In deutschsprachigen Originaltitel eher sarkastisch bis zynisch (die 'Alltagshelden, die vom Balkon aus beklatscht werden'?) gehalten, im englischen Verleihmarkt als The Late Shift, als Schicht im Schacht quasi betitelt, zeigt der Film den Alltag in schweizerischen Krankenhäusern, wahrscheinlich, stellvertretend für andere Länder, und andere Einrichtungen wie Reha, Kurzzeitpflege, Tagespflege, ambulante Pflege, Pflegeheimen oder Altenheimen; Augen auf bei der Berufswahl quasi, der Fortschritt ist schwindend, die Fluktuation hoch, die Nachfolge klein:
In einer onkologischen Chirurgie in der Schweiz arbeitet die junge Floria Lind [ Leonie Benesch ] als Pflegefachfrau. Sie hat Spätschicht in dem Spital, zusammen mit Bea Schmid [ Soja Riesen ], und der Erstsemesterschülerin Melie Ashfar [ Selma Jamal Aidin ]. Gleich beim Eintreffen auf der Station muss eine Neuaufnahme versorgt werden, dazu gibt es chronisch kranke Patienten wie Herr Schneider [ Heinz Wyssling ] und für den OP zu spät eintreffende Kunden wie Herr Osmani [ Ridvan Murai ], zudem versucht sie die ganze Zeit, die diensthabende Ärztin Dr. Strobel [ Nicole Bachmann ] zu einem Patientenaufklärungsgespräch zu erreichen. Die Station ist voll. Die Schicht hat gerade erst begonnen.
Im Verleih der ehrwürdigen Tobis, man beginnt mit einem Blick in die Kleiderkammer, blaue Kasacks, weiße Kasacks, teilweise noch mehr Farben, je nach Fachrichtung und Einsatzort, je nach Spezialität. Mit dem ÖPNV reist man an, man begrüßt sich, flüchtig, der Spind ist vollgehangen mit Kinderbildern, eher ungewöhnlich. Die Frauen tragen kein T-Shirt unter der Dienstkleidung, nur die Unterwäsche, es wird sich beeilt, die Schicht ruft, man steht mit Patienten und Besuchern im Fahrstuhl, neue Schuhe eingetragen, waren im Ausverkauf, eine lange Bildmontage wird bemüht, viel gegrüßt, kurze Wortwechsel, ein springender Verlauf in den Dienst. Inkontinenzmaterial wird gewechselt, noch vor der Übergabe, zu zweit die Patientin versorgt, die Patientin älter und ängstlich, desorientiert, einer hält die Frau, einer versorgt sie, es wird weggeblendet und trotzdem alles gezeigt. Die Handgriffe sitzen, "Einfach klingeln, wenn was ist, ja?", dann die guten Nachrichten und die schlechten Nachrichten, eine Krankmeldung, kein Pool, die Schülerin zur Unterstützung ist neu, sie muss selber angeleitet werden, eine zusätzliche Belastung fast statt einer helfenden Kraft, ein Klotz am Bein, es wird sich nach Bereichen aufgeteilt.
Betten werden natürlich nicht gesperrt trotz Personalmangel, man braucht die Betten, die Kranken werden kränker, die Alten werden älter, das Spital braucht die Gelder, die alte Leier, keine Rücksicht möglich, die durchschnittliche Verweildauer einer Pflegekraft im Beruf ist gering, viele suchen den Absprung, den Ausweg, gerade in der Coronazeit war der Weggang groß, teils freiwillig, teils aus Erschöpfung, aus Gründen des Burnouts, teils aus bürokratischen Gründen. Eine Pflegekraft hier macht den Ostflügel, eine den Westflügel, die Bettenzahl ist hoch, jeder hat gut ein Dutzend Patienten zu versorgen, sich um jeden Einzelnen zu kümmern, keine Einwärmphase, keine Aufwärmphase, man wirft sich die Worte zu, knappe Dialoge, Hauptsätze, ein bisschen Gemecker. Die Schülerin ist neu, sie 'darf' ohne Übergabe und Einweisung arbeiten, es wird geflüstert manchmal, eine Berichterstattung über die daliegenden Klienten, ohne Ruhestörung, kurz und bündig die Diagnosen und der Pflegeverlauf, ein Raum für alles scheinbar hier, ein großes Gewusel, manche Tätigkeiten gewohnt, manche sehen aus wie eingeübt, ein Patient ist zu spät dran, es ist Eile geboten, es gibt Sonderwünsche, die stören nur, man wird nur gestört, man kann es niemanden recht machen, alle sind genervt, jeder will seine 'Extrawurst', das ist so heute das Befinden.
Um Realitätssinn wird sich durchaus bemüht, anfangs zumindest, die Frühschicht am Verschwinden, man folgt der Heldin hier im Bilde, zwischendurch die anderen Personen in der Klinik, eine OP muss 'gefahren' werden, der Transportdienst fehlt, eine zusätzliche Belastung, eine zusätzliche 'Zeitverschwendung'. Den Hinweg zeigt man, den Rückweg nicht, an Kommunikation mangelt es, dafür reichen die Minuten nicht, es ist Hektik von Anbeginn an, keine Zeit zum Eingewöhnen. Etwas Smalltalk hier und da, einige fremdländische Patienten, es wird "Fieber gemessen", die Temperatur natürlich, teilweise unnötige Arbeit wartet noch, der Flur ist voll, die Zimmer auch, vollkommen unterschiedliche Menschen. Wahrheiten werden gesucht und zuweilen auch gefunden, ein bemühter dokumentarischer Stil, die Angehörigen sind die schlimmsten. Pflege ist auch Empathie, Zeit, die man nie genug hat, ein Bolus wird verabreicht, sich um Freundlichkeit bemüht, viel ohne Handschuhe gearbeitet, viel ans Stationstelefon gegangen, alles auf einmal, alles hat irgendwo seine eigene Priorität, vier Arme und vier Augen bräuchte man, man kommt von A nach B nicht, man schreitet über A zu C und F zu A, "so schnell wie möglich" muss alles gehen, die Dramaturgie zeigt sich in der Eile der Taten, die Schnelligkeit der Handlungen, den zunehmend kürzer werdenden Kontakten. Entschuldigungen werden gehört, aber nicht verstanden oder nicht angenommen oder nicht mitgefühlt, die Menschen können nicht mehr selber auf sich achten, sie brauchen Beistand, brauchen Unterstützung und Hilfe, die Selbständigkeit am Klinikeingang abgegeben, das ist eine von den Wahrheiten hier.
Das Drehbuch so voll wie der Pflegewagen, Medikamente, Gerätschaften, Sätze, die schmerzen, "Wann kommt denn die Ärztin?", keiner achtet auf den Anderen, jeder nur auf sich selber, außer die Heldin, von Berufs wegen, von der Berufung wegen. "Wir sind leider heute nur zu Zweit", sagt man hier ständig, die Reaktionen fallen alle anders aus, wenig Verständnis auf jeden Fall, viel (beiderseits) Aggression am Entstehen, eine kurze Flucht, ein Rückzug in den Fahrstuhl, in den Aufwachraum, paar Minuten der Ruhe nur, ansonsten viele Unnötigkeit, das übliche Prozedere, dazu zusätzliche Anstrengungen, manche unnötige Belastungen, zwischendurch wieder ein Moment der Ruhe, in einem Singsang zur Beruhigung, ein Blick aus dem Fenster, die Sonne langsam verschwunden, der Blick aus dem Spital eigentlich schön, ein paar Bäume, eine entfernte Straße, ganz weit hinten ein paar Häuser; "Ich kann mich halt nicht vierteilen.", ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, Vorhang auf, Vorhang zu, den Arzt zwischen Tür und Angel, private Beschwerden, berufliche Maläsen, Verhaltensweisen, die Verletzten, die unter die Haut gehen, die schmerzen und die Gefühle in das negative umkehren, den Job ausgesucht, den Albtraum als Alltag erlebend.
Knappe anderthalb Stunden geht der Film nur, eine Schicht etwas mehr als 8h, hier ein passives Zuschauen, manchmal ein Aufregen, ein ständiges Hin und Her, es wird dunkler draußen, die Minuten und Stunden verrinnen, nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen wird gefragt, das ist nicht eindeutig zu beantworten, es gibt solche und solche Tage, es gibt Ruhigeres und es gibt Anstrengenderes, es wird gestritten, es wird sich weg- und umgedreht, wie auf dem Bahnhof hier, nochmal in den Aufwachraum. Die Kamera ruhig und wirbelnd zugleich, es wird viel abgewälzt auf andere Personen, die Kamera über der Schulter, immer hinterher, viel Desinfektionsmittel aufgebraucht, viele Meilen gegangen, viel Aufregungen und viele Ansagen, eine Hierarchie aufgezeigt, Beleidigungen empfangen, ein Fehler begangen. Wie ein Thriller funktioniert es hier manchmal, ein Spiel auf Zeit, dann wieder ein Drama, der zugrundeliegende Rahmen, eine allergische Reaktion ausgelöst, ein Notfall am Entstehen, gut gespielt, gut geschrieben, mit wenig Höhepunkten und vielen Niederlagen, einmal gibt es kurz Trost, eine weitere Verletzung, eine Überzeichnung auch, kein Sarkasmus, kein Zynismus, eine Höllentour, eine Tortur, eine Reanimation zum ungünstigsten Zeitpunkt, so wie es halt immer ist. Einige Freiheiten werden sich herausgenommen, einige Feinheiten, ein Buhmann gesucht und (zwischendrin) gefunden, eigentlich derer zwei, der narrativen Struktur wegen, im vermeintlich richtigen Moment auch die Versöhnung, die falschen Einstellungen, Akte der Gewalt hier nicht nur über die Dialoge, auch zweigleisig, getreu dem "Wie es in den Wald hinreinruft...", man möchte nur, dass es aufhört, dass die Schicht ein Ende hat, dass der böse Geist und der gute Geist nach außen strömt in die Natur und die Bäume, raus aus dem verwinkelten Gebäude und seinen großen Kühlkammern (und der Kitschballade zum Abschied und dem formvollendeten Klischeebild) hier.