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Mickey 17

In seiner thematischen Ausrichtung zu oberflächlich und seiner kritischen Anlage zu zahnlos geratene SiFi-Satire auf aktuelle, sozial-gesellschaftliche Missstände. Von „Parasite“-Macher Bong Joo-ho darf man angesichts einer lediglich relativ unterhaltsamen Dystopie-Groteske durchaus enttäuscht sein.

Wer sich an eine Sozial- und Gesellschaftssatire im Science-Fiction-Gewand macht, der kann aus dem Vollen schöpfen. Schließlich lässt sich in zukünftige Szenarien so ziemlich alles hinein verhandeln, was in der Gegenwart (oder Vergangenheit) dysfunktional, kritikwürdig oder mindestens bedenklich ist. Wenn dann auch noch ein ausgewiesener und mehrfach prämierter Experte wie Bong Joon-ho übernimmt, stehen die Zeichen flugs auf „Must See“. Der südkoreanische Regisseur hat immerhin die dystopische Parabel „Snowpiercer“ (2013) und die rabenschwarze Sozial-Groteske „Parasite“ (2019) im Portfolio.

„Mickey 17“ liest sich da wie das logische nächste Glied der Erfolgskette. Im Jahr 2045 startet der politisch gescheiterte US-Senator Kenneth Marshall (Mark Ruffalo) eine Expedition zu dem fernen Planeten Niflheim. Die Erde ist aufgrund menschlicher Gier und Dummheit dem Untergang geweiht und auch in den Kolonien herrscht ein alltäglicher Überlebenskamp bei dem Solidarität und Gemeinschaftssinn auf der Strecke bleiben. Die Kolonisation auf Niflheim soll daher eine neue, reine Gesellschaft hervorbringen, zusammengestellt und funktionierend ganz nach den rigiden Vorstellungen des christlich-fundamentalistischen Oligarchen. Um sämtliche während der Reise, aber auch nach der Ankunft potentiell auftreten Komplikationen zu meistern, sorgt Marshall für die Mitnahme eines sogenannten „Expendable“. Mickey Barnes hat sich freiwillig für dieses auf der Erde illegale Programm gemeldet, ohne allerdings das Kleingedruckte gelesen zu haben. Und so wird er fortan bewusst jeder tödlichen Gefahr ausgesetzt, die das Kolonistenschiff bedroht oder bedrohen könnte. Schließlich kann er sofort nach seinem Ableben via Bioprinter und herunter geladenem Gedächtnisspeicher jederzeit und beliebig oft als 1:1 Klon seiner selbst wieder auferstehen. Nach einer schmerzhaften Eingewöhnungsphase trägt Miley sein paradoxes Schicksal zunehmend mit Galgenhumor, denn obwohl er permanent stirbt, kann er nicht sterben. Doch als seine 17. Inkarnation aufgrund eines Missverständnisses eines Tages Nummer 18 begegnet, ist dieses makabre Arrangement urplötzlich hinfällig. Zwar hat Kolonisten-Mastermind Marshall keinerlei Skrupel Mickey dauerhaft als wiederverwertbares Versuchskaninchen zu missbrauchen, aber andererseits geschworen, beim Auftauchen von „Multiples“ (gleichzeitig lebenden Klonen) sofort den Stecker zu ziehen.

Bong Joon-ho und sein Hauptdarsteller Robert Pattinson zelebrieren lange Zeit vor allem die schwarzhumorige Essenz der Expendable-Prämisse. Die grelle Ausmalung diverser Tötungsszenen (u.a. via Virus, Strahlung im Weltraum, Drucker-Fehlfunktion, Impfstoff-Tests), kombiniert mit Mickeys mal lakonischen, mal ängstlichen Off-Kommentaren sind lupenreine, wenn auch tiefschwarze Comedy. Im Verbund mit Mark Rufflalos exaltierter Trump-Parodie als zugleich größenwahnsinniger wie debiler TV-Prediger-Autokrat, dominiert ein feixender Grundton, der alles andere zukleistert. Soll heißen, die tragischen und finsteren Aspekte der Thematik rücken ebenso in den Hintergrund wie die philosophischen Reflexionen über das Klonen oder die selbstzerstörerischen Ansätze der menschlichen Natur.

Das dieses Manko auch schon in der literarischen Vorlage („Mickey 7“ von Edward Ashton) existiert , ist keine Entschuldigung. Der zwangsläufig interpretative Charakter von Literatur-Verfilmungen böte genügend Chancen einer selektiven und variierten Fokussierung. „Mickey 17“ bleibt in seinem Primat auf makabrem Slapstick und greller Überzeichnung praktisch durchgehend an der Oberfläche und lässt kaum Raum für kluge Zwischentöne. Die erkennbar fehlende Substanz wird durch die recht lange Laufzeit von 137 Minuten und ein vergleichsweise seichtes Wohlfühl-Ende zusätzlich ins Rampenlicht gezerrt. Das bedeutet nicht, dass die insektengleichen Ureinwohner Niflheims ähnlich grausam und tödlich hätten angelegt werden müssen wie die „Bugs“ in Paul Verhoevens artverwandter SiFi-Satire „Starship Troopers“ (1997). Aber wo der provokationsfreudige Holländer beißende Kritik, hohen Unterhaltungswert und ein irres Tempo zu einem sinnlichen und intellektuellem Vergnügen bündelt, kommt Joon-ho in sämtlichen Disziplinen nicht in die Gänge. Während ersterer berauscht, bleibt von letzterem nur Berieselung. Auf Augenhöhe sind bestenfalls die trick- und produktionstechnischen Schauwerte, wobei „Mickey 17“ es schwer haben wird, sein Budget von 120 Millionen Dollar in schwarze Zahlen umzumünzen.

Der Filmpreis-Regen von „Parasite“ (u.a. Goldene Palme und diverse Academy Awards) wird jedenfalls nicht auf Bong Joon-hos Nachfolgewerk niederprasseln, so viel ist sicher. Einen netten Kinoabend können Freunde der gepflegten Gesellschaftssatire und des grellen Humors dennoch verbringen, aber eine rauschhafte Stimulans der Sinne oder eine nachhaltige Anregung intellektueller Diskurse sollten besser nicht erwartet werden. Dafür ist „Mickey 17“ zu inhaltsleer, zu gehaltlos, aber auch zu wenig fokussiert und treffend geraten. Da nützt auch das Aufpumpen von „Mickey 7“ auf „Mickey 17“ nicht mehr.

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