Review

Captain America: Brave New World

Marvels Versuch über einen geerdeten Ansatz nach dem Vorbild des entsprechend geadelten zweiten Captain America-Abenteuers in die Erfolgsspur zurückzufinden, verpufft weitestgehend in einer Dunstglocke aus Redundanz und Beliebigkeit. Der im Film an den Titelhelden gerichtete Satz „Sie sind nicht Steve Rogers“ bringt dabei das zentrale Dilemma des Films ungewollt auf den Punkt.

„Der Captain ist tot, es lebe der Captain.“ So oder ähnlich hatte man sich wohl die Staffelübergabe von Steve Rogers (Chris Evans) auf Sam Wilson (Anthony Mackie) vorgestellt. In „Avengers: Endgame“ (2019) wurden erfolgreich Schild und Segen übergeben. In der TV-Serie „The Falcon and The Winter Soldier“ (2021) wurde dann sogleich die heldische Alltagstauglichkeit des neu Beförderten bewiesen, so dass dann der globalen Retteraufgabe in „Brave New World“ (2025) nichts mehr im Weg stehen würde. Soweit die Theorie. In der Praxis allerdings war und ist Mackies Captain ein müder Abklatsch seines Vorgängers. Und das mit Ansage.

Jetzt ist es keineswegs so, dass Chris Evans im MCU einen Start-Ziel-Sieg hingelegt hätte. Der Weg zum mindestens zweitbeliebtesten Avenger war ein steiniger. Als glatter und etwas fader Anachronismus gestartet („Captain America: The first Avenger (2011)), mauserte sich Steve Rogers sukzessive zum heimlichen Anführer der bunten Heldentruppe und konkurrierte zunehmend erfolgreich mit Alpha-Avenger Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) um die Fan-Gunst-Krone. Dass sein Buddy Sam Wilson alias Falcon ausgerechnet bei seinem überzeugendsten Auftritt in „Captain America: The Winter Soldier“ (2014) erstmals auf der Bildfläche erschien, ist im Nachhinein betrachtet deutlich mehr Fluch als Segen. Die dort etablierte Sidekick-Attitüde haftet ihm bis heute an. Dass Wilson der übergroße Schatten seines Mentors und Vorgängers zu allem Überfluss auch noch in all seinen Post-Endgame-Auftritten vorgehalten wird, zementiert praktisch seine defensive Position.

Fairerweise muss man zugeben, dass der lange Zeit erfolgsverwöhnten Superheldenschmiede ihr untrüglicher Gewinnerinstinkt abhanden gekommen ist. Mit dem großen Finale „Endgame“ war ein über zwei dutzend Filme gespanntes Narrativ in einem emotionalen Spektakel kulminiert, von dem aus es nur noch bergab gehen konnte. Die aus den Comics übernommene Multiverse-Idee wirkte dann auch wie ein hilfloser Versuch, den erreichten Peak mit Dauerfeuer-Salven zu verteidigen. Der zunehmend grassierenden Superheldenmüdigkeit war so jedenfalls kaum beizukommen, zumal der Multiversum-Ansatz die Beliebigkeits- und Belanglosigkeitsfalle erst recht zuschnappen lies. Nach mehreren Flops und relativen Enttäuschungen zog man die Quantitäts-Reißleine in der Hoffnung mit Qualität wieder Boden gut machen zu können. Der vierte Captain America-Film muss also auch vor dieser Gemengelage gesehen werden und kann keineswegs auf das Rogers-Wilson-Problem reduziert werden.

Oberflächlich betrachtet hat man seine Hausaufgaben gemacht. Kunterbunte Effekt-Orgien wie in "Ant-Man 3" (2023), schrille Gag-Einlagen wie in „Thor: Love and Thunder“ (2022) und „The Marvels“ (2023), oder elegische Ödnis wie in "Black Panther: Wakanda Forever“ (2022) und „The Eternals“ (2021) wurden über Bord geworfen. Als Orientierungspunkt diente vielmehr und offenkundig der zweite Captain America-Film, ein vergleichsweise geerdeter Actionthriller im Geist und Stil des 70er-Jahre Paranoia-Kinos. Hier wie dort bekommt es der Titelheld mit einer undurchsichtigen politischen Verschwörung zu tun, die bis in höchste Regierungskreise reicht und die innere Sicherheit des Landes bedroht (globale Verwerfungen inklusive). Wilson kreuzt dabei mit seinem alten Widersacher Thaddeus Ross (Harrison Ford) die Klingen. Der ehemalige US-General und „Hulk-Schöpfer“ hat es bis ins Weiße Haus geschafft und will nun zur Überraschung Wilsons eine neue Avengers-Truppe unter seiner Führung aufstellen. Anfangs ziehen die ehemaligen Rivalen tatsächlich an einem Strang, aber Ross Rolle im Super-Soldaten-Programm ist weniger final als vermutet.

„Captain America: Brave New World“ macht also auf dem Papier vieles richtig. Die Story ist vergleichsweise spannend, das Tempo auch dank der kurzen Laufzeit von knapp 2 Stunden relativ hoch, Harrison Ford gibt einen präsenten Widersacher und der ausufernde CGI-Overkill bleibt aus. Leider gilt letzteres auch für ein zufriedenes Grinsen nach dem Kinobesuch. Auch der vierte Captain America wird den MCU-Karren nicht aus dem Morast aus Überflüssigkeit und Überdruss ziehen. Mackie trägt zwar stolz Schild und Anzug, aber beides ist erkennbar eine Nummer zu groß für ihn. Ross spricht ungewollt den entscheidenden Satz „Sie sind nicht Steve Rogers!“, ungewollt, weil er damit nicht das größte Manko des Films meint. Hier rächt sich jetzt, dass man es in den vorherigen Produktionen versäumt hatte, Wilson entscheidend und überzeugend aus Rogers Schatten treten zu lassen. Dass er weiterhin auch als beflügelter Falcon agiert, ist ebenfalls ein Stolperstein. Für die Effektschmiede vielleicht noch eine gute Nachricht, wird die Bodenständigkeit der Figur unnötig aufgeweicht und der auf das Vibranium-Schild fußende Markenkern verwässert.

Vor allem aber hat man Szenario, Prämisse und Setting schon mal besser gesehen und das ausgerechnet bei der hauseigenen Konkurrenz. „Captain America: The Winter Soldier“ ist dichter, packender, düsterer und spektakulärer als der vierte Solofilm des First Avenger. Falcon-Azubi Joaquin Torres (Danny Ramirez) ist ein lauer, weil belangloser Sidekick und hat weit weniger Chemie mit Mackie als Evans. Schließlich fehlt es an einem physisch bedrohlichen Widersacher den noch dazu ein dunkles Geheimnis umgibt. Der Winter Soldier bleibt im gesamten MCU unerreicht, aber dreht man einen Quasi-Klon dieses Films, fällt der Vergleich eben umso deutlicher und schmerzvoller aus.

Zu guter letzt wird man mit Wilsons erstem Solo-Auftritt kaum neue Zuschauerschichten motivieren. Vieles nimmt Bezug auf den inzwischen für Nichtkundige völlig unübersichtlichen Marvel-Kosmos mit den entsprechend zwangsläufigen Achselzucken-Reaktionen. Für die eingefleischte Fangemeinde wird wiederum zu wenig Neues geboten, so dass hier ähnliche Reflexe zu erwarten sind. Was bleibt, ist ein immerhin leidlich unterhaltsames Abenteuer, das aber erkennbar von der Stange und mit einer korrespondierend kurzen Halbwertszeit daher kommt. Für die nach wie vor hohen Ansprüche der produzierenden Marvel Studios ist das, insbesondere auch angesichts der großspurigen Ankündigungen Kevin Feiges, überraschend dürftig. Der Titel „Brave New World“ ist damit vielsagender als beabsichtigt. Im Film wird die negative Utopie noch einmal abgewehrt, für das MCU selbst scheint die Zukunft allerdings weniger rosig.

Details
Ähnliche Filme