Review

Mit „Creed“ und den beiden „Black Panther“-Filmen hatte sich Ryan Coogler als Spezialist für die Adressierung schwarzer Themen im Genrekontext etabliert. Nach dem Boxer- und dem Superheldenfilm bearbeitet er mit „Sinners“ nun das Horrorgenre, dieses Mal gänzlich ohne eine etablierte Vorlage.
„Sinners“ spielt im Jahr 1932 und beginnt an einem Sonntagmorgen. Pfarrer Jedidiah Moore (Saul Williams) hält den Gottesdienst ab, als sein Sohn Sammie (Miles Caton) in die Kirche gestolpert kommt, blutüberströmt, die Reste einer Gitarre in der Hand. Der verstörte Junge wird, wie Erinnerungsblitze zeigen, von traumatischen Ereignissen gepeinigt, womit „Sinners“ schon auf die horrible Haupthandlung einstimmt. Ein Vorgriff, der erfreulich wenig bevormundend wirkt – man erfährt lediglich, dass Sammy überlebt hat, aber nicht, ob und wie viele andere Überlebende es gibt. Sammy ist ein talentierter Musiker, hat den Blues im Blut, auch wenn sein Vater nicht unbedingt gut auf das Hobby seines Sohnes reagiert, das er offensichtlich mit sündhaftem Verhalten gleichsetzt.
Anschließend springt „Sinners“ einen Tag zurück. Sammie trifft seine Cousins Elijah und Elias wieder, die Zwillinge sind, nur Smoke und Stack genannt werden und beide von Michael B. Jordan gespielt werden. Smoke und Stack sind nach Jahren der Abwesenheit aus Chicago zurück, haben viel Geld in den Taschen und große Pläne: Sie kaufen eine alte Scheune und das umliegende Land, um daraus ihren eigenen Nachtclub für die schwarze Bevölkerung zu machen. Der Juke Joint soll noch an diesem Abend seine Eröffnung feiern, weshalb die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen. Während das Essen besorgt, der mitgebrachte Alkohol angeliefert und nach Personal für den Abend gesucht wird, stellt „Sinners“ seine Hauptfiguren immer tiefer vor: Sammie, Smoke und Stack, aber auch den Musiker Delta Slim (Delroy Lindo), das Ladenbesitzerpaar Grace (Li Jun Li) und Bo Chow (Yao) sowie die Verflossenen vom Smoke und Stack, nämlich die Geisterheilerin Annie (Wunmi Mosako), mit der Smoke ein früh verstorbenes Kind hatte, und die weiße Mary (Hailee Steinfeld), die zwar einen schwarzen Vorfahren hat, deren Liebschaft mit Stack aufgrund der unterschiedlichen Hautfarben nicht von Dauer sein konnte.

Schließlich kann der Abend steigen, während anderorts der Vampir Remmick (Jack O’Connell) erst einigen indianischen Ureinwohnern entkommt, auf der Flucht ein weißes Farmerehepaar beißt und diese ebenfalls zu Vampiren macht. In der Nacht steuern die Vampire auch den Juke Joint auf der Suche nach weiteren Opfern an…
Man mag bei der Prämisse von „Sinners“ schnell an einen Belagerungsfilm der Marke „Assault on Precinct 13“, „Night of the Living Dead“ oder „From Dusk till Dawn“ denken – alle mehr oder weniger klar im Horrorgenre verortet –, doch Coogler lässt sich in seinem selbstgeschriebenen Film Zeit. Die Vampire tauchen erst zur Halbzeitmarke auf und können die Scheune ohne Einladung nicht betreten. So geht es über weite Strecken eher um Winkelzüge und psychologische Spielchen – lässt man den Freund, der gerade zum Austreten fortgegangen ist, wieder rein oder verhält dieser sich zu seltsam? Lange Zeit sind sich Smoke, Stack & Co. der Bedrohung gar nicht bewusst, wollen Remmick und sein Gefolge eher aufgrund von deren Hautfarbe und möglichen Problemen, die ihnen daraus erwachsen könnten, nicht hereinlassen. Das Thema des Rassismus und der Rassentrennung ist auch in diesem Part stets präsent, verkünden die Vampire im späteren Verlauf doch ganz explizit, dass sie der große Gleichmacher sind, dass sie eine Gemeinschaft bilden, in der Hautfarben und andere Unterschiede völlig egal sind. Ein utopisches Versprechen, das jedoch nur ein Schleier über Macht- und Bluthunger der reißenden Bestien ist.
Dementsprechend sollte man bei „Sinners“ besser keinen Action-Horrorfilm erwarten. Kampfhandlungen gibt es nur selten, erst im Schlussakt gibt es zwei größere Set Pieces, von denen eines eher als ein Nachklapp der Haupthandlung dient. Wenn Coogler, sein Stunt Coordinator Andy Gill und sein Fight Choreographer Eric Stratemeier es dann allerdings krachen lassen, dann ist es stets sehenswert. Die Nahkämpfe und Schießereien sind sauber choreographiert und übersichtlich inszeniert, wobei letzteres auch an Cooglers Faible für lange Einstellungen liegt. Wie schon in früheren Filmen arbeitet er gern mit elaborierten Plansequenzen, die sich immer wieder im Film finden. Die Kamera folgt Sammie bei der Suche nach Stack im überfüllten Club und Bo beim Gang von einem Laden zum anderen über die Hauptstraße hinweg, am beeindruckendsten ist jene Musical-Sequenz im Juke Joint, in der Sammies Blues-Musik die Grenzen von Zeit und Raum sprengt, sodass Musiker und Tänzer verschiedener Epochen während dieser andersweltlichen Performance zu Gast sind.

Musik ist sowieso ein Hauptthema des Films, vor allem natürlich der Blues als Ausdruck des schwarzen Selbstbewusstseins und der schwarzen Leidensgeschichte. „Sinners“ begreift Blues auch als sexuell aufgeladene Musik, was sich in den teilweise ziemlich expliziten Dialogen und in den kurzen Sexszenen des Films widerspiegelt. Doch „Sinners“ geht auch auf andere Musikstile ein, darunter Irish Folk (mit einer wahrhaft memorablen Darbietung von „Rocky Road to Dublin“), Hip Hop oder härterer Rock, für den Coogler überraschenderweise Metallica als Inspiration nennt. Dass der regelmäßige Coogler-Kollaborateur Ludwig Göransson nicht nur wieder für den Score des Films verantwortlich zeichnet, sondern hier auch seinen ersten Credit als Filmproduzent hat, unterstreicht die Bedeutung von Musik für Cooglers in mehrerlei Hinsicht durchkomponiertes Werk. Auf der Bild- und auf der Tonebene ist „Sinners“ ein Fest für die Sinne dessen kolportiertes Budget zwischen 90 und 100 Millionen Dollar auf der Leinwand zu sehen ist: Die Locations, die Requisite, die praktischen Effekte, all das ist handgemacht und strahlt von Anfang eine Atmosphäre aus, die Cooglers elaborierte Inszenierung nur noch verstärkt.
„Sinners“ erzählt von realem und mystischem Horror, von Geschichte und Phantastik. Musikalische Ausnahmetalente werden zu mythischen Gestalten erhoben, deren Spiel einerseits ein unfassbares Gefühl von Freiheit erzeugen kann, deren Talent andrerseits aber wie ein Magnet für die Kreaturen mit den Fangzähnen wirkt. Doch die Bedrohung durch die Vampire ist nur ein Glied in einer Kette aus Gefahren- und Erniedrigungserfahrungen, die alle Figuren mit sich herumschleppen. Smoke und Stack mögen gut gekleidet, cool und souverän auftreten, doch steckt unter dieser Schale ein Kern, der weiß, dass nur die Fassade der Überlegenheit das eigene Überleben sichern kann. Demonstrationen der Stärke gegenüber dem weißen Vorbesitzer der Scheune, aber auch gegenüber schwarzen Dieben übertünchen nur, wie sehr ihnen bewusst ist, dass jeder Moment der Schwäche ihr letzter sein kann. Delta Slim berichtet von Bekannten, die willkürlich in Ketten gelegt oder gelyncht wurden, die Liebe von Mary und Stack ist etwas, das in den 1930ern nicht sein darf, das für Stack oder sogar für beide den Tod bedeuten könnte – die Schrecken der Jim-Crow-Ära sind stets mindestens unterschwellig präsent.

So erzeugt „Sinners“ seine innere Spannung oft weniger aus den Schauwerten (die der Film zweifelsfrei besitzt), sondern aus den Reibereien gegensätzlicher Gefühle. Bei der Feier im Juke Joint dürfen die Gäste sich frei fühlen, für einen Abend vielleicht sogar wirklich frei sein, und doch schwebt über der ganzen Ausgelassenheit die Frage, wie schnell dieser Zustand wieder vorbei sein kann. Weiße, die Smoke, Stack & Co. wegen vermeintlicher Vergehen lynchen könnten, eine wirtschaftliche Pleite oder später die Vampire – Bedrohungen für dieses Refugium der Freiheit gibt es viele. So stehen auch Smoke und Stack unterschiedlich zu ihren Gästen: Stack möchte, dass sich alle wohlfühlen und akzeptiert auch alternative Zahlungsmittel wie Plantagenmünzen aus Holz, Smoke glaubt, dass nur harte Dollars dem Laden eine Zukunft bescheren – Community oder Cash, was ist wichtiger, verkörpert durch diese beiden Hauptfiguren.
Dass Michael B. Jordan die Hauptrollen dann auch so überzeugend schultert, ist ein weiterer großer Pluspunkt von „Sinners“. Egal ob als knallharter Money Man mit versehrter Seele oder als pflichtbewusster Musikenthusiast – er verkörpert Smoke und Stack so, dass man bisweilen glauben mag, dass die Rollen von unterschiedlichen Darstellern gespielt werden. Schauspieldebütant Miles Caton legt einen memorablen ersten Auftritt und ist ein sehr talentierter Musiker, Delroy Lindo setzt Akzente als Charakterdarsteller mit Charaktergesicht. Wunmi Mosako als Geisterheilerin mit Vampirwissen und Hailee Steinfeld als unbeugsame wie unglückliche Frau zwischen den Welten sind ebenfalls stark. Jack O’Connell hat zwar vergleichsweise wenig Screentime, aber bringt genug Charisma und Appeal mit, um als ebenbürtiger Antagonist zum Main Cast zu bestehen.

Wenn man „Sinners“ etwas ankreiden möchte, dann ist es die vergleichsweise späte Eskalation des Belagerungsszenarios und die Tatsache, dass ein elaboriertes Set Piece eher wie ein schick aussehender Nachgedanke denn wie ein stimmiger Teil der Geschichte wirkt. Ansonsten ist Cooglers History-Horror-Mix jedoch ein toll inszeniertes Stück über Rassismus, Freiheit und Musik, das viel für Auge und Ohr bietet und durch die Kameraarbeit von Autumn Durald Arkapaw ebenso besticht wie durch die famosen Darstellerleistungen und die Musik Göranssons. Dass dem Ganzen dann auch noch die Schlaubi-Schlumpf-Attitüde mancher Elevated-Horror-Vertreter abgeht, ist ein weiteres Plus.

Details
Ähnliche Filme