Review

Bertolucci verknüpft in dieser Hommage an das Kino eine Liebe zu dritt im Stile eines Melvilleschen "Les enfants terrible" mit einer Reflexion über die 68er Bewegung in Frankreich - besonders im Milieu von Filmschaffenden und Cineasten. Dabei ergänzen sich beide Teile nahezu perfekt: Das Zeitbild lässt den Film zu mehr werden als einem einfach nur gelungenem Liebesdrama, die Liebesgeschichte ermöglicht einen entrückten Zustand, der Bertolucci einen (handlungsintern) distanzierten Blickwinkel ermöglicht - oder besser: zwei distanzierte Blickwinkel.
Zunächst sollte aber erstmal die historische Situation, wie Bertolucci sie damls wahrgenommen hat, vorgeführt werden.

Bertolucci selbst war nicht unwesentlich an einer filmischen Vorbereitung der 68er beteiligt. Früh lernte Bertolucci Pasolini kennen, assistierte bei dessen "Accattone", drehte 1964 immerhin den (mit einem bezeichnenden Titel daherkommenden) Spielfilm "Prima della rivoluzione" (den er später als Vorläufer der 68er Bewegung beschrieb und durch den Henri Langlois Interesse an Bertolucci geweckt wurde), trat der KP Italien bei und drehte im April und Mai des Jahres 1968 "Partner" - ein Film, der mit Haut und Haaren auf Godard zurückgeht und als "Manifest der 68er" (Bertolucci) äußerst eigenwillig einen Franzosen in Italien präsentiert, der einen aus seinen Selbstgesprächen und Gedankengängen geborenen Doppelgänger in einen gesellschaftskritischen Disput verwickelt. Godard war neben Pasolini auch Bertoluccis wichtigstes filmisches Vorbild, auch wenn man das nirgends mehr so deutlich spüren sollte wie in "Partner" (und mit diesen beiden Idolen samt zwei weiteren Regisseuren arbeitete Bertolucci ab 1967 an "Amore e Rabbia").
Es verwundert kaum, dass Bertolucci als bekennender Marxist die Ende 1967 beginnenden Studentenunruhen in Frankreich verfolgt (Godard nähert sich dieser Thematik mit den von der KPF abweichenden Studenten und Mao-Jüngern in "La chinoise" deutlich an) und kurz darauf den Hauptdarsteller von "Partner", der immer wieder zwischen den Dreharbeiten von Rom nach Paris geflogen ist um die dortigen Unruhen während der Langlois-Affäre zu verfolgen, um eine detaillierte Berichterstattung gebeten hat.

Diese Affäre war zusammen mit den Studenten- und Arbeiterstreiks 1968 eines der bedeutendsten Ereignisse der Unruhen und versetzte selbstverständlich vor allem die Filmszene Frankreichs in Aufruhr.
Es beginnt am 07. März 1968, als Jean-Louis Comolli (Chefredakteur der Cahiers du cinema) Truffaut mitteilt, dass Gerüchten zufolge der Gründer und Direktor der Cinematheque Francaise Henri Langlois seinen Posten verlieren könnte. Tatsächlich missfiel dem Kulturminister André Malraux (der außer positiven Seiten wie etwa der Förderung der Werke des homosexuellen Genets nach seiner Zuneigung zu deGaulle auch weniger positive Seiten aufwies - er missbilligte im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg die Kriegsdienstverweigerung völlig) der etwas lockere Ton von Langlois (auch ein Truffaut war mit Langlois nicht immer einverstanden, anerkannte aber immerhin dessen verdienstvollen Leistungen für die Cinematheque) und plante lange vor einer offiziellen Wahl eines neuen Direktors Langlois' Niederlage. Am 09. Februar steht die nächste verwaltungsratsitzung an und Truffaut verschiebt seinen Drehplan für "Baisers volés" um anwesend zu sein. Pierre Monoit aus dem Kulturministerium und Präsident der Cinematheque lobt Langlois in einer langen Rede und verkündet plötzlich, ihn gegen Pierre Barbin eintauschen zu wollen. Viele Mitglieder des Verwaltungsrates fordern Bedenkzeit, diese wird verweigert; zudem wird von Malraux mit der Streichung von staatlichen Subventionen gedroht. Daraufhin verlässt Truffaut mit vielen Gleichgesinnten die Versammlung ohne zu wählen. Die restlichen Wähler wählen Langlois ab.

Diese Versammlung löste einen Sturm der Entrüstung aus (und Pierre Barbin wechselt noch am selben Tag sicherheitshalber alle Schlösser aus). Truffaut beschließt mit Godard (mit dem er damals noch befreundet war), Rivette, Chabrol, Renoir gegen diese Enmtscheidung zu demonstrieren. Bereits am 10. Februar kann man zig Filmschaffende dazu bewegen an einer Unterschriftensammlung teilzunehmen; darunter: Ophüls, Gance, Marker, Resnais, Franju, Bresson, Florey, Busby Berkeley. Unterstützung kommt auch von Carl Theodor Dreyer und dem unter seinem Vorsitz ruhenden Verband dänischer Filmschaffender, von Kurosawa, Yoshida und Oshima, von Andrew Sarris, von Josef von Sternberg, von Jerry lewis, von Fritz Lang, Chaplin, Rosselini, Gloria Swanson. Am 12. Februar gehen 300 Filmschaffende auf die straßen und demonstrieren. Zwei Tage darauf wird mit der Unterstützung von 3000 Filmfans erneut demonstriert, wobei es zu teils schweren Zusammenstößen mit der Polizei kommt. Godard durchbricht mit einigen Demonstrierenden eine Polizeisperre, findet sich kurz darauf allein unter Polizisten wieder und wird zunächst laufengelassen nur um wenige Minuten später zusammengeschlagen nach den Überresten seiner brille zu suchen. Truffaut wird zusammen mit Demonstranten niedergeknüppelt und trägt eine Gehirnerschütterung davon. Tavernier erleidet einige Platzwunden am Kopf... Godard ruft als Organisator der Demonstration zur Auflösung auf (bei dem späteren Godard/Truffaut-Streit, der sich zum großen Teil auf filmästhetische Unterschiede - Godards Intellekt gegen Truffauts Emotionen - stützt, wird Truffaut diesen Umstand nutzen um Godard Feigheit vorzuwerfen) und die Polizei wird schnell Herr der Lage. Wieder zwei Tage später gibt man Pressekonferenzen (bei den Demonstrationen hat bisher fast ausschließlich ausländische Berichterstattung stattgefunden), am 20. Februar gründet Truffaut ein Komitee, das die Aktionen zugunsten Langlois in Frankreich und im Ausland koordinierte. Und während de Gaulle der Legende nach nur gefragt haben soll wer dieser Lanlois eigentlich sei, reagiert Malraux und am 05. April wird auf einer erneuten Versammlung nach einem Kompromiss gesucht. Nach langen Debatten wird dann am 22. April Langlois einstimmig zum Direktor der Cinematheque gewählt.
Die Langlois-Affäre wirkt auch noch im Mai in Cannes nach: Aus Solidarität mit streikenden Studenten und Arbeitern (auch aus dem Bereich Kino und Fernsehen, ihrerseits von den Langlois-Aktionen beeinflusst) treten Polanski und Malle kurzerhand aus der Jury aus, zahlreiche Regisseure (darunter auch Leleouch, Forman, Truffaut) ziehen ihre Beiträge kurzfristig zurück.

Bertolucci verfolgt all dies als Außenstehender von Rom aus - nicht zuletzt über die Berichte seines Hauptdarstellers. 1972 wird er dann auch einen der Helden dieser Ereignisse, den Truffaut- und Godard-Standartschauspieler Leaud in seinem "Ultimo tango a Parigi" auftreten lassen. Und gut 35 Jahre nach jenem Pariser Mai thematisiert er diese Ereignisse in seinem "The Dreamers"...

Nach dem blau/weiß/rot gehaltenem Vorspann beginnt die Handlung mit Matthew, einem Amerikaner, der ein Jahr in Frankreich verbringt und von einer "Shock Corridor" Aufführung in der Cinematheque berichtet. Die Kinoleinwand, so Matthew, schützte einen wie eine richtige Wand vor dem wirklichen Leben (eine Äußerung, wie sie ohne weiteres von Truffaut stammen könnte), aber eines Tages sei die Welt durch diese Wand hereingebrochen. Dieser Tag ist jener 14. Februar, an dem Cineasten und Polizisten gewaltsam aneinandergeraten. Bertolucci führt Truffaut, Langlois und Belmondo per Archivmaterial vor, Jean Pierre Leaud wiederholt hingegen - deutlich gealtert - seine Rede für Langlois von 1968, ein Moment, der Leaud-Fans nahezu Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte. Matthew betitelt diesen Tag als "unsere ureigene Kulturrevolution"...
An diesem Tag lernt er aber auch Theo und Isabelle kennen, ein französisches (Zwillings)Geschwisterpaar, das ebenfalls als cinephil zu bezeichnen ist. (Matthews Interesse für Nicholas Ray führt zu dieser Bekanntschaft.) Noch am selben Abend lädt man Matthew zum Abendessen ein. Dieser wird dabei Zeuge eines Generationskonfliktes zwischen Theo und seinem Vater: während Theo dessen Versunkenheit in der Kunst und mangelndes politisches Engagement bemängelt, kritisiert der Vater heftig den ungestümen Optimismus der jungen Generation.
Die Eltern verabschieden sich, und zwar für mehrere Tage, wodurch Matthews aufenthalt bei Isabelle und Theo deutlich verlängert wird. Bei dem Gute-Nacht-Kuss von Isabelle knistert es und sprüht Funken - im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Haare haben in den Flammen einer Kerze Feuer gefangen... Diese schöne Szene, in leicht ruckeliger Zeitlupe mit verzerrter Tonspur, macht bereits mehr als deutlich, dass sich die beiden ineinander verliebt haben. Das Zimmer, in welchem Matthew nächtigen wird, ist - ohne allzu aufdringlich zu wirken - geschmückt mit dem "La Liberté guidant le peuple" von Eugène Delacroix, aus dem fahnenschwenkenden Straßenmädchen dass als Freiheit das Volk führt wurde jedoch eine Marilyn Monroe gemacht.

Bei einem nächtlichen Gang auf die Toilette sieht Matthew Bruder und Schwester nackt einander zugewandt schlafend im selben Bette liegen. Am nächsten Morgen weckt ihn Isabelle mit einer Imitation der göttlichen Garbo in "Queen Christina" von Rouben Mamoulian. Bei der Körperpflege im Badezimmer legen Bruder und Schwester vor Matthew erneut eine ungewöhnliche Natürlichkeit und Unverklemmtheit an den Tag. Es folgt eine Diskussion über die Größe Keatons und Chaplins (direkt vor dem Plakat zu Godards "La chinoise"), die Isabelle mit einem improvisierten Filmquiz unterbricht. (Matthew soll antworten oder bestraft werden - worin diese Strafen bestehen sollen, zeigt sich bald darauf; diesmal ist die Antwort jedoch die richtige.) Einer plötzlichen Eingebung folgend, kann sie Matthew dazu überreden an einem lange gehagten Plan von ihr und Theo teilzunehmen: gemeinsam will man die Louvre-Tour unter der Rekordzeit von Godards "Bande a part" durchführen. Bertolucci inszeniert diese Tour nicht nur mit zwischengeschnittenen Aufnahmen aus Godards Klassiker, sondern kopiert auch Kamerafahrt und Personenanordnung bis ins kleinste Detail; Dabei ist die Wahl der "Außenseiterbande" äußerst gelungen... eine Kopie des vermutlich doch populäreren Wettrennens aus "Jules et Jim" hätte zwar im Cineasten ähnliche Stimmungen auslösen können, damit wäre aber bloß eine filminterne Kopie inszeniert worden. Eine Überbietung des Rekordes aus "Bande a part" durch die drei Protagonisten, setzt dagegen schonmal vorraus, dass die 9 Minuten, 45 Sekunden währende Tour durch den Louvre ein Ereignis ist, das an ihrer realen Handlung gemessen werden kann... Hier kopieren die Protagonisten nicht bloß, hier nehmen sie einen Film als real um dann den ursprünglich nur behaupteten, somit jedoch als wahr angenommenen Rekord zu brechen. Die bloße Kopie weicht einem Spiel und unterstreicht nochmal das besonders von Isabelle ausgehende Interesse, Filme wirklich zu leben. Matthews vorheriger Einwand: "Das ist ein Film, vergiss das nicht!" bleibt dabei sehr schnell auf der Strecke (ebenso wie sein Hinweis, dass er als Amerikaner dafür ausgewiesen werden könnte). Isabelles Belehrung "Das ist ein Test!" hatte darauf die auf das Spielerische verweisende Antwort gelautet. Nachdem der Test bestanden ist, wird Matthew akzeptiert, dazu singen Brownings zwischengeschnittenen Freaks ihr "We accept her. One of Us."
Dass Bertolucci die Freaks einbringt, ist nicht auf eine bloße Zitierwut zurückzuführen - die sich zugegebenermaßen nicht leugnen lässt und in Fällen der "Top Hat" oder "Queen Christina" Einblendungen auch ein wenig ins Prätentiöse abzurutschen droht - sondern hat vor dem historischen Hintergrung eine weitere Bedeutung: "Freaks" war die Bezeichnung einer neuen Generation für sich selbst (man denke an entsprechende Interviews aus der Woodstock Dokumentation von Wadleigh), und nicht von ungefähr wurde Brownings Klassiker in zahlreichen Ländern eine beliebte neuentdeckung - in den USA avancierte der Klassiker schnell zum Kultfilm unter den Midnight Movies. Auch Matthew wird den Begriff des Freaks später erneut aufgreifen; dass Bertolucci auch für den dümmsten Zuschauer erkenntlich nochmal das "we accept her one of us" zitieren lässt, stößt dabei leider unangenehm auf.
Wieder "zuhause", schnappt er sich eine Photographie von Isabelle, die er sich kurz vor Theos Eintreten in seine Unterhose schieben kann. Es folgt ein neues Quiz von Isabelle, die - einen hübsch verschrobenen Anblick bietend - eine Szene aus von Sternbergs "Blonde Venus" mit der Dietrich nachstellt; ihr Bruder muss passen und bekommt nun seine Strafe auferlegt: er muss vor ihr und Matthew auf eine Photographie von Marlene Dietrich im "blauen Engel" onanieren - die seltsame Bruder-Schwester-Beziehung erreicht hier den vorläufigen Höhepunkt. Nach diesem demütigenden Schauspiel erklärt Theo Matthew in einer Bar, er und seine Schwester wären siamesische Zwillinge und tippt dabei an seinen Kopf um zu zeigen, wo sie verbunden sind. (Später wird Isabelle eine ähnliche Äußerung über die Verbindung im Geiste machen, wenn sie auf Matthews Frage, ob Theo schonmal in ihr gewesen wäre, antwortet: "Er ist immer in mir.") Am Abend folgt ein neues Spiel: Matthew errät Theos Nachstellung von "Scarface" nicht und soll zur Strafe vor seinen Augen mit Isabelle schlafen - am besten vor dem Delacroix, wie Theo anmerkt (und damit verbindet Bertolucci spielend ohne allzu aufdringlich zu werden den eher "rebellischen", oder zumindest keinesfalls bürgerlichen Sexualakt mit dem Thema der Revolution - dass sollte sich damals sehr bald in den Filmen Pasolinis wiederfinden, ebenso in Mingozzis Nonnenfilm oder - überaus explizit - in Dusan Makavejevs "Sweet Movie", dem Höhepunkt der kurzen Welle, die Revolution und sexuelle Befreiung mehr oder minder geschickt in einen Topf wirft...)
Matthew will erst die Flucht ergreifen, wird von den beiden aber gehindert und als Isabelle seine Hose herunterlässt und ihr Photo unter seinem Penis findet, wird er vor Schreck gar ohnmächtig. Dann jedoch schläft er vor Theo mit Isabelle, während unten auf der Straße Demonstranten und Polizisten einander zusetzen. Die vielfach angeführte Szene, in der Matthew ihre Blutung bei einem Kuss in ihrem und seinen Gesicht verteilt, entpuppt sich tatsächlich als zärtliche Liebesszene, in der beide den Abscheu vor dem Körperlichen überwunden haben; dass eine Träne Isabelles im Zusammespiel mit einer herausragend gefühlvolle Schauspielerleistung von Eva Green diese Szene einleitet und selten ein Filmkuss so gefühlsgeladen wirkte ohne dabei sentimental zu wirken ist im öffentlichen Diskurs hinter dem Tabubruch dieser Szene dabei leider in den Hintergrund getreten. Die nächste Szene zeigt das Liebespaar (denn dass sie sich lieben ist längst klar) erneut bei Zärtlichkeiten, und Isabelles Ankündigung, sie werde sich umbringen, falls ihre Eltern jemals von ihrem Verhältnis zu Theo erfahren, bringt ein gewisses Spannungsmoment in den Film hinein.

Bald ist das Geld aufgebraucht, Isabelle kontaktiert daraufhin ihren Vater, Theo wird von Kommilitonen (die eifrig Parolen kritzeln) darauf angesprochen, dass man ihn kaum noch sehen würde und Matthew erkennt bei einem Bad zu dritt die Isoliertheit in der sich die drei befinden: "Wir haben kaum noch die Wohnung verlassen. Egal ob es Tag war oder Nacht. Es war als ob wir aufs Meer hinausgetrieben würden..." Während man das Bad nimmt und kifft, kommt es zu einer Streiterei: Theo verdammt die Soldaten in Vietnam als Mörder, Matthew verweist darauf, dass man als Amerikaner nicht gefragt wird ob man will, sondern nur die Wahl zwischen Vietnam und Gefängnis hat - letztere Alternative hält Theo allerdings für die glücklichere. Man schweift ab, und Isabelle will von Matthew einen Liebesbeweis haben: er soll sich einer Schamhaarrasur unterziehen. Hier weist Matthew entschieden diese Abweichung von der Norm als auch die bereits erwähnte Aufnahme in den Kreise der Freaks weit von sich. Dabei versucht er auch das nahezu inzestuöse Geschwisterverhältnis zu lockern... ("Ihr werdet nie erwachsen, jedenfalls nicht, wenn ihr immer so zusammenklebt.") Ein Abend im Restaurante (samt anschließender Betrachtung von Fernsehnachrichten in Schaufenstern, die die Studentenunruhe und die streikenden Arbeiter der Renault-Werke präsentiert) mit Isabelle endet jedoch in einer kleinen Katastrophe, als sie heimkehrend Theo mit einer Kommilitonin im Zimmer vermuten müssen und Isabelle diesen Bruch zwischen ihr und ihrem Bruder nicht verkraften kann.
Es folgt ein Vortrag von Theo ("Eine Revolution ist kein Gala-Dinner...", mit einer Mimik eines Jean Pierre Leaud vor dem "La chinoise" Plakat gespielt, ein eindeutiger Verweis aus Godards Film; man könnte Bertoluccis Werk im Prinzip als eine Art Gegenentwurf lesen: Wenn Godard politisch engagierte Jugendliche in ihren guten und auch schlechten Idealen vorführt um ein Bild der Zeit zu malen, so präsentiert Bertolucci in dem Geschwisterpaar (weniger in Matthew, der als Amerikaner eher eine distanzierte Position einnimmt - das wurde bei seiner Kritik am Louvre-Rennen deutlich, und ansatzweise auch in den lobenden Worten von Theos und Isabelles Vater - die ihm einen objektiveren Blickwinkel zukommen lässt und ihn letztlich auch andere Wege einschlagen lassen wird als Theo und Isabelle) titelgebende "Träumer", deren Reaktion auf das durch die Kinoleinwand brechende reale Leben mit - immerhin ansatzweise reflektierten, aber letztlich doch nur unbekümmerten, optimistischen - Mitläufertum enden wird...); anschließend daran nähert sich Theo Matthew intim an. Isabelle kommt jedoch hinzu und zu dritt verbringt man trinkend und kiffend eine Nacht in einem improvisierten Zelt im Wohnzimmer.
Am nächsten Morgen treten die Eltern ein, finden die Kinder samt Freund nackt und betrunken im Wohnzimmer schlafend vor und schleichen leise, peinlich berührt wieder davon, nachdem die das Geld hinterlegt haben. Isabelle erwacht als erste, sieht das Geld und damit auch ihre Beziehung zu ihrem Bruder enthüllt. Der angekündigte Suizid soll nun verzogen werden: Sie lässt Gas einströmen um sich und Theo und Matthew zu töten, als ein den Pariser Mai einleitender Pflasterstein durch das Fenster fliegt. Zu dritt rennt man auf die Straße, Theo will zusammen mit anderen Studenten und Isabelle eine Polizeibarrikade attackieren, diesmal entpuppt sich Matthew als pazifistisch eingestellt, der die Gewaltbereitschaft als faschistisch beurteilt und darauf hinweist, dass als Erfolg nur Demonstranten zusammengeschlagen werden würden. Für Theo sind jedoch die Polizisten die wahren Faschisten und als einer der ersten löst er die Straßenschlacht aus. Isabelle folgt ihm, Matthew zieht sich zurück.

Man hat dem Film mehrmals vorgeworfen, er würde die damaligen Einstellungen verraten, dieser Ansatz greift jedoch nicht. Gerade das Archivmaterial und Leauds Wiederholung seiner damaligen Rede bringt Bertolucci keinesfalls ein, um die Personen damit als irregeleitete Hampelmänner bloßzustellen... Bertolucci präsentiert in der Vaterfigur und den Geschwistern zwei Extreme und fügt Matthew als Mittler ein: dieser lenkt sowohl die Zuneigung des Vaters auf sich, als er einen objektiven, über den Dingen stehenden Blickwinkel an den Tag legt, dieser geht aber auch, wenngleich zögerlich, auf die sexuelle Freizügigkeit seiner neuen Freunde ein. In ihm vereinen sich Beobachtungsgabe (des Vaters) und Aufgeschlossenheit und Aktivität (der Freunde) und wird damit von Bertolucci als idealer Charakter vorgeführt; der Vater erscheint hingegen als biederer Künstler und Denker, der in das Weltgeschehen überhaupt nicht erst einzugreifen gedenkt, die Geschwister hingegen handeln nur nach ihren Träumereien und lassen es trotz Bildung und Intelligenz an einem ausgewogenen und durchdachten Handeln mangeln. Ihre Reaktion auf die Polizeibarrikade am Ende ist nichts weiter, als ein polemisches Nachahmen abgeguckter Verhaltensweisen und Denkmuster. Die Distanz der beiden zu den Demonstranten auf der Straße wird nicht - wie im Falle Matthews - zur Reflexion genutzt, sondern nur beobachtet und zuletzt nachgelebt. Damit lässt er die Einstellungen der Zeit nicht als eindimensionale Abbildung und Verballhornung erscheinen, sondern kann sie in verschiedenen Charakteren differenziert auffächern (zumal der Bezug auf reale Personen und Ereignisse beim Zuschauer gewisse Kenntnisse voraussetzt, die alleine schon mehr als genug Motivationen und Reaktionen liefern um einer eintönigen Zeichnung vorzubeugen). Ein Verrat an der damaligen Ideologie ist "The Dreamers" sicher nicht; viel mehr ist Bertolucci ein wehmütiger Rückblick gelungen, ganz besonders für Cineasten.
8/10

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