"Einer von gleich drei für das Jahr 2019 angekündigten Gerichtsthrillern aus der Produktion der Länder Hongkong und China; eine nur deswegen vergleichsweise hohe Zahl, da das Subgenre selber in beiden Ländern so gut wie nicht genutzt wird und Ausnahmen davon in dem Fall auch nie die Regel sind. Letztlich von den drei Titeln, zu denen neben Guilt by Design (beide Produktionsländer, aber Fachkräfte nahezu allein aus HK dahinter) auch Remain Silent (rein China) auch noch der proklamierte The Attorney (ebenfalls beide Produktionsländer, aber Fachkräfte wieder nahezu allein aus HK) nur die ersten beiden erschienen und Remain Silent zudem mit ganzen drei Jahren Verspätung: während The Attorney vor der Veröffentlichung von der Zensur gestoppt wurde und seitdem auf dem Abstellgleis steht."
~ Einleitung zu Guilt by Design (2019)
"Mit im Grunde vielen unbekannten (in Shenzhen ansässigen) Produktionsfirmen im Hintergrund 'gestärkter' Gerichtsthriller, welcher ursprünglich zusammen mit den unabhängig voneinander hergestellten 'Kollegen' um Remain Silent und Guilt by Design bereits 2019 erscheinen sollte; richtig pünktlich war eigentlich nur der letzte Titel, der mittlere hatte drei Jahre Wartezeit, The Attorney selber ist sowohl in China zuerst als auch zwei Wochen später in HK schließlich und endlich Oktober 2021 erschienen. Gemunkelt wurde wie oft bis immer um Probleme mit der lokalen, sprich der mutterländischen Zensur, ist der (eher isoliert wirkende) Film zwar rein mit kantonesischen, eher semiprominenten (Neben)Darstellern besetzt, braucht aber für die Veröffentlichung die Freigabe durch die entsprechende Kommission der VRC; wobei ein weiteres Hinauszögern des Releases wahrscheinlich einige Wunder bewirkt hätte: Gerade jüngst sind weitere in den hohen Hallen der Justiz spielende Thriller/Dramen wie The Sparring Partner (2022) oder A Guilty Conscience (2023) beim Publikum reichlich mit Interesse bestückt gewesen und haben sich zu teils unerwartet hohen Einnahmen aufgeschwungen. The Attorney lief unter dem Radar, hat zwar auch eine Auswertung auf Heimmedien erhalten, wird seitens Youku aber auch kostenlos (in Kantonesisch sowie in Mandarin) angeboten und so für umsonst konsumiert."
~ Einleitung zu The Attorney (2021)
"Anfang 2018 als Crossfire und einer Art Taken in Südamerika (wahlweise Kolumbien) in die Ankündigung gegangen, hat sich das Projekt um die Zeit in Raging Fire und den Schauplatz Hongkong, letzteres nicht nur aufgrund der besseren Finanzierbarkeit umgewandelt. Das ursprüngliche Team mit Benny Chan als Regisseur und als Kollaboration (im Feature Film) erstmalig Donnie Yen als Darsteller wurde beibehalten, das Genre des Actionfilmes ebenso, wobei das Casting mit Nicholas Tse als 'alter' Bekannter beider erweitert wurde und damit die Aufmerksamkeit durchaus auch potenziert. Letztlich ist der Film gleichermaßen gute und schlechte Nachricht, stellt er doch nach kurzer, aber schwerwiegender Krankheit von Chan – eines enthusiastischen, aber beim Dreh schon geschwächten Mannes – und dem frühen Verscheiden im August 2020 mit nicht einmal 60 Jahren leider schon dessen Abschiedsfilm, den Schwanengesang also dar, und wurde das Projekt auch nach seinem Tod vollendet, also von anderen Leute, maßgeblich dem Yen-Spezi Kenji Tanigaki und dem schon beim Dreh jederzeit aktiven Yen fertiggestellt. Weiterhin wurde auch in HK beim leicht verzögerten Kinostart (gegenüber einem früheren Termin in der VRC) ein erhöhter Zuspruch des Publikums gesehen, sind die Zahlen vom Festland mit fast 210 Mio. USD aber natürlich wesentlich beeindruckender und lässt dies nach auch früheren Blockbustern wie Shock Wave 2 (2020) oder The White Storm 2: Drug Lords (2019) eine deutliche Fokussierung auf diesen Markt natürlich erkennen. Die Abhängigkeit vom Staat ist längst da und explizit, Filmemachen ist zunehmend Politikum und vorauseilende Gehorsamkeit und dann in zweiter Linie Geschäft. (Yen hat in den letzten Jahren vermehrt Boykottaufrufe in HK erhalten, während Tse kürzlich in vorauseilenden Gehorsam neu eingeführter 'Benimmregeln' der 'Liebe zur Partei und ihren Prinzipien' seinen kanadischen Pass zurückgegeben hat. Zudem werden im Rahmen des Chinesischen Sicherheitsgesetzes auch im Nachhinein alle Filme auf Inhalte abgetastet, die bspw. als Aufrufe zur Spaltung, zum Umsturz oder zum Terrorismus gedeutet werden."
~ Einleitung zu Raging Fire (2021)
Der Abschied aus dem Actiongefilde bereits seit längerem von Donnie Yen angekündigt, und immer wieder aufgeschoben, es wird über einen 5. Teil von Ip Man spekuliert, über eine Fortsetzung von Raging Fire, und The Prosecutor fungiert auch als Actionthriller, die Kampfszenen in der Aufmerksamkeit und der hervorstechenden Erscheinung, im Film selber und auch im Marketing, in der Werbung. Ursächlich für gerade dieses Geschehen waren zwei vorherige Erfolge, die nicht auf Aktionismus in dem Sinne setzten, auf A Guilty Conscience und auf The Sparring Partner, zwei Gerichtsgeschehen, die Rolle des (ehemaligen) Anwaltes hier kommt nicht von ungefähr, sie hat ihren Hintergrund, es braucht auch einen kommerziellen Erfolg, die letzten Gehversuche im Bereich des Dramas wie Come Back Home (2022) oder des Wǔxiá wie The New Kung Fu Cult Master 1 (2022) oder Sakra (2023) liefen nicht so gut, wie sie hätten sein müssen; hier wurden allerdings fast 130 Mio. USD eingenommen, immer noch gut 80 Mio. USD weniger als Raging Fire:
Der ehemalige Detective Fok Chi-Ho [ Donnie Yen ] wechselt nach einer Verletzung während des Dienstes und der trotzdem Freilassung des Gefangenen Cheung Man-Bing [ Justin Cheung ] die Seiten, er studiert die nächsten Jahre Jura und wird anschließend zur Staatsanwaltschaft bzw. dem Justizministerium unter dem Mentor Bao Ding [ Kent Cheng ] und dem Leiter Yeung Dit-Lap [ Francis Ng ] beordert. Gleich der erste Fall bereitet ihm Magenschmerzen, wurde doch der junge Ma Ka-Kit [ Mason Fung ] des Drogendeals beschuldigt, dabei hat er nur seine Adresse zur Annahme eines Paketes gegen Geld an Chan Kwok-Wing [ Locker Lam ] verliehen zu haben. Auf Anraten seines Verteidigers und des Rechtsbeistandes Au Pak-Man [ Julian Cheung ] plädiert Ma in Aussicht auf eine milde Strafe auf schuldig, bekommt aber durch Richer George Hui [ Michael Hui ] eine hohe Inhaftierung aufgebrummt. Fok, der sich auch etwas Ma's Onkel [ Lau Kong ] annimmt, bittet seinen früheren Kollegen und Untergebenen Lee ing-Wai [ MC Cheung ] um Unterstützung bei dem Fall, was sie in Richtung Lau Siu-Keung [ Adam Pak ] und die Gangsterbosse Sang [ Ray Lui ] und Tung [ Mark Cheng ], aber auch deren Auftragsmörder Kim Hung [ Yu Kang ] führt.
Auf Fakten soll das basieren, eine Berichterstattung, vom Ende her kommend und zum Anfang von allem gehend, eine SWAT Team zu einem Einsatz in Kam Tin rufend, ein EU Team angegriffen, eine abrissfällige Ruine wird gestürmt, vorher ein Blick über das HK hin zu dem eher äußerlich gelegenen Territorium geführt. 2017 schreiben wir hier noch, schwerbewaffnete Einheiten umstellen das Areal und gehen taktisch vor, geschossen wird schnell und rapide, bewegt agil, von beiden Seiten aus, die Schutzschilde halten nicht ewig vor, es werden Verluste gemacht, die Opferzahl steigt. Yen geht im Grunde bald eigenhändig gegen die Gangster vor, die Kamera mal von außen betrachtend, mal in der dritten Person, dann in der ersten Person gehalten, Gegner werden niedergeschossen und/oder niedergeknüppelt, fast eine Videospielsequenz zwischendurch, mit erhöhter Gewalt. Eine 'normale' Inszenierung des Ganzen hätte vollkommen ausgereicht, die Bewegungen flott, Yen noch in körperlicher Form, zudem ein bekanntes Team hinter sich, die Stuntcrew eingebunden. Sowieso geht es in der Sequenz um etwas Anderes, um die Verfolgung des hauptsächlich Verdächtigen durch einen weiblichen Officer, er plädiert auf Unkenntnis ihrer Identität, sie hat in dem vorherigen Chaos ihre Marke verloren.
Ausgehend davon landet man vor Gericht und ausgehend davon im Kreuzverhör und im Umwandlungsprozess, im Wechsel des Berufs, in der Stufe der Justiz. Bekannte Gesichter sind eingangs schon zu sehen, einige aus dem Fernsehen auch, eine lokale Besetzung, in der Stadt gehalten und das einheimische Publikum ansprechend, dennoch mit chinesischen Firmen unterstützt und auch auf den Markt dort hoffend. Ein Gang durch den Regen und ein Salut der Kollegen zum Abschied, die erste Actionszene nur als Pre-Title, als Prolog gehalten, der Vorspann zeigt die Veränderung, die eigentliche Handlung 7 Jahre später, demnach zum Erscheinungsdatum. Yen hier in voller Kontrolle des Filmes, mit-produziert, mit-dirigiert, später im schicken, maßgeschneiderten hellgrauen Anzug, vorher in Polizeiuniform. Yen stellt sich hier auch in den Mittelpunkt, er ist der Fokus des Geschehens, er ist nun mal auch der mit dem Marktwert, es wurde seinetwegen investiert, zudem der Mann mit dem größten Selbstbewusstsein, eine logische Konsequenz, eine Schlussfolgerung. Ein Fall wird diskutiert, analysiert, aus verschiedenen Blickwinkeln, ein Fall theoretisch, ein anderer Fall praktisch, illegaler Besitz von Drogen scheinbar, es wurde auf Unschuld plädiert. Die verschiedenen Vorgehensweise werden dem Zuschauer erklärt und visualisiert, er quasi an die Hand genommen, von A nach B zu C geführt, gefilmt wird das übersichtlich, eingangs viel im Dialog, im Zu- und im Widerspruch, auch mit Kommentaren zur Überlastung der Gerichte und der Entlastung zuungunsten der Angeklagten, eine Überredung. Man wird im Film vorgeführt von erfahrenen Anwälten, von routinierten, von betriebsblinden auch, von welchen, die einfach die Akte vom Tisch haben wollen; Co-Regisseur bzw. 'Associate Director' Terry Ng, der sich zuletzt mit Triadenfilmen (um Triad 2 - The Brotherhood of Rebel, 2023 und Triad 3 - The Unwavering Brotherhood, 2024) beschäftigt hat und auch dem Polizeifilm wie Crypto Storm (2024), sowie Mak Ho-Pong, der die Breakout Brothers Trilogie (2020/21/22) und Endless Battle (2023) geschaffen hat, halten das Geschehen ruhig, er lässt die Kommunikation auf den Zuschauer einprasseln, die vielen Figuren, er geht nicht zusätzlich in die Konfusion.
Um Gerechtigkeit geht, um Recht und Ordnung, um ein quid pro quo, um Gewissen und Moral und Anstand, alles verpackt in einen Action-Krimi; es wird auch ein bisschen in die Übertreibung, in die Zeichnung einer elenden Kindheit, in die Beschreibung mit den ganz dicken Pinselstrichen gegangen. In den Aktionen geht man eher im nebenbei, mal wird man auf der Fahrt mit einem früheren Kollegen in die erst fußläufige, dann (boden)kämpferische Verfolgung und Versuch der Verhaftung gegangen, dabei überlässt man auch anderen Darsteller die Physis und die Stunts, einen rabiaten Massenkampf, Einer gegen ein halbes Dutzend in einer Seitengasse, lässt die Newcomer hervorscheinen, die Neulinge ran, ein Fordern und Fördern, ein Durchbrechen plötzlich auftauchender Straßengangs mit dem Auto, ein sich Einmischen und Bewältigen, ein Agitieren mit Hockeyschlägern gegen Macheten und anderen Waffen; ein Niederknüppeln stets auf engstem Raum, mit vielen Hindernissen. Die Präsentation der Actionszenen (durch den japanischen Choreografen Takahito Ouchi) ist dabei insgesamt gleichauf mit Raging Fire, die besten seitdem zumindest, die innovativsten, auch hier mit einem Großaufgebot der Polizei zuweilen und dem Einzelgeschehen, die Tritte präzise, die Treffer schmerzhaft aufgenommen, eine Rückführung zu SPL (2005) und Flash Point (2007) bzw. Special ID (2013). Aus den Angelegenheiten wird auch das Mögliche herausgeholt, großflächig in die Straßen gegangen. Das Drama selber funktioniert nicht so richtig, es geht um den Kampf David gegen Goliath, das wird auch so deutlich formuliert, mit entsprechendem Ethos und Pathos, ansonsten ist der Film eher im Hochglanz gehalten, den Massenmarkt ansprechend, die Briten von Anno Dunnemals wieder die Bösen; das wollen die chinesischen Zensoren so hören, das Gleiche gilt für den Kampf gegen Drogen. Yen, der mit als Aushängeschild auch der VRC gilt, neben Andy Lau und Jackie Chan, versucht hier, seine alte Klientel zu erreichen und die neue nicht zu verlieren; der Film möchte es allen recht machen, zuweilen schafft er es auch, aseptisch und wie programmiert, aber dennoch angriffslustig im Kreuzverhör gehalten.
In gedämpften Tönen wird das aufgezeichnet, die Blicke sind oftmals schon eindeutig, dazu gibt es einige prägnante Cameo und einen interessanten Antagonisten, es werden verschiedene Seite der Medaille gezeigt und verschiedene Interessen, ein Schritt-für-Schritt Verfahren, welches durchaus Interesse weckt und aufrechterhält; im Übrigen hatte das HK-Kino in den Achtzigern eine Reihe von Gerichtsthrillern und werden auch Fernsehserien wie Speaker of Law (2023), oder Legal Mavericks 2 (2020) regelmäßig in dem Milieu angesiedelt, man geht nicht unbedarft, nicht unbefleckt in die Produktion, man hat eine Tradition und entsprechende Sachkenntnis vorzuweisen. Ganz so sehr muss man die Geschichte auch nicht auf die Goldwaage, oder hier die Waage der Justitia legen, der Gerichtsprozess und die Umstände davor und danach bilden den schick ausgeleuchteten, den in edlen Brauntönen gehaltenen Rahmen, den Appell für den Hauptdarsteller und seine Motivation; es ist besser geschrieben als üblich für seine Produktionen, und besser gehandhabt, es ist offensichtlich ein (von der Obersten Volksstaatsanwalt gefördertes) Prestigeprojekt, welches vielen gefallen will und auch zu gefallen weiß, daran ist erstmal nichts Schlimmes zu entdecken; manchmal wird sich selber auf die Schulter geklopft, manchmal aus dem Weg gegangen und ignoriert, manchmal die Probleme anvisiert, die Unterschiede in der Klassengesellschaft, die bestehende Armut, die Wohnverhältnisse etc. Ein Mordanschlag in einem Parkhaus mit dem Auto als Rammbock und tödliche Waffe ändert alles an der Situation, das merkwürdige Gefühl, welches man bisher hatte, wird nun zur Wahrheit, aus der Paranoia heraus geboren, es wird in die Unterwelt gegangen, um die wahren Täter und Hinterleute zu fangen. Eine Attacke gegen eine Handvoll Schergen auf der Dachterrasse eines Nachtclubs folgt noch, mit einigem Glasbruch, ein Verkehrs'unfall' inmitten der Stadt, ein ausufernder Zeugenschutz in der U-Bahn, dazu viel Zusammenarbeit in der Kollegenschaft und ein Abwehren der Bevölkerung, ein Wegschauen und Ignorieren, hier ein Aufwecken und Agieren.