Review

Gesamtbesprechung

I can’t do that all on my own…

Hilf- und eine gewisse Ratlosigkeit… gerade in neuen, ungewohnten Situationen treffen uns diese Gefühle allzu oft. Da wäre man gerne ein Superman, der zu allem in der Lage ist, der alle Lebenssituationen meistern kann. Oft genug wird mit dem Bild des Superhelden ein alltäglicher Held – der Halbgott in Weiß, der Arzt – verbunden, immer wieder (bewusst oder unbewusst) außer Acht lassend, dass in den klinisch weißen Supermann-Kitteln auch nur Menschen wie Du und Ich stecken, die ihrem Beruf nachgehen.

John „J.D.“ Dorian (Zach Braff) steht kurz davor, einer jener Superman-bekittelten Halbgötter zu werden. Gemeinsam mit seinem besten Freund Christopher Turk (Donald Faison) und der ehrgeizigen Elliot Reid (Sarah Chalke) beginnt er im vom tyrannischen Dr. Robert Kelso (Ken Jenkins) geleiteten Sacred Heart seine Phase als Arzt im Praktikum. Sie sind Srcubs, Newbies, blutige Anfänger… und das bekommen sie nur allzu oft vor Augen geführt. Ein langer, steiniger und einer emotionalen Achterbahnfahrt gleichender Weg hin zum Titel “Dr.“ und darüber hinaus steht den drei Freunden bevor, auf dem sie alle für sich erkennen müssen:

No, I know: I’m no superman!

Sucht man nach einem Konzept, mit dem die TV-Serie Scrubs am ehesten vergleichbar ist, so muss man schon einige Zeit in die Fernsehgeschichte zurückgreifen. Ist man dann erst einmal in der TV-Landschaft der 70er Jahre angelangt, stolpert man über eine Serie namens M*A*S*H, in der das Personal eines mobilen Lazaretts der US-Army den Alltäglichkeiten des Korea-Krieges trotzt. M*A*S*H war dabei viel mehr als nur der Blick hinter die Kulissen eines Krieges, M*A*S*H bestach durch die Ausgewogenheit zwischen dramatischer, ernsthafter Betrachtung von Einzelschicksalen und der vor dem ernsten Hintergrund überraschend erscheinenden, gehörigen Portion herzhaften Humors und stechenden Sarkasmus… genau so wie circa 30 Jahre später die Krankenhaus-Comedy Scrubs.

Drehbuch-Autor Bill Lawrence, der bereits als Mitbegründer des Konzepts von Chaos City einige Erfolge auf dem Sitcom-Sektor feiern durfte, konzipierte basierend auf Schilderungen von College-Bekanntschaften (darunter Jon Doris, medizinischer Berater von Scrubs und Vorbild für die Figur des John Dorian) eine der intelligentesten und zugleich amüsantesten Comedy-Serien, die jemals über die Bildschirme flimmerte. Dass dem so ist, liegt wohl zu einem großen Teil am Ideenreichtum der Drehbuchautoren, die immer wieder dem Krankenhausalltag neue Nuancen entlocken können und dabei sämtichen Charakteren stetig Spielraum zu charakterlichen und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten verschaffen. Das alles wird extrem detailverliebt ausgearbeitet und erscheint in der endgültigen Form als nahezu perfekte Melange aus tristen Momenten, die ein Krankenhaus zwangsläufig mit sich trägt, und urkomischen Augenblicken.

Den Mittelpunkt in dieser tragikomischen Serie stellt John Dorian dar, der von all seinen Freunden nur „J.D.“ genannt wird. Wir begleiten ihn Tag für Tag bei seiner Arbeit im Sacred Heart, jener Stätte, an der die unterschiedlichsten Charaktere sowohl im Mitarbeiterstab des Krankenhauses als auch in den Reihen der Patienten aufeinanderprallen. Zach Braff (Garden State, The Last Kiss) verkörpert die Rolle dieses Mannes, der sich im Prozess des – sowohl beruflichen als auch menschlichen – Heranreifens befindet und ist dabei scheinbar omnipräsenter Beobachter des Treibens im Sacred Heart und zugleich Vermittler einer in jeder Episode unterschiedlichen Moral, die niemals deplatziert oder gar aufgesetzt wirkt. Bill Lawrence wählte als Stilmittel zur Übermittlung der Moral und auch zur steten Kommentierung der Vorfälle im Krankenhausalltag den inneren Monolog, den J.D. in jeder Episode mit sich führt. Oftmals ist dieser innere Monolog von Belanglosigkeiten geprägt, die nicht selten zum Amüsement des Zuschauers beitragen aber dennoch die Handlung der Episode immer weiter vorantreiben. Der finale Monolog hingegen ist immer durch eine Ruhe geprägt, die dem Fernsehpublikum die Tragweite des soeben Gesehenen trotz all der komischen Momente vor Augen führt. Zudem ereilen J.D. im Verlaufe eines Arbeitstages immer wieder seltsame Tagträume, die einen Einblick in sein Innerstes, seine Wünsche und ab und an sogar seine sexuellen Phantasien gewähren und für zusätzliche Lacher sorgen. Mit der Rolle des John Dorian hat Zach Braff endlich den Durchbruch geschafft, der ihm lange Zeit verwehrt blieb, und beweist, dass er vollkommen zu Recht zu den verheissungsvollsten Darstellern in der Riege der neuen Hollywood-Sternchen gezählt wird.

Ihm zur Seite steht Donald Faison (Clueless) in der Rolle des Christopher Turk. Wo J.D. durch seine kindliche Furcht vor Neuem besticht, stellt sich Turk neuen Herausforderungen seines Lebens. Er ist das perfekte Gegenstück zu unserem Protagonisten, ein Charakter, der durch starkes Selbstbewusstsein und einen leichten Hang zum Narzissmus geprägt ist und sich damit schon fast als roter Faden in Faisons Karriere herausstellt, spielte er doch in Clueless eine ähnlich angelegte Rolle… Faison liegt dieser Charakter, und nichtsdestotrotz schaffen es die Drehbuchautoren immer wieder, auch mit den charakterlichen Bahnen, die in anderen Sitcoms schon längst eingefahren und gleichermaßen verrostet wären, zu brechen und Christopher Turk neue Gesichter zu geben, die man Faison – betrachtet man lediglich sein früheres schauspielerisches Schaffen – nicht so ohne weiteres zugetraut hätte. Katalysator für die Nuancierung des Charakters „Turk“ ist dessen Lebensgefährtin und spätere Ehefrau, die Krankenschwester Carla Espinosa (Judy Reyes). Sie ist das weibliche Spiegelbild Christopher Turks, was sich im Verlaufe der Beziehung als äußerst problematisch erweist, denn wenn zwei dermaßen selbstbewusste und narzisstische Menschen aufeinandertreffen, ergeben sich zwangsläufig Konflikte, die wiederum Turk dazu zwingen, „neue“ Charakterzüge an den Tag zu legen. So schafft die Beziehung zwischen diesen beiden Figuren eine gewisse Kontinuität, die Episoden- und Staffel-übergreifend die Serie begleitet. Parellel dazu entwickelt sich zwischen J.D. und Elliot (Sarah Chalke, Roseanne) aus einer anfänglichen Distanziertheit heraus eine emotional verwirrte Beziehung, die sich scheinbar nicht so recht zwischen Freundschaft, Liebe und Anfeindung entscheiden kann.

Aber auch weitere Beziehungsgeflechte im Sacred Heart bergen den Schlüssel zur Kontinuität von Scrubs: Dabei hervorstechend ist die Beziehung J.D.s zu zwei weiteren Mitarbeitern des Krankenhauses: Dr. Perry Cox (John C. McGinley, Nix zu verlieren, Identität) und dem namenlosen Hausmeister (Neil Flynn, Auf der Flucht). Während Cox für J.D. zusehends eine Art Vaterfigur darstellt, die aus der Schüler-Mentor-Situation resultiert, ist diese „Beziehung“ wiederum für Dr. Cox scheinbar nichts anderes als eine lästige Zusatzaufgabe. Mittlerweile in Fankreisen legendär sind seine zynischen Kommentare sowieso sein Hang zu erniedrigenden monolog-artigen Reden, die fast immer in der Moral münden, dass es ihn nicht interessiert, was sein Gegenüber zu sagen hat. Analog dazu besteht seit J.D.s erstem Arbeitstag im Sacred Heart eine Hassliebe zwischen ihm und dem Hausmeister des Krankenhauses. Während J.D. in dieser Hassliebe eher für den Part des Strebens nach „Liebe“ steht, füllt der Hausmeister den Part des Hasses aus. Tagtäglich lebt er seinen Sadismus mit Vorliebe an J.D. aus, und derweil dürfen andere Menschen im Krankenhaus erkennen, dass hinter der rauen, harten Fassade des mysteriösen Hausmeisters ein weicher Kern steckt...

Genau diese beiden Charaktere (Dr. Percival „Perry“ Cox und der Hausmeister) sind schließlich auch die heimlichen Stars der Serie. John C. McGinleys Maschinengewehr-ähnlich heruntergeratterten Monologe bergen innerhalb weniger Sekunden soviel Wortwitz wie man ihn in manch anderer Sitcom allenfalls über eine gesamte Episode verteilt geboten bekommt und die zahlreichen Streiche, die der Hausmeister J.D. spielt, sorgen gerade aufgrund des dabei an den Tag gelegten Einfallsreichtums immer wieder für die nötige Portion Humor, die die Serie benötigt, um dem Zuschauer die oft schwerwiegenden Schicksale im Sacred Heart als etwas leichtere Kost zu servieren.

Dieses auch so schon bunte Potpourri an Charakteren wird schließlich noch bereichert durch weitere, geniale Nebenrollen (z.B. Ken Jenkins als herzloser, materialistischer Chefarzt Dr. Bob Kelso; Bill Lawrences Ehefrau Christa Miller als schlagfertige Ex-Frau von Dr. Cox; oder Sam Lloyd als suizidgefährdeter Rechtsanwalt des Krankenhauses), die das „Universum“ Sacred Heart nie langweilig werden lassen.

Nun kann man bereits konstatieren, dass Scrubs alleine aufgrund der exzellenten Darsteller und der erstklassigen Drehbücher als kleines Juwel aus dem Sitcom-Einerlei hervorsticht. Aber auch in der technischen Umsetzung begeht Scrubs Wege, die für eine Sitcom eher unüblich sind: Statt auf das altbewährte Konzept der vor Publikum und einigen statischen Kamereas eingespielten Comedy-Serie zu setzen, bestritt Bill Lawrence den Schulterschluss zwischen Sitcom und Kino-Film und konzentrierte sich auf die Arbeit mit einer Kamera. Dies lässt gesamte Serie noch um ein vielfaches hochwertiger erscheinen als sie ohnehin schon ist und untermauert die Einzigartigkeit der Serie. Und auch bei der Wahl des Soundtracks beweisen die Macher von Scrubs immer wieder aufs Neue sehr viel Gespür für die passenden Töne. So ist es in den bisherigen Staffeln immer wieder gelungen, den passenden Song zur Untermalung bestimmter Situationen, zur Untermauerung bestimmter Emotionen auszuwählen, ohne sich dabei in Wiederholungen zu verlieren.

Scrubs erscheint durch die zuvor genannten Aspekte als rundum stimmige Sitcom, die man dann doch nicht so einfach in einen Topf mit Standard-Sitcoms stecken kann. Zuviele für Sitcoms untypische Aspekte werden in Scrubs vereint, als dass man es sich so einfach machen könnte. Scrubs ist einfach… ja, es ist halt einfach Scrubs… einzigartig; mal extrem laut, dann wieder sehr leise vermag diese Serie selbst ihre alteingesessenen Fans immer wieder aufs Neue ob des steten Up & Downs zwischen lauter, slapstickesker Comedy und leisen, melancholischen Tönen zu überraschen… Und genau das sollte eine gute Serie ausmachen: stete Überraschung, keine Langeweile, bloß keine Stagnation… und vor allen Dingen: jede Menge Spaß! 10/10

Details
Ähnliche Filme