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Falcon im Schatten: Warum Brave New World nicht abhebt

Marvel steht an einem Scheideweg. Das einstige Synonym für blockbustermäßige Euphorie, hat inzwischen den Glanz des Unfehlbaren eingebüßt. Nach dem Endgame-Klimax ist es nicht mehr selbstverständlich, dass jeder neue Eintrag automatisch ein Popkultur-Event ist. Die Zuschauer sind kritischer geworden, die Messlatte hängt hoch, und die Konkurrenz schläft nicht. In diesem Spannungsfeld versucht Brave New World, das Erbe von Captain America fortzuführen – und stolpert dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte. Der neueste Marvel-Streich unter dem Banner des Sternen-Schildträgers kommt mit großen Erwartungen und einer Prise „Jetzt wird alles anders!“. Doch was wir am Ende serviert bekommen, ist kein fein abgeschmecktes Heldenmenü, sondern eher ein Teller voll Durchschnitt. Kein Totalausfall, aber auch weit entfernt vom nächsten Winter Soldier. 

Die Geschichte will groß, relevant und brisant wirken: Eine verschwörerische Intrige in den höchsten Regierungskreisen, Machtspiele im Schatten der Demokratie, der ewige Kampf zwischen Freiheit und Kontrolle. Klingt nach einem klassischen Marvel-Setup, irgendwo zwischen Polit-Thriller und Action-Brett. Doch die Verschwörungs-Story zündet nie wirklich, bleibt an der Oberfläche, stolpert über Logiklöcher und traut sich nicht, wirklich unbequem zu werden. Schon die Eröffnungsszene macht deutlich, dass der Film nicht auf sichere Füße kommt. Statt atemloser Action oder eines ikonischen Moments gibt es graues Mittelmaß. Und dieses Mittelmaß bleibt der Taktgeber für die kommenden zwei Stunden. Wer erwartet hat, dass der erste große Auftritt des neuen Captain America (Anthony Mackie alias Sam Wilson) ein echtes Statement setzt, wird hier bereits leise auf den Sitz zurücksinken – mit dem Gedanken: „Ach, das war’s schon?“ Das Drehbuch selbst ist stellenweise erschreckend unrund. Dialoge stolpern über ihre eigenen Pointen und die vermeintlich cleveren Wendungen verpuffen in der Luft. Vor allem das Fehlen eines klaren Climax macht sich schmerzhaft bemerkbar.

Vom Schild zur Schablone

Die Action selbst ist solide, manchmal explosiv und gut choreografiert. Doch das Problem ist: Marvel hat uns bereits die ganz großen Brocken serviert, hat Maßstäbe gesetzt mit der Flughafen-Schlacht in Civil War oder dem Infinity-War-Endkampf. Dagegen wirkt Brave New World wie der kleine Bruder, der zwar mitspielen darf, aber nicht die Muskeln hat, um mitzuhalten. Es rappelt, es knallt, es fliegt – aber wirklich im Gedächtnis bleibt keine Szene. Action als Pflichtprogramm, nicht als Erlebnis. Die Kameraarbeit unterstützt die Action zwar kompetent, aber ohne Überraschungen. Alles wirkt wie schon einmal gesehen, wie ein Best-of der Franchise, nur eben ohne den Funken, der die Bilder zum Glühen bringt.

Anthony Mackie trägt die Bürde, den Staffelstab als neuer Captain America zu übernehmen. Er macht das nicht schlecht, liefert eine solide, engagierte Performance – aber man spürt in jeder Szene: Falcon bleibt Falcon. Er wirkt wie eine B-Version von Steve Rogers, eine Kopie ohne die Gravitas, die Chris Evans einst mitbrachte. Danny Ramirez als Sidekick sollte eigentlich Buddy-Movie-Vibes einstreuen, doch die Chemie will nicht zünden. Man sieht die Intention, man spürt das Bemühen – und merkt gleichzeitig, dass es einfach nicht klickt. Harrison Ford tritt auf, bringt seine gewohnte Präsenz. Er spielt nicht neu, nicht überraschend, aber zuverlässig. Der Bösewicht ist nichts weiter als eine Witzfigur. Ohne Bedrohlichkeit, ohne Charisma, ohne die Funken, die einen Antagonisten faszinierend machen. Ein Badguy, der eher wie ein Running Gag wirkt – und das ist für einen Film, der Stakes dringend nötig hätte, schlicht fatal. 

Fazit

Captain America: Brave New World ist ein Film, der zwar solide durchläuft, aber nie darüber hinauswächst. Keine spektakuläre Eröffnung, kein mitreißender Climax, kein Bösewicht, den man ernst nehmen kann. Stattdessen ein Sammelsurium an guten Ansätzen, die allesamt im Sande verlaufen. Die Action ist flott, die Inszenierung handwerklich sauber, aber der Funke springt einfach nicht über. Mackie gibt sein Bestes, doch die Bürde der Captain-America-Maske ist schwerer, als der Film tragen kann. Unterm Strich ist Brave New World ein ziemlich unrunder Marvel-Eintrag. Einer, den man schauen kann, ohne Schmerzen, aber auch ohne Ekstase. Einer, der zeigt, dass das MCU dringend wieder Mut, Überraschung und echte Leidenschaft braucht. All das sollte es mit Thunderbolts und Fantastic Four: First Steps, glücklicherweise wieder bekommen.

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