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Blood and Sinners

Orgiastischer Mix aus Horror-, Gangster-, Action- und Historien-Film von Blockbuster-Regisseur Ryan Coogler, der die DNA afroamerikanischer (Musik-)Kultur in einem Mainstream-Rahmen verhandelt, den er permanent sprengt. Fulminant.

Wer heute das Ticket für einen Mainstream-Film löst, der kann sich darauf verlassen, dass er weder mit unliebsamen Überraschungen, noch mit dem Torpedieren der eigenen Erwartungen konfrontiert wird. Es wird geliefert wie bestellt, nicht immer in der gewünschten Qualität, aber garantiert ohne gewagte Experimente. Aus Sicht der primär monetär motivierten Studios ist diese Strategie zumindest verständlich, für den interessierten Zuschauer eher ein Armutszeugnis. 

Vor diesem Hintergrund kommt es beinahe einer Sensation gleich, Ryan Coogler knapp 100 Millionen für seinen bis dato persönlichsten Film zu überlassen. Fairerweise muss zwar erwähnt werden, dass das Duo aus Regisseur/Produzent Coogler und Hauptdarsteller Michael B. Jordan jeweils zwei Blockbuster aus dem Marvel- („Black Panther“ 2018, „Black Panther - Wakanda Forever“ 2022) sowie dem Rocky-Universum („Creed“ 2015, „Creed II“ 2018) vorweisen kann. Nur ist „Sinners“ weder Sequel, noch Franchise-Film und entzieht sich obendrein sogar jedweder Einordnung in klassische Genre-Schubladen. Ein Risiko-Projekt? Ganz sicher. Aber eines, dass vor strotzendem Selbstbewusstsein, Ideenreichtum und visueller Wucht kaum laufen kann. Eines, das man sich als Kinofreund nicht entgehen lassen sollte, denn außer Nolan und Tarantino darf sich niemand in dieser Liga austoben. Hier hat jemand eine Vision, die er mit einem Massenpublikum teilen will, eine Vision, die sich über Bilder und Musik entfaltet. Da darf es gern auch mal der große Pinsel sein.

Und so malt Coogler beinahe eine Stunde lang ein opulentes Historien-Gemälde in dem er seine Figuren nicht nur platziert, sondern ausgiebig illustriert. Allen voran sind das die beiden schillernden Brüder Smoke und Stack (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle), die während der Prohibitionszeit in Chicago zu Geld gekommen sind und nun in ihre Heimat Mississippi zurück kehren, um dort eine Juke-Bar zu eröffnen. Und die beiden legen eine rasanten Tempo vor. Binnen eines Tages kaufen sie von ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitgliedern ein Grundstück mitsamt Scheune, rekrutieren alte Weggefährten als Türsteher, Küchenpersonal und vor allem Musiker. Am selben Abend noch wird eröffnet und vor allem dank der energetischen Performance von Blues-Legende Delta Slim und Bluesgitarren-Genie Sammie verwandelt sich das „Juke Joint“ in eine ekstatische Party-Location. Alles sieht nach einem gloriosen Start-Ziel-Sieg der Zwillinge aus, bis unvermittelt drei Fremde vor der Tür stehen und um Einlass bitten.

Coogler Bis zum diesem narrativen Turning-Point hat Coogler bereits ein Themen-Paket verhandelt, das für mehrere Filme gereicht hätte: Sklaverei, Rassismus, Prohibition, Hoodoo-Magie, Weltkriegs-Erfahrungen und Blues-Musik. Die akribisch zusammen gestellte Ausstattung, vor allem aber die visuelle Umsetzung machen diese Zeitreise zu einem beinahe physischen Erlebnis. Kamerafrau .Autumn Durald Arkapaw hatte für Coogler schon den zweiten Black Panther-Film bebildert. Für „Sinners“ drehte sie auf 65-mm-Imax wie auch auf Ultra Panavision 70 was einerseits einen Gritty-Look ermöglichte, der perfekt zum Zeitkolorit und der grimmigen Story passt, andererseits aber auch panoramaartige Aufnahmen von enormer Weite und Breite ermöglichte, die den elegischen Ton des Films und die ausladenden Landschaften des Südens auf den Punkt bringen. Für den letzten Schliff, in diesem Fall das passende Sounddesign, griff Coogler auf einen weiteren alten Weggefährten zurück. Komponist Ludwig Göransson hat seit 2009 ausnahmslos alle Filme Cooglers vertont und war durch seine musikalische Sozialisation durch einen Blues-verrückten Vater erst recht ideal für „Sinners“. Als Metal- und Gitarren-Fan fusionierte er dann Blues-Einflüsse und moderne Rhythmen zu einem energiegeladenen Score, der vor allem die zweite Filmhälfte regelrecht voran treibt.

Im letzten Drittel des Films lässt Coogler endgültig die Leinen los und entfesselt ein blutiges Action-Inferno in dem sich all die angestaute Energie und Leidenschaft Bahn bricht. Andeutungen für diese Kehrtwende gab es schon zu Beginn des Films, als der junge Sammie blutüberströmt in die Messe seines Prediger-Vaters taumelt. Und schon kurz bevor die drei Fremden am „Juke Joint“-Tor auftauchen, wissen wir, dass es sich dabei um hungrige Vampire handelt. Diese in Härte und Konsequenz brachiale Abzweigung ins grimmige Horror-Fach ist eines der vielen Risiken, die Coogler mit „Sinners“ eingeht und das er dank seiner souverän und passioniert vorgetragenen Vision bravourös meistert. Im ekstatischen Vampirismus-Finale laufen dann alle narrativen, thematischen und emotionalen Fäden zusammen und entladen sich in einem furiosen Mix aus Wut, Leidenschaft, Rhythmus, und Blut. Der eigentliche Peak findet sich allerdings schon zur Halbzeit. Kurz vor Erscheinen des Vampir-Trios montiert Coogler in einer fantastischen Plansequenz Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der afroamerikanischen Musikkultur zu einem orgiastischen, beinahe religiös anmutenden Erweckungserlebnis. Eine bereits frühe, reichhaltige Belohnung für alle, die sich auf diesen wilden Ritt durch Genres, Einflüsse und ganz persönliche Perspektiven einlassen.


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