Review

Wer hat das Recht oder sollte in der Lage, über das Ableben eines Menschen bestimmen zu können?
Ganz klar: Niemand! Soviel Macht sollte keinem menschlichen Wesen, im Idealfall auch keiner menschlichen Instanz obliegen.
Dass das nicht in allen Regionen unseres wundervollen Planeten so ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass Diskussionen über den Sinn und Zweck der Todesstrafe aber selbst heute noch immer wieder geteilte Meinungen hervorrufen, hat aber wohl auch seinen Grund, wenn man sich die Fälle von Kindesentführung und Massenmorden (hierzulande glücklicherweise nicht so verbreitet) einmal vor Augen führt.

„Ein kurzer Film über das Töten“ rollt diese Diskussion nicht noch mal auf. Er hat sein Urteil bereits gefällt:
„Du sollst nicht töten!“, so seine Message, welche sich sowohl jeder Zivilist, als auch jedes Staatsorgan hinter die Ohren schreiben sollte.
Doch beide Parteien tun es und löschen ein Menschenleben unwiederbringlich, ein für alle mal aus. Der eine aus schierem Wahnsinn, der andere aus dem Glauben heraus, Gerechtigkeit walten zu lassen.
Wie wahnsinnig, grausam und widersprüchlich beide Taten im Endeffekt sind, und dass weder der eine, noch der andere Mord vertretbar ist, wird hier eindrucksvoll suggeriert.

„Ein kurzer Film über das Töten“ beginnt aus drei Perspektiven, welche erst nach und nach miteinander in Verbindung gesetzt werden, ihrer eigentlichen Rolle zugewiesen werden und zugewiesen werden können.
Person 1 – der Täter, ein ziemlich verstörter Charakter und Einzelgänger, der sich schwer tut, im alltäglichen Leben Fuß zu fassen. Dass er das Leben nicht sonderlich zu achten scheint, dass bei ihm ferner die Schwelle zum Wahnsinn nur so dick wie Esspapier geraten ist, wird zum ersten Mal angedeutet, als er gezielt einen mittelgroßen Stein vom Geländer einer Autobahnbrücke schubst. Einen Mord hätte man dem Sonderling bis zum Augenblick der Tat allerdings nicht zugetraut.
Person 2 – das Opfer. Ein mürrischer Taxifahrer und ein Griesgram, wie er im Buche steht. Er lässt winkende Kunden am Straßenrand stehen, hupt, wenn vor ihm Leute die Strasse passieren, die ihm nicht passen, und schimpft über Gott und die Welt. Auch nicht unbedingt ein Menschenfreund…
Person 3 - der Pflichtverteidiger des Täters, ein frisch vereidigter Jungspund, der wohl gesinnt auf seinen ersten Fall wartet, welcher ihn aber in eine tiefe Sinnkrise stürzen lässt.

Das Leben führt die drei Charaktere zusammen und das Leben ist es, das den dreien ihre Rollen zuweist.
Inwiefern der Täter während seiner Tat zwischen Recht und Unrecht unterscheiden konnte, bleibt fraglich. Fakt ist aber, dass er sich nicht willentlich zum Morden entschlossen hat, sondern dass jener viel mehr von seinen ungünstigen seelischen Verhältnissen dazu getrieben wurde. Soviel stellt der Film klar.
Obwohl er die Tat nicht geplant, sein also Opfer willkürlich, im Affekt quasi, gewählt hatte und die Tat mit ziemlicher Sicherheit auf eine psychische Erkrankung zurückgeführt hätte werden können, wird unser Mörder zum Tod durch den Strick verurteilt.
An diesem Punkt möchte ich anmerken, dass es sich hier um einen polnischen Film handelt. Mit dem Strafgesetzbuch und dortigen Gepflogenheiten bin ich allerdings nicht sonderlich vertraut. Allerdings glaube ich sagen zu können, dass dort die Todesstrafe mittlerweile abgeschafft worden ist.

Beide Morde – sowohl der zivile, als auch der staatliche – werden äußerst detailliert und abstoßend dargestellt. Die letzten Minuten in der Zelle, in der der Verurteilte vergeblich versucht seine Henkersmahlzeit herunterzuwürgen und genussvoll die letzte Zigarette zu rauchen, wirken haargenau so beklemmend wie der Todeskampf des Taxifahrers, als jener vom Rücksitz aus erdrosselt wird.
Auch die Tatsache, dass zweimal das selbe „Mordwerkzeug“ verwendet wird (in gewisser Weise werden beide stranguliert), hat System.
Der Sinn dahinter ist klar: Jemanden zu töten, egal ob es unter dem Deckmantel der Justiz geschieht oder es die Mehrheit der Bevölkerung reinen Gewissens befürworten kann, ist und bleibt Mord und Mord ist nun einmal, egal wie man es dreht und wendet oder wie verkorkst das Hirn von Massenmedien und Mortal Kombat bereits ist, eine wirklich grauenvolle Sache, die in der Realität ganz, ganz weit von dieser Hollywood-Actionfilm-„Bodycount: 178, aber alles nur Statisten“-Phantasie entfernt ist.
Jedes Leben ist einzigartig - ja, das ist meine Meinung - und den Umfang dessen, ein Leben auszulöschen, dürfte gedanklich nur schwer erfassbar sein.

Genug abgedriftet, zurück zum Film: „Ein kurzer Film…“ konfrontiert uns, wie sollte es auch anders sein, mit menschlichen Abgründen und katapultiert uns in ein Jammertal ohne rettende Insel oder Sonnenschein. Ziellos umherirrende Seelen schlagen sich durch eine karge, unlebenswerte Welt voller Plattenbauten und Hochhaussiedlungen, in der weder Fremde, noch Freunde einander anlächeln und Kinder mit toten Katzen spielen. Kurzum: der Streifen lässt kaum eine Gelegenheit aus, aufs Gemüt zu drücken.
Die Ursachen für das Fehlverhalten des Täters werden angedeutet, die These, dass jener just „böse geboren“ wurde und nie eine Chance hatte, nicht zum Mörder zu werden, wird keine Sekunde lang untermauert, der wahrscheinliche Grund für sein Austicken – der frühe Tod seiner Schwester, an dem er mitschuldig war - schwappt erst gen Ende an die Oberfläche.

Welcher Sinn steckt in erster Linie hinter derartig harten Strafen?
Genau: Prävention.
Wie viele Täter, insbesondere wie viel psychisch kranke, sich allerdings wirklich von den Konsequenzen ihrer Tat abschrecken lassen, fragt mal am besten die Mutter, die ihre neun Babys umgebracht und in den Blumentöpfen ihres Balkon zur letzten Ruhe gebettet hat, oder die Amokläufer von der Columbine High.


„Ich kann Katzen nicht ausstehen. Die sind genau so falsch wie Menschen.“


„Ein kurzer Film über das Töten“ setzt die „Auge um Auge“-Rechtsprechung unter Beschuss, leuchtet seelische Abgründe aus, die die Mehrheit der Bevölkerung nicht sehen will, und lässt die Frage offen, wo und wie man wohl am besten mit der Prävention von Straftaten und der Therapie von Straftätern ansetzen sollte.
Kein Meilenstein in Sachen nachdenklich stimmendes Kopfkino, aber schon um Welten eindringlicher als seichte Hollywood-Justizdramen á la „Zwielicht“ oder „Eine Frage der Ehre“.
Wäre ich des Polnischen mächtig, würde ich sagen: „Ich habe fertig!“.

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