„Das sind doch deine Freunde!“
Nach 18 Fällen verabschiedet sich Karin Hanczewski in ihrer Rolle als Hauptkommissarin Karin Gorniak von ihrem Vorgesetzten Schnabel (Martin Brambach) und ihrer Kollegin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und damit vom Dresdner „Tatort“. Diese Trennung inszeniert hat die erfahrene Krimi- und „Tatort“-Regisseurin Claudia Garde, die diesen Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe bereits im Frühjahr 2023 gedreht hat und zusammen mit Ben von Rönne auch das Drehbuch verfasste. Die Erstausstrahlung erfolgte 2. Februar 2025.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wahnsinnig unsympathisch bist?“
Der Biologie-Leistungskurs eines Abiturjahrgangs feiert eine Privatparty bei Maya Wolff (Katharina Hirschberg, „Bibi & Tina – Einfach anders“), deren Eltern verreist sind. Diese sind offenbar recht wohlhabend, denn ihr üppiges Grundstück umfasst u.a. ein Poolhaus. Die Jugendlichen klinken sich Drogen ein und tanzen zu lauter Musik. Als der adipöse Außenseiter Marlin (Max Wolter, „Wer ohne Schuld ist“) seinen Freund Janusz (Louis Wagenbrenner, „Hammerharte Jungs“) halbtot oder tot auf der Poolhaus-Toilette vorfindet, ruft er die 110 an. Als die Partygäste Kevin (Filip Schnack, „Cassandra“) und Khaleb (Leander Lesotho, „Nackt über Berlin“) dies mitbekommen, beenden sie den Anruf und wollen verhindern, dass Marlin erneut Kontakt mit der Polente aufnimmt. Als er vor ihnen wegläuft, rennen sie hinterher – und treiben ihn damit versehentlich vor einen Lastwagen, der ihn überrollt. Einen Tag später erliegt Marlin seinen schweren Verletzungen. Als die Polizei von den Jugendlichen wissen will, was genau passiert ist, scheinen diese entweder nichts zu wissen oder nichts sagen zu wollen. Janusz jedenfalls ist spurlos verschwunden. Er habe die Feier schon früh verlassen, heißt es. Für die Kommissarinnen Gorniak und Winkler gilt es nun, herauszufinden, wo Janusz steckt und was mit ihm geschehen ist. Pikanterweise handelt es sich bei einem der Partygäste um Romy (Charlotte Krause, „Manta Manta – Zwoter Teil“), die Tochter Paul Brahms‘ (Hannes Wegener, „Levi Strauss und der Stoff der Träume“) – Gorniaks neuem Freund…
„Wenn Sie Privates und Berufliches nicht trennen können, sind Sie raus.“
Garde und ihr Team arbeiten mit vielen interessanten Versatzstücken. Zunächst einmal wäre da der stete, aber relativ kleine Informationsvorsprung der Zuschauerschaft gegenüber der Polizei. Man hat gesehen, dass Marlin Janusz gesehen hat, weiß aber nicht, wo er hin und was mit ihm geschehen ist. Man erfährt, dass Jule (Ginggan Maya Hörbe, „Counterpart“) etwas weiß, was sie vielleicht besser nicht wissen sollte, aber nicht, was. Dann ist da die Gruppendynamik innerhalb der Jugendlichen, bei der etwas im Argen liegt. Und dies wiederum wird nach und nach in Rückblenden zur Partynacht aufgedröselt. Diese Partystimmung und Rausch visualisierenden Einblicke sind bereits während der Einzelvernehmungen der Jugendlichen elementarer Bestandteil dieses „Tatorts“, der darüber hinaus einmal mehr eine persönliche Involvierung einer der Ermittlerinnen fokussiert, wenn auch diesmal, um Gorniaks Ausscheiden zu initiieren.
„Du setzt alles aufs Spiel!“
Dass Gorniak weiß, dass Romy sie anlügt, verlangt ihr einen schwierigen Spagat ab und führt zu Interessenskonflikten, die sie zugunsten der Wahrheitsfindung auflöst und dabei auf wenig entschuldbare Weise ihre Kompetenzen überschreitet. So nervig die Figur Romy auch ist, in erster Linie wird – ob so intendiert oder auch nicht – herübergebracht: Trau nie einem Bullen. Dem gegenüber steht die irritierend positiv konnotierte Figur Jules, die selbst einmal Polizistin werden will, dabei überheblich wirkt und sich schon mal in Denunziation übt. Wichtige Ermittlungsergebnisse liefert aber auch das Auswerten von Smartphones inklusive Wiederherstellung eines gelöschten Messenger-Videos (was die Polizei interessanterweise erfolgreich veranlassen kann), Spurenmikroskopie und die Videoüberwachung des Straßenverkehrs – ein aus bürgerrechtlicher und moralischer Sicht mehr als nur ein wenig Magengrummeln verursachendes Potpourri aus Kompetenzüberschreitung, Eindringen in die Privatsphäre, Denunziation und öffentlicher Überwachung also.
Erfreulicher aber zugleich auch ziemlich ernüchternd sind da die Einblicke in die Gefühlswelt der Jugendlichen, die einerseits zu Charthits der 1980er und ‘90er statt aktuellem Mainstream feiern, andererseits aber moderne Kommunikations- und Medienaustauschmittel als Waffe im Kampf um Gefühle nutzen und eine Hierarchie aufweisen, in der Janusz ganz oben steht bzw. stand. Dass es ihm zum Verhängnis geworden sein könnte, dass er diesen Status ausnutzte, vielleicht gar eine Art Tyrannenmord im Raum steht, ist der vielleicht reizvollste Aspekt dieses Falls, der andererseits mit der Nonchalance und Gefühlskälte der zwar nicht porträtierten, aber zumindest skizzierten Generation erschrickt – und nachdenklich stimmt.
6,5 von 10 Wildschweinbissen dafür, und:
Auf Wiedersehen, Karin Hanczewski!