Captain America war schon immer der langweiligste Avenger. Dafür gehörten die letzten beiden „Cap“-Filme THE WINTER SOLDIER und vor allem CIVIL WAR allerdings zu den interessantesten des MCU, wohl hauptsächlich, weil der Held selbst nicht im Mittelpunkt stand. Nachdem Anthony Mackie mit seiner eigenen Disney+-Serie auch das Schild von Chris Evans übernahm, dreht sich nun alles um den neuen Captain America. Was dem Film nicht gut tut.
Die Story – unverdächtige Regierungsbeamte und Militärs werden durch Handysignale plötzlich zu Killern, keiner ist sicher, Cap to the rescue – erinnert an 70er-Jahre Verschwörungskrimis wie den Sleeper-Thriller TELEFON. Die ferngesteuerten Attentäter stellen sich dann aber doch nur als Mind Trick des Hauptbösewichts heraus, der mit geheimnisvollem Schattenspiel und anderem inszenatorischen Brimborium eingeführt wird, letztlich aber nur Hillbilly-Actor Tim Blake Nelson mit schlechter Maske ist.
Was nur die absoluten Nerds wissen: Nelsons „Samuel Sterns“ (aka The Leader/The Buyer), wurde in THE INCREDIBLE HULK (2008, also vor 17 Jahren!) eingebuchtet, dort spielte auch Liv Tyler erstmals General Ross‘ Tochter Betty (ein weiteres liebloses blink and you’ll miss it Cameo des Films).
Weil die Verantwortlichen wohl ahnten (oder in Testscreenings gesteckt bekamen), dass sich 1.) keiner mehr an Sterns erinnern kann und 2.) Nelson für einen Bösewicht viel zu langweilig ist, wurde Giancarlo „Gustavo Fring“ Esposito für Nachdrehs an Bord geholt. Also der Schauspieler, der in den letzten Jahren in so ziemlich jedem Franchise (Serien, Filme und Games) geholt wird, wenn man einen generischen Bösen braucht. Hier macht der ältere Herr mit seiner großen MG allerdings eine selten schlechte Figur. Ganz im Gegensatz zu Shira Haas: Die zierliche Israelin (UNORTHODOX, SHTISEL) macht sich als toughe Martial Arts-erprobte Sicherheitschefin des Präsidenten überraschend gut und erweist sich als interessantester Casting-Coup.
Der MVP des Films ist natürlich Harrison Ford, der hier für den verstorbenen William Hurt die Rolle des Generals/Präsidenten übernimmt und in Interviews keinen Zweifel daran ließ, dass dies hier kein Herzensprojekt für ihn ist. Ford spielt seine Altherrenrolle wie erwartet solide, wobei man als langjähriger Beobachter des Schauspielers nicht ausblenden kann, wie er wohl innerlich den Kopf über den Bullshit schüttelt, den er hier verzapfen muss. Dass Ford sich dann kurz vor dem letzten Akt des Films in den „Red Hulk“ verwandelt, hätte eine gelungene Überraschung werden können, wenn nicht die komplette Vermarktung des Films darauf aufgebaut gewesen wäre. So wartet man gespannt auf die Transformation – nur um dann von mittelmäßigen Spezialeffekten enttäuscht zu werden.
Ein jähzorniger aufgeblasener knallroter Präsident, der in seiner Wut das Weiße Haus zerstört: Was für ein Bild zur Zeit! Der Film macht nichts daraus, nur eine weitere CGI-Showreel.
Selten hat man so einen lahmen Marvel-Film gesehen, der offensichtlich vor allem versucht, bloß nichts falsch zu machen und alle Todos abzuhaken. Da waren selbst ETERNALS und THE MARVELS interessantere Filme.
Kurzfristig scheint die Rechnung aufzugehen: BRAVE NEW WORLD hat am verlängerten Startwochenenede ein solides Box Office Ergebbis erzielt. Wenn Marvel jedoch langfristig einen Weg aus dem Imagetief finden will, sollte man die Phasenplanung vielleicht mal beiseite lassen und sich auf die Qualitäten besinnen, mit denen Marvel einst der Durchbruch gelang: etwas Neues wagen, Risiken eingehen und fähige Autoren und Regisseure ins Team holen.
Noch etwas, das man nicht wissen muss, aber googeln kann: Die „Celestial Island“ besteht aus dem gottähnlichen Wesen, dass die ETERNALS (2021) im Meer versenkten. Man sollte also selbst bei einem solch banalen Klopperfilm seine Marvel-Hausaufgaben gemacht haben.