Review

Verloren im digitalen Nebel

Paul W.S. Anderson, bekannt für seine eigenwillige Vorstellung von cineastischer Apokalypse – irgendwo zwischen Videospiel-Ästhetik und bleiernem Pathos – meldet sich mit „In the Lost Lands“ zurück. Der Titel klingt wie eine Prophezeiung. Und tatsächlich: Was hier verloren geht, ist nicht nur die Welt, sondern auch jeder erzählerische Kompass. Ein Film der so sehr danach schreit, episch, bedeutungsschwanger und visuell überwältigend zu sein, dass er am Ende in sich selbst implodiert – wie ein Fantasy-Roman, den jemand zu oft in die Mikrowelle gelegt hat. 

Basierend auf einer Kurzgeschichte von George R.R. Martin (dem Schöpfer von Game of Thrones, der hier vermutlich nach Sichtung des Endprodukts auf Distanz gehen möchte), versucht Anderson, eine düstere Fantasy über Macht, Sehnsucht und Selbstaufgabe zu erzählen. Was er liefert, ist eine bizarre Mixtur aus Endzeitmärchen, Actionmär und digitalem Overkill – ein Film, der aussieht, als hätte jemand „Mad Max“, „Resident Evil“ und ein mittelmäßiges PlayStation-Intro in einen Mixer geworfen – und vergessen, den Deckel draufzumachen.

Die Handlung lässt sich, trotz aller mythologischen Anwandlungen, in einem Satz zusammenfassen: Eine Königin will Macht über Verwandlung erlangen und schickt eine Kriegerin (Milla Jovovich) in die „Lost Lands“, um sie zu finden. So weit, so archetypisch. Nur verliert sich Andersons Adaption in Nebelschwaden aus bedeutungsschwerem Nichts. Die Story mäandert ohne Richtung, baut keine echte Spannung auf und stolpert von einem Plotloch ins nächste. Man folgt dieser Reise durch eine Welt, die zwar auf dem Papier gefährlich, in der Umsetzung aber erschreckend steril wirkt. Dialoge plätschern dahin wie aus einem Handbuch für generische Fantasy-Dramatik. Figuren sprechen in Sätzen, die wohl metaphorisch klingen sollen, aber klingen, als hätten sie ein KI-Sprachgenerator mit leichtem Pathos-Fehler verfasst. Anderson scheint fest überzeugt, dass kryptisches Gemurmel und bedeutungsschwangere Monologe Tiefgang erzeugen – in Wahrheit wirken sie wie lyrischer Ausschuss aus einer nie veröffentlichten Resident Evil-Fanfiction. Keine Figur hat einen nachvollziehbaren inneren Konflikt. Stattdessen werden flache Archetypen aneinandergereiht, die weder emotional noch dramaturgisch zünden. Was bleibt, ist ein Film, der sich selbst zu ernst nimmt, ohne jemals ernstgenommen werden zu können.

Endzeit im Plastikformat

Paul W.S. Anderson ist ein Regisseur, der schon immer eine Schwäche für das Artifizielle hatte. Doch wo diese Künstlichkeit in „Event Horizon“ oder „Resident Evil“ noch als Stilmittel funktionierte, ist sie hier bloße Hülle. Anderson scheint zu glauben, dass man Tiefgang durch Nebelmaschinen ersetzen kann – Spoiler: Kann man nicht. „In the Lost Lands“ sieht aus, als wäre er komplett im Greenscreen-Ghetto entstanden – und das vermutlich aus Kostengründen auch wurde. Landschaften, Monster, Himmel: alles CGI, alles glatt, alles seelenlos. Es ist eine künstliche, kalte Welt, in der alles irgendwie gleich aussieht: metallisch, digital, glattgebügelt. Was einem guten Endzeitstreifen seine Wucht gibt – Schmutz, Staub, Geruch, Textur, das Gefühl, dass hinter jeder Ecke Verfall lauert – fehlt hier völlig. Eine postapokalyptische Welt, die aussieht, als wäre sie im Rendering-Studio einer Zahnpastamarke entstanden. Selbst wenn Blut fließt oder Landschaften explodieren, bleibt alles steril. Die Kamera fährt durch ein CGI-Nirvana, das aussieht wie der Hintergrund eines mittelmäßigen Mobile Games.

Seit „Resident Evil“ ist klar: Anderson liebt seine Slow-Motion-Schüsse, seine rotierenden Kamerafahrten, seine „coolen“ Klingenbewegungen. Nur: Cool ist hier gar nichts. Die Action ist generisch, lieblos und so offensichtlich CGI-lastig, dass man fast Mitleid mit den Renderkünstlern bekommt. Explosionen verpuffen ohne Wucht, Schwertkämpfe wirken choreografiert wie ein Schulprojekt, und die Effekte sehen aus wie aus einem schlechten Videospiel. Milla Jovovich, Andersons museale Dauerheldin, bewegt sich durch diese Szenen wie eine Figur aus dem eigenen Standbild: ungerührt, unbeeindruckt, mit dem Gesichtsausdruck einer gelangweilten Statue – irgendwo zwischen „Ich bin müde“ und „Wie viele Takes noch, Paul?“. Ihre Performance hat die emotionale Bandbreite eines Pappaufstellers. Kein Schmerz, keine Sehnsucht, kein Feuer. Nur Routine. In den meisten Actionsequenzen ist sie ohnehin kaum selbst zu sehen – ihr Stuntdouble erledigt den Großteil der Arbeit, während Jovovich in Großaufnahme bedeutungsvoll in die Ferne starrt. Dave Bautista, sonst ein charismatischer Fels in der Brandung, wirkt, als hätte er den Film auf Autopilot abgespult. Seine Figur existiert, um groß auszusehen und wenig zu sagen – ein muskulöser Stichpunkt im Drehbuch.

Andersons Inszenierung ist laut, überladen und stilistisch wirr – eine Collage aus Ideen anderer Regisseure, nur ohne deren Raffinesse. Jede Szene will wichtig sein, jede Einstellung ein Tableau von Bedeutung – doch der Pathos wirkt aufgesetzt, die Symbolik billig. Wo ein Denis Villeneuve mit Schweigen Spannung aufbaut, füllt Anderson die Lücken mit lauter Musik und noch lauteren Effekten. Er verwechselt „spektakulär“ mit „überladen“. Das Ergebnis ist ein filmischer Overkill, der sich selbst ständig zu überbieten sucht – und dabei nie über das Niveau eines visuell ambitionierten B-Movies hinauskommt.

Fazit

Am Ende bleibt ein Film, der alles will und nichts erreicht. „In the Lost Lands“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie Ambition, fehlende Vision und digitale Überfrachtung sich gegenseitig auslöschen. Paul W.S. Anderson hat hier kein Fantasy-Epos geschaffen, sondern ein Effektfeuerwerk ohne Seele. Es ist, als hätte jemand versucht, „Game of Thrones“ in einer Bonbonverpackung zu erzählen – hübsch von außen, klebrig und leer von innen. Selten war ein Film so sehr darauf bedacht, Bedeutung zu suggerieren, und zugleich so unfähig, sie zu erzeugen. Ein Film, der mit visueller Wucht prahlt und dabei völlig vergisst, dass Emotion, Spannung und Substanz nicht renderbar sind. Paul W.S. Andersons Versuch, aus einer literarischen Miniatur ein visuelles Epos zu formen, endet in einem synthetischen Labyrinth aus Klischees, Phrasen und Pixeln.

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