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Lebens- und Weltgeschichte auf Tarkowskij-Art: In seinem visuell atemberaubenden, erzählerisch komplexen Werk „Der Spiegel" verknüpft der russische Meisterregisseur Andrej Tarkowskij die Lebensgeschichte eines Jungen, der mit seiner Mutter und seiner Schwester im Russland des Zweiten Weltkriegs aufwächst (autobiographisch geprägt), mit den alles umwälzenden Weltereignissen jener Epoche. Dabei entsteht ein faszinierendes Arthaus-Kleinod, das nicht immer leicht nachzuvollziehen ist, aber durchgehend in seinen Bann schlagen kann.

Wie so üblich macht es Tarkowskij dem Zuschauer nicht allzu einfach: Auf der ewigen Suche nach seiner ganz eigenen filmischen Sprache wechselt er hier dynamisch zwischen diversen Zeitebenen, nutzt dazu verschiedene Farb- und Schwarz-Weiß-Sequenzen und zeigt nicht immer direkt an, an welchem Punkt der Handlung man sich gerade befindet. Auch das Besetzen der jungen Mutter während des Kriegs und der Ehefrau des Protagonisten viele Jahre später mit derselben Darstellerin kann mitunter für Irritationen sorgen. Konzentriertes Zuschauen sollte hier also oberstes Gebot sein, um nicht nach relativ kurzer Zeit den Faden zu verlieren. Dafür aber legt Tarkowskij immer wieder höchst elegante Hinweise und Verknüpfungen zwischen den Ebenen: So wird in einem Telefonat zwischen dem erwachsenen Protagonisten und seiner Mutter eine Kollegin aus ihrer Zeit in einer Druckerei erwähnt; die nächste Szene wechselt dann direkt in diese Druckerei. Auf diese Art werden immer wieder erzählerisch Lebenslinien miteinander verbunden und verschiedene Kontinuitäten aufgezeigt.

Überhaupt ist die erzählerische Eleganz des Films wieder einmal die große Stärke. In ruhigem Tempo, mit langen Einstellungen und noch längeren, enorm entschleunigten Sequenzen, taucht der Film in seine Lebensgeschichte ein, entfaltet die ganze historische Dimension seines Sujets erst nach und nach. Durch den häufigen zeitlichen Wechsel empfängt der Zuschauer ebenso Lebensrealitäten aus den Kriegszeiten wie aus der späteren Sowjetunion - die hochauthentischen Settings und die enorm detailverliebte Ausstattung lassen von armen Bauernhäusern mitten im ländlichen Nirgendwo bis zu riesigen Stadtappartements russische Lebenswelten auferstehen. Das alles wird von der perfekt kontrollierten Kamera in beeindruckende Bilder eingefangen, die immer wieder mit wunderschöner Alltagspoesie überraschen: Wenn etwa ein Handabdruck auf einer Glasplatte langsam verschwindet oder auf einer großen Wiese oder im dichten Unterholz der einsetzende Wind geradezu sichtbar gemacht wird, ist das von einer lyrischen Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Intensiviert wird das von einem wunderschönen klassischen Score, der selbst in die Wanderung einer alten Bäuerin mit ihren Enkeln durch die Natur eine ästhetische Tiefe und Emotionalität bringt, die man in solchen Szenen nicht oft erlebt. Anstatt das naturverbundene Leben oder die städtische Wohlhabenheit gegeneinander auszuspielen, werden diese unterschiedlichen Schichten mittels künstlerischer Inszenierung miteinander verbunden. Dabei entsteht eine Ode an die Schönheit des Lebens, die immer wieder mit so komplexen wie wunderschönen Bild- und Tontableaus überwältigt.

In diese individuelle Lebensgeschichte werden immer wieder nicht minder beeindruckende Sequenzen mit historischen Aufnahmen verwoben - Kriegsbilder, Revolutionsdokumente, Szenen der Kulturrevolution unter Mao, sowjetische Panzervorführungen. Ohne irgendeinen eindeutigen politischen Kommentar abzugeben, entwirft Tarkowskij ein intensives Bild der Realität jener Zeit und deutet dabei gekonnt an, wie sich diese Dinge auf das Leben seines Protagonisten auswirken. Erlebnisse als Jugendlicher bei der militärischen Ausbildung werden dabei mit erster Liebe oder Sehnsucht nach dem Vater verbunden. Und einige sehr plötzlich einbrechende unheimliche Szenen - das Verschwinden einer Aufpasserin aus der geschlossenen Wohnung etwa - verleihen dem Ganzen einen Hauch von magischem Realismus, bei dem man sich durchaus an den späteren „Fanny und Alexander" von Ingmar Bergman erinnert fühlen kann.

Mit „Der Spiegel" hat Tarkowskij einen großen Schritt auf seinem selbsterklärten Weg zu einer neuen Filmsprache getan. Mit einer fantastischen Kamera, der enorm ästhetisierten Bildsprache und seinem langsamen Erzähltempo, das nie langweilig wird, hat er ein grandioses Panorama des einfachen Lebens am Rande der Weltgeschichte entworfen, das mitunter durch seine komplexe und oft auch metaphorische oder nur andeutende Art zu erzählen herausfordernd sein kann, aber in eine so wunderschöne Welt entführt, dass man sich dieser Herausforderung gerne stellt. Ein stilles, weises, visuell atemberaubendes Meisterwerk.

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