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Von den Wunden der Vergangenheit gezeichnet flüchtet sich Paul in die Einsamkeit, lässt Freunde und Familie zurück und kehrt seiner Heimat Berlin den Rücken. „Ich hab einfach blind auf die Landkarte getippt“, sagt er und begründet damit seine Entscheidung, die ihn in das ostwestfälische Paderborn verschlagen hat. Über Wasser hält er sich mit Gelegenheitsjobs, die er bevorzugt von seiner Wohnung aus tätigt, direkten Kontakt zu Menschen vermeidet er, wo es nur geht. Geplagt von Schlaflosigkeit verschaffen ihm nur die nächtlichen Besuche in einer Kirche kurzzeitig inneren Frieden.

Die Kindertherapeutin Nele hat zwar einen gesicherten Job, aber auch ihr Privatleben ist eine einzige Ruine. Belastet durch die zerrüttete Ehe ihrer Eltern und der daraus resultierten Alkoholsucht ihrer Mutter, leidet sie unter chronischer Beziehungsangst und verbringt ebenso wie ihr neuer Nachbar Paul ihre Freizeit bevorzugt allein in ihrer Wohnung. Eines Abends nehmen die beiden eher zufällig Kontakt miteinander auf – nach und nach keimt eine zarte Beziehung zwischen den beiden auf, doch ihrem jungen Glück steht schon bald ein weiterer Schicksalsschlag bevor.

Die Erläuterung dieses Beziehungsmosaiks erfolgt zwar geradlinig, ist aber immer wieder von Rückblenden, Szenenwiederholungen, Monologen und vorweggenommenen Handlungselementen durchsetzt, was das Betrachten des Films ungewöhnlich, aber dafür noch packender und intensiver gestaltet. Insbesondere Pauls traumatische Vergangenheit als KFOR-Soldat wird in unspektakulären, aber umso nachdenklicheren Bildern und sich wiederholenden Dialogen dargestellt. Ein recht unorigineller, aber wirkungsvoller Kunstgriff, der die innere Unruhe seiner Persönlichkeit sehr gut erklärt. Dem nicht minder schmerzvollen Dasein von Nele wird deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt und beschränkt sich zu Beginn auf das gestörte Verhältnis zu ihren Eltern, das sich zwar auf ein kurzes Telefonat und einige vage Erzählungen beschränkt, doch zur Charakterisierung ihres Wesens völlig ausreicht.

Oliver Mommsen und Laura Tonke kann man innerhalb dieses geradezu poetisch anmutenden Stück filmischen Schaffens zweifellos als absolute Idealbesetzung betrachten, die die gequälten Seelen ihrer Figuren mit einer Wärme und Glaubwürdigkeit an den Zuschauer bringen, dass man ihnen von Anfang an nur das beste wünschen möchte. Die stärksten Momente ihres Zusammenspiels finden sich dabei bevorzugt in den Szenen, in denen die beiden kaum oder überhaupt nicht miteinander sprechen, sondern schon allein Körpersprache und Mimik mehr über ihre Gedanken und Gefühle verrät, als es die von Zeit zu Zeit eingeworfenen erklärenden Monologe vermögen. Ein wahres Lehrstück in Sachen sensibler Herangehensweise an eine Liebesgeschichte bildet hierbei vor allem der Beginn, wenn die beiden sich verträumt aus ihren gegenüberliegenden Wohnungsfenstern aus anschauen, zunächst nur mit beschriebenen Zetteln kommunizieren und sich erst nach langem Zögern zu ihren ersten schüchternen Telefonaten bewegen können. Dieser Phase inklusive der ersten zurückhaltenden Rendezvous` widmet Regisseur und Drehbuchautor Hanno Hackfort einen Großteil der Laufzeit – und trifft damit genau ins Schwarze.

Die zumeist spartanische Ausleuchtung der Szenen - besonders in Pauls karg eingerichteter Wohnung - und eine sehr ruhige Kameraführung, die auch mehrere eindringlich wirkende Steady-Cam-Aufnahmen zu bieten hat, unterstreicht die bedächtige Inszenierung, die sich voll und ganz auf das zerrüttete Leben und die Gefühle seiner Protagonisten konzentriert, in Perfektion und gibt der tragischen Geschichte den entscheidenden Schliff. Angenehm unaufdringlich und damit ebenso herausragend in die Handlung eingebettet ist der Soundtrack, der zumeist aus sanften Klavier- und Orgelstücken besteht und ein ums andere Mal die emotionale Wirkung einer Szene verstärkt, indem sie beispielsweise in langsam ansteigender Lautstärke andauernde Dialoge zwischen Paul und Nele übertönt, deren genauer Inhalt nicht weiter von Belang ist. Dialoge, die jeder schon einmal geführt hat, die jeder kennt und deren beidseitige Intention damit klar ist und keiner weiteren Ausschmückung bedarf. Weniger ist manchmal eben mehr – hier ist der Beweis.

Hanno Hackforts erster abendfüllender Streifen ist eine einfühlsame Liebesgeschichte über zwei einsame Seelen, die sich in düsteren Phasen ihres Lebens neben Trost und emotionalem Halt das gegenseitige Verständnis schenken, das ihnen von ihrer Umwelt konsequent verweigert wird. Ausdruckstarke Optik, eine komplexe Erzählweise und zwei überragende Hauptdarsteller machen aus „Junimond“ ein intensives Stück meisterhaftes Gefühlskino.

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