Die Cote d'Azur. Leuchtend klarer, blauer Himmel. Die Sonne glüht im Sand, dahinter das Meer. Am Land ein mondänes Hotel. Allein am Strand ein einsamer älterer Herr im weißen Anzug (kongenial besetzt mit Fabio Testi, einer Ikone des italienischen Kinos der 60er/70er). Er schlürft einen Cocktail. Eine attraktive junge Frau in einem roten Bikini tritt auf, räkelt sich auf einer Strandliege, zieht das Oberteil aus. Die Kohlensäure aus dem Cocktail wird übergeblendet auf den Körper der Frau, verwandelt sich dort in Diamanten ... und schon sind wir in einer anderen Welt. Einer Welt der Erinnerungen (oder Phantasien) des einsamen Mannes. Er scheint vor vielen Jahren ein gewiefter Geheimagent gewesen zu sein.
Das französische Regieduo/Ehepaar Bruno Forzani/Hélène Cattet serviert uns bereits in der Eingangssequenz mehr filmische Ideen als man sie in einem x-beliebigen aktuellen Hollywood-Blockbuster in zweieinhalb Stunden zu sehen bekommt ... und das ohne den enervierenden Gebrauch öder CGI-Effekte.
Der einsame Mann, man nennt ihn Monsieur D, wohnt in dem Hotel, die attraktive Dame vom Strand ist seine Zimmernachbarin. Doch die ist an einem der nächsten Tage spurlos verschwunden. D fühlt sich herausgefordert, erinnert sich an seine Zeit als Agent John D und versucht den Fall zu lösen. Hierbei gerät er in einen wahren Alptraum, in dem sich Realität, frühere Ereignisse und reine Vorstellungen überschneiden. Eine alte Feindin, die mysteriöse Serpentik, macht ihm das Leben schwer, vor allem, als sie sich auch noch in mehrere Persönlichkeiten aufspaltet.
Hier mutet das Regieduo dem Zuschauer einiges zu, man hat zuerst Mühe, der Handlung zu folgen/die Personen zu sortieren, doch mit der Zeit erhalten wir genug Hinweise, die es uns ermöglichen, den Film in einer bestimmten Weise zu interpretieren. Ob es die richtige ist?
Acht Jahre mussten wir nach LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE warten bis Cattet/Forzani uns jetzt eine filmvisuell atemberaubende Hommage an die europäischen Agentenfilme der 60er/70er kredenzen, die einem den Mund nicht selten fast fassungslos offen stehen lässt. Natürlich sind die filmischen Mittel der beiden nach den ersten drei Filmen bekannt, aber sie handhaben das Instrumentarium mit einer derartigen Leichtigkeit und Virtuosität, dass man nur begeistert sein kann.
Auf dem Kinoplakat steht eine Aussage des Moviepilot: "Als hätte Tarantino einen Bond-Film gedreht". Selten so gelacht, nichts könnte falscher sein. Wenn Tarantino diesen Film gedreht hätte, hätten die Charaktere garantiert mehr als zwei Stunden platte Dialoge von sich gegeben. Ausufernde Dialoge sind dagegen nicht das Ding von Cattet/Forzani, hier geht es um die Kraft des Visuellen, um das, was Kino im Grunde ausmacht. Ein sinnlicher Rausch, dem ich mich immer wieder gerne ausliefere. Unbedingt im Kino genießen (wobei ich mir natürlich auch die DVD besorgen werde, sobald sie auf dem Markt ist).