„The Punisher“ und die bleierne Eleganz des Achtziger-Actionkinos
Als Mark Goldblatts „The Punisher“ 1989 erschien, befand sich das Actionkino in einer seltsamen Zwischenphase. Sylvester Stallone hatte die Muskeln bereits zur Staatsdoktrin erklärt, Arnold Schwarzenegger verwandelte Maschinengewehre in Opernarien – und irgendwo zwischen diesen Monumenten tauchte plötzlich Dolph Lundgren auf, mit Bartstoppeln, dunklen Augenringen und der emotionalen Temperatur eines Betonblocks im Regen. Oder besser gesagt: das, was von ihm übrig ist.
Der Film wirkt bis heute wie ein Import aus einer parallelen Filmgeschichte. Gedreht größtenteils in Australien, aber angesiedelt in einer namenlosen amerikanischen Metropole, sieht diese Stadt aus, als hätte jemand Manhattan mit einem Containerhafen gekreuzt. Überall glänzt Asphalt. Neonlicht zerfließt in Pfützen. Es ist eine Welt, die permanent nach Mitternacht aussieht.
In dieser Stadt lebt Frank Castle.
Oder besser: Er existiert dort noch.
Castle – gespielt von Dolph Lundgren mit der stoischen Gravitas eines Mannes, der vermutlich auch beim Zahnarzt keine Miene verzieht – war einmal Polizist, Familienvater, Bürger. Dann tötete die Mafia seine Familie. Fünf Jahre später ist Castle zu einer urbanen Legende geworden: ein Phantom, das Kriminelle in Serie exekutiert und seine Bilanz mit militärischer Effizienz erhöht. 125 Tote, wie uns der Film früh mitteilt – eine Zahl, die eher wie eine Börsenstatistik wirkt als wie eine moralische Frage.
Lundgren, damals noch im Schatten seiner Rollen als sowjetischer Superathlet oder schweigsamer Actiongigant, spielt Castle nicht als Comicfigur, sondern als Mann, der emotional bereits im Abspann angekommen ist. Sein Gesicht hat hier etwas Geologisches: unbeweglich, steinern, von inneren Erosionen gezeichnet. Wo andere Actionhelden posieren, steht Lundgren einfach da – breit, schweigend, mit der Aura eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat und deshalb auch nichts mehr erklären muss.
Interessanterweise verzichtet der Film auf das berühmte Totenschädel-Emblem aus den Comics. Kein weißes Symbol auf schwarzer Brust, keine ikonische Pose. Stattdessen trägt dieser Punisher einen schwarzen Ledermantel und sieht aus wie ein besonders entschlossener Nachtportier der Apokalypse. Wenn Lundgren spricht, dann selten – und meist so, als kämen die Worte aus einem Raum tief unter der Oberfläche.
Mark Goldblatt, der zuvor als Cutter an Filmen wie „The Terminator“ und „Rambo: First Blood Part II“ gearbeitet hatte, inszeniert „The Punisher“ mit dem Instinkt eines Mannes, der weiß, wie Gewalt im Schnitt klingt. Seine Regie hat nichts Elegantes, nichts Opernhaftes – sie ist präzise, fast industriell. Türen fliegen auf. Schüsse fallen. Körper kippen um. Der Film bewegt sich vorwärts mit der mechanischen Zielstrebigkeit eines Presslufthammers.
Doch das eigentlich Faszinierende an „The Punisher“ ist nicht die Gewalt, sondern die Müdigkeit, die darunter liegt.
Castle lebt in einem unterirdischen Versteck, umgeben von Kerzen und Zeitungsausschnitten über seine eigenen Taten. Es sieht aus wie das Archiv eines Mannes, der sein Leben katalogisiert, während er es gleichzeitig auslöscht. Über ihm rauscht die Stadt weiter, als wäre nichts geschehen.
Die Handlung selbst entwickelt sich zu einer Art urbanem Gangsterballett. Die italienische Mafia gerät unter Druck durch eine japanische Yakuza-Organisation, die mit höflicher Grausamkeit in das amerikanische Territorium expandiert. Der Film verwandelt sich dadurch in einen bizarren Dreieckskrieg: Mafia, Yakuza und irgendwo dazwischen Frank Castle, der plötzlich nicht mehr nur Jäger ist, sondern auch eine Art Gleichgewichtsfaktor.
Die Yakuza-Sequenzen bringen eine unerwartete Portion Achtziger-Exotik ins Spiel. Plötzlich tauchen Ninjas auf, Katana-Klingen blitzen, und man hat kurz das Gefühl, der Film sei heimlich in ein anderes Genre abgebogen. Es ist der Moment, in dem „The Punisher“ kurz so wirkt, als hätte jemand einen Polizeithriller mit einem japanischen Mitternachtsfilm gekreuzt.
Und doch funktioniert diese seltsame Mischung erstaunlich gut.
Visuell lebt der Film von einer fast romantischen Liebe zur Dunkelheit. Blaues Nachtlicht, verregnete Straßen, Industrieanlagen im Nebel – Goldblatt inszeniert die Stadt wie eine permanente Dämmerung. Wenn hier einmal Tageslicht auftaucht, wirkt es beinahe unhöflich. Man könnte sagen: „The Punisher“ sieht aus, als hätte jemand einen Frank-Miller-Comic durch die Linse eines 80er-Cop-Movies gefilmt.
Natürlich ist „The Punisher“ kein makelloser Film. Einige Dialoge haben die poetische Feinheit einer Parkplatzschlägerei. Der Plot stolpert gelegentlich über seine eigenen Nebenfiguren. Und das Finale – eine wilde Mischung aus Gangsterkrieg, Ninja-Action und Maschinengewehr-Apokalypse – fühlt sich an, als hätte jemand drei verschiedene Actionfilme gleichzeitig gestartet.
Aber gerade in dieser Ungeschliffenheit liegt auch der Reiz.
Denn rückblickend wirkt „The Punisher“ fast wie ein Vorläufer jener düsteren Comicadaptionen, die Jahrzehnte später das Genre dominieren sollten. Lange bevor Superhelden im Kino zu milliardenschweren Franchise-Ikonen wurden, zeigt dieser Film eine Welt, in der Moral keine klaren Linien mehr kennt. Castle ist kein Retter. Er ist eher eine Konsequenz – das Resultat einer Gesellschaft, die ihre Gewalt nur ausgelagert hat.
Und vielleicht ist das der Grund, warum der Film heute einen gewissen Kultstatus genießt. Zwischen all den glänzenden CGI-Spektakeln unserer Zeit wirkt „The Punisher“ wie ein Relikt aus einer Ära, in der Actionfilme noch nach nassem Asphalt, Maschinenöl und Zigarettenrauch rochen. Nichts glänzt hier. Nichts ist sauber. Selbst die Siege fühlen sich schmutzig an.
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der durch die Nacht geht, ohne Ziel außer dem nächsten Namen auf seiner Liste.
Ein Held? Kaum.
Eher der letzte Schatten in einer Stadt, die längst aufgehört hat, an Helden zu glauben.