Liebesfilmklassikers legt nun mit "Tatsächlich... Liebe" sein Regiedebüt hin; und wieder hat der Film "Love is all around" zum Thema. Sogar der Song an sich spielt hier wieder eine zentrale Rolle, denn der alternde Ex-Rockstar Billy Mack covert den Klassiker und macht daraus die krächzige Schmonzette "Christmas is all around", und versucht damit ein kontrovers promotetes Comeback. Ja, sowohl die Liebe, als auch Weihnachten ist "all around", überall um uns. Und genau darum geht es in "Tatsächlich... Liebe". Um die Liebe im Allgemeinen, in all ihren Spielarten, und um die Liebe zu Weihnachten im Besonderen.
Im Gegensatz zu der hohen Vermählungsfrequenz in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", haben wir es hier nur mit einer Hochzeit und einem Todesfall zu tun. Insgesamt 10 Geschichten unterschiedlicher Menschen und unterschiedlicher Arten von Liebe laufen hier in einem Geflecht von Stories zu einem riesigen Knäuel zusammen, ganz so, als wäre der Film von Robert Altman gedreht. Mal leichtfüßig und verspielt, mal voller tragischer Schwere. Oft wechselhaft, nie konstant. Dafür aber ehrlich dem Subjekt "Liebe" gegenüber. Zeigten Filme wie "Notting Hill" vielleicht nur die eine, schöne, romantisierte Seite der Liebe, gibt Curtis hier umfassen Auskunft über alle Nuancen der Liebe.
Da wäre zum Beispiel der frischgebackene Premierminister David (Hugh Grant), der sich Hals über Kopf in seine Teedame verliebt. Natalie (Martine McCutcheon), die von ihrem Freund wegen angeblich elefantöser Oberschenkel verlassen wurde, fällt besonders durch ihr loses Mundwerk auf. Als dann noch der eben angereiste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Billy Bob Thornton) anscheinend erfolgreich mit Davids Flamme flirtet, gibt's sowohl ein politisches Feuergefecht, als auch Unstimmigkeiten zwischen dem möglichen Paar David und Natalie.
Viel dramatischer geht es bei Harry (Alan Rickman) zu, der nicht nur versucht, die heimliche, unausgesprochene Liebe zwischen seinen beiden Angestellten Sarah (Laura Linney) und Karl (Rodrigo Santoro) ins Rollen zu bringen, sondern auch gleichzeitig mit den eindeutigen Angeboten seiner Sekretärin Mia (Heike Makatsch) zu kämpfen hat. Die plant für die Weihnachtsfeier schon eine erotische Attacke auf ihren Chef, nur dummerweise ist der schon seit Jahren glücklich mit seiner Frau Karen (Emma Thompson) verheiratet, und hat zwei Kinder. Und dennoch entscheidet sich Harry für einen Drahtseilakt; schenkt seiner Frau routinemäßig eine CD ihrer Lieblingssängerin Joni Mitchell, wählt das romantische Präsent einer goldenen Herzhalskette für die amourös motivierte Mia. Ähnlich kompliziert geht es bei Sarah und Karl zu. Denn während beide endlich zueinander finden, wird der Moment der physischen Liebe der Beiden durch Sarahs familiäre Liebe zu ihrem geistig zurückgebliebenen Bruder verhindert, die sie dazu zwingt, in quasi ständigem telefonischen Kontakt mit ihm zu stehen.
Ja, die Liebe ist nicht einfach. Das erfahren auch Daniel (Liam Neeson), dessen Frau soeben verstorben ist, und sein elfjähriger Stiefsohn Sam, der seine erste, große Liebe in der gleichaltrigen, stimmbegabten Joanna gefunden hat, aber sich nicht zu dem entscheidenden ersten Schritt traut.
Manche dieser Episoden sind stimmungsvolle, genau komponierte Highlights, wie zum Beispiel die Story des Trauzeugen Mark (Andrew Lincoln), der der Braut seines besten Freundes Peter (Chiwetel Ejiofor) in höchstem Maße skeptisch gegenübersteht. Zwar arrangiert er ein Hochzeitskapellenspektakel für das befreundete Paar, jedoch spielt sich nach der Trauung wieder Kälte und Abweisung zwischen Peter und Braut Juliet (Keira Knightley) ab. Die Geschichte findet ihren emotionalen, sehr süßen Höhepunkt, als Mark auf seine eigene Art und Weise seine wahren Gefühle für Juliet am Weihnachtsabend offenbart. Jene Geschichte ist eben so ehrlich, wie auch tragikomisch.
Im Gegensatz dazu funktioniert beispielsweise die Geschichte über den Autoren Jamie (Colin Firth), der sich in seine ausländische Hausdame Aurelia (Lúcia Moniz) verguckt, und hier die Liebe sämtliche Sprachbarrieren überschreitet, nur bedingt. Zwar ist auch hier das Finale spaßig, jedoch schreitet jene Geschichte in einem völlig anderen Tempo ab, als die bisherig erläuterten Episoden. Wird bei den anderen Geschichten in dem gigantischen Liebesreigen auf allzu platten, vorhersehbaren Humor verzichtet, bietet die Jamie/Aurelia-Geschichte eine Szene, die so gar nicht in das sonst so unspekulative Gesamtbild des Films passt: Als der Wind das Manuskript des Autors in den See weht, rettet Aurelia unter wüsten, fremdländischen Beschimpfungen die einzelnen Blätter aus dem See. Jedoch ist so eine kleine Verfehlung in Form einer einzigen Szene nun noch kein Beinbruch für den Film.
Was man "Tatsächlich... Liebe" nun wirklich ankreiden könnte, ist sein gesamtes Tempo. 10 ineinander verschachtelte Liebesepisoden in 130 Minuten ist recht viel für den Zuschauer, und obwohl alle Darsteller ausnahmslos gut und routiniert spielen, kommt es dazu, dass einige Figuren zu bloßen Karikaturen ihres eigenen Klischees verkommen. So ist leider die Heike-Makatsch-Figur der lasziven Sekräterin farblos, was allerdings nicht an dem Talent der Makatsch liegt, sondern eher an der, der Spielzeit unterworfenen, reduzierten Screentime der Schauspielerin. Um einen wirklich perfekten Film zu schaffen, hätte Regisseur Curtis entweder die Lauflänge des Films erhöhen, oder die Episodenanzahl kürzen müssen.
Jedoch, neben all jener kleinen Kritikpunkte verlässt man durchaus zufrieden das Kino. "Love is all around". Das stimmt wohl, und genau, das weiß man auch nach Besuch dieses schönen Filmes. Und wenn kurz vor dem Nachspann noch einmal erinnert wird, dass auf den Flughäfen unserer Welt, das wahre Gesicht unserer Gesellschaft zu finden ist, nämlich jenes, voller Wiedersehensfreude, Liebe und Freudentränen, dann wird wohl auch das kälteste Herz angesichts jener schönen Bilder, "Love is all around"-summend das Kino verlassen.