Der Name Chris Pratt mag beileibe nicht für Qualität stehen, hat sich aber immerhin in den letzten Jahren zum Synonym für effektgeladene Spektakel in Spielberg’scher Blockbuster-Tradition gemausert. Auch Rebecca Ferguson hat sich längst einen Namen in explosiven Großproduktionen gemacht. Weshalb man nun den einen an einen Stuhl fesselt und die andere zum sterilen Avatar einer KI macht, bleibt dann doch einigermaßen rätselhaft.
Mit der interaktiven Mechanik der Tatort-Scans aus futuristischen Videospielen wie „Batman: Arkham Origins“ oder „Cyberpunk 2077“ möchte Timur Bekmambetov die von ihm selbst als Produzent aktiv vorangetriebene Gattung der Desktop-Filme („Missing“, „War of the Worlds“) für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz in Form bringen. Doch während auf dem Bildschirm – längst nicht mehr der Leinwand – ineinander verschachtelte Daten fortlaufend wie Springteufel aus der Windowbox hüpfen und eine filmische Pseudo-Dynamik generieren, die mit einem in Echtzeit herunterlaufenden Countdown noch künstlich dramatisiert werden muss, bleibt der physische Körper, und mit ihm das Kino selbst, zur Passivität verdammt.
Der Arnold Schwarzenegger aus „Total Recall“ und der Tom Cruise aus „Minority Report“ dürften jedenfalls mitleidig auf einen zur Anwaltsarbeit in eigener Sache gezwungenen Pratt hinabblicken, dessen durchschaubare Versuche, in angeschnallter Position Verzweiflung und Trotz zu vermitteln, auch nicht viel überzeugender geraten als seine watscheligen Sprints durch den Dschungel von „Jurassic World“; eher im Gegenteil, denn wenn sich sonst nichts bewegt, schaut man konzentrierter auf die Mimik. Und was man Ferguson da im strengen Matrix-Look an Menschlichkeit einzuimpfen versucht, erinnert dann auch eher an „Malfunctioning Eddie“, den Roboter aus „Futurama“, der mit logischen Widersprüchen gezielt zur Explosion gebracht werden kann.
„Mercy“ weiß das dystopische Narrativ der herzlosen, ganz und gar auf Fakten beruhenden neuen Weltordnung kaum mit eigenen Akzenten zu erweitern. Es geht wie so oft um die Verschmelzung der drei Staatsgewalten durch einen einzelnen Apparat zwecks ökonomischer Überlegungen und die Anwendung des binären Systems der Logik zur Beurteilung menschlicher Sachverhalte. Eine KI würde genau solche Themen vorschlagen, befragte man sie danach, welche Ängste ihre Nutzer mit ihr verbinden und welchen Science-Fiction-Film mit dieser Thematik sie gerne sehen würden.
Ein Debakel wie die letztjährige Amazon-Vollkatastrophe „War of the Worlds“ ist zum zum Glück nicht dabei herausgekommen. Das liegt auch daran, dass man die (aus ästhetischer Sicht dennoch fragwürdige) Kombination aus perspektivisch fahrlässigen User-Videos und Hi-Tech-Kartografie nach Google-Maps-Vorbild in der zweiten Hälfte mit vergleichsweise druckvollen Actionszenen aufplustert, die sich, auch wenn es inhaltlich wenig Sinn ergibt, irgendwann auch als 3D-Modell in die Zelle des Angeklagten ausbreiten, bis Pratt und das Metallgestell, an das er gekettet ist, mitten auf einem Highway oder in einem Feuersturm aufgestellt sind und er sich das Haar durchpusten lassen kann. Am Ende verlagert sich die Handlung dann immerhin auch noch ein wenig vom Theoretischen ins Praktische, denn am Ende der Fahnenstange weiß auch Bekmambetov, nur Original ist real.
An den grundlegenden Problemherden ändert das freilich nichts. Pratt, der in den ihm verbleibenden Minuten in einem oftmals nicht rational erklärbaren Gezeitenwandel aus Panik und innerster Zen-Ruhe der Aufklärung seiner Lage nachgeht, muss zwar nicht wie Ice Cube den manischen Weltuntergangspropheten mimen, wird aber auch nicht eben zu komplexem Handeln gefordert, weder von seiner KI-Richterin, noch von den Bausteinen auf dem Spielfeld da draußen.
Der Regisseur ist derweil regelrecht vernarrt in die Möglichkeiten, die ihm die Nahzukunftsvision des Los Angeles im Jahr 2029 bietet. Begeistert erkundet er neue Möglichkeiten der Datenanalyse, die er zugleich als Möglichkeit begreift, das filmische Erzählen mit Innovationen zu versehen, die jedoch samt und sonders Schein bleiben. Sein grundsätzliches Dilemma liegt darin, dass der Plot im Kern technologiekritisch ausgelegt ist, weil genau darin das Verkaufsargument liegt. So, wie 1999 die Millennium-Bug-Filme aus dem Boden schossen, ist es eben nun der ungewisse Umgang mit den sich spürbar materialisierenden Möglichkeiten, die der rasante Aufstieg künstlicher Intelligenz mit sich bringt, der ein neues Schreckensszenario der 2020er Jahre definiert. Nur ist diese kritische Haltung spürbar nicht die Position des Filmemachers, der ganz und gar im Widerspruch zur Kernaussage seines Films inszeniert.
„Mercy“ ist symptomatisch für das faule Science-Fiction-Actionkino der Gegenwart: Geliefert wie bestellt, inhaltlich und performativ. Wenn die Konsumenten am liebsten nicht mehr aufstehen wollen, um Filme im Kino zu sehen, wieso sollten es die Stars im Film noch tun? Wenn man aber nicht einmal mehr einen Chris Pratt dazu bekommt, in der Hauptrolle eines SciFi-Thrillers den Hintern vom Sessel zu bewegen, dann liegt irgendwo etwas im Argen.