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Wenn man "im Alter" ist und der liebste Mensch, den man hat, plötzlich stirbt, dann weiß man meist nicht so recht, ob man überhaupt noch die paar Jahre, die man noch hat, leben will oder ob man sich nicht gleich wünscht, mit dem Geliebten in den Tod zu gehen. Vor allem dann, wenn man auf der Welt sonst niemanden mehr hat. Wäre es da nicht schön, doch noch jemanden zu finden, der mit einem mitfühlt oder einen gar befriedigt? "Notting Hill"-Regisseur Roger Michell wagt sich an das Tabu-Thema Sex zwischen Alt und Jung und bringt damit ein Drama zu Stande, was tief zu Herzen geht.

"Die Mutter" erzählt die tieftraurige Geschichte der Rentnerin May, deren Mann unverhofft stirbt. Einsam und sowohl von ihren Kindern als auch ihren Enkeln allein gelassen, trauert sie um ihren Mann und weiß nicht so recht, wie es weitergehen soll. Bis sie Darren kennerlernt. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und er scheint ihre Gefühle auch zu erwidern. Doch es gibt ein Problem: Darren ist gerade einmal halb so alt, wie sie!

Ohne Kitsch und ohne Scham erzählt Mitchell hier seine Geschichte einer Liebe ohne Chancen und vor allem des Leben in der Einsamkeit. Er stellt seine Charaktere allesamt gründlich vor. Bevor es zum ersten Kontakt zwischen May und Darren kommt, vergehen viele Minuten. Dennoch ist diese Vorstellung der Figuren in keinster Weise zu lang ausgefallen und bleibt stehts und ständig interessant.

Und vor allem die Figuren sind es, die diesen Film so stark erscheinen lassen. Allesamt sind sie mit ihrem Leben nicht mehr zufrieden. Sei es die Mutter, sein es ihre Kinder und Enkelkinder oder eben Darren, der sich ohne Geld und ohne wirkliche Liebe durchs Leben schlägt. Alle Charaktere gehen dem Zuschauer extrem nah, was vor allem daran liegt, dass sie keinesfalls überzeichnet oder lächerlich wirken, sondern realistisch, wie aus dem wirklichen Leben!

Und wenn es dann zu den sexuellen Kontakten zwischen May und Darren kommt, schwenkt Mitchell auch nicht weg, sondern zeigt die Leidenschaften der beiden relativ explizit, wenn auch natürlich in ästhetischen Bildern und ohne größeres Zeigen von nackter Haut. Und das ist mit Sicherheit ein absolutes Tabu-Thema, was hier wohl, in der heutigen Filmwelt, nahezu einmalig sein dürfte.

Absolut ergreifend ist zudem das trostlose, einsame Ende, welches man so, wohl niemanden wünschen würde. Wie schlimm doch die Einsamkeit und zerrüttete Familienverhältnisse sein können, dass wird hier in den letzten Minuten noch einmal mehr als deutlich!

Die Inszenierung des Ganzen ist dabei natürlich recht schlicht ausgefallen, was aber, anhand des Filminhaltes, natürlich nicht verwunderlich ist. Hervorzuheben ist aber definitiv die Musikauswahl, die zwar nur selten anklingt, dafür aber absolut passend ausgefallen ist.

Und auch die Darsteller müssen erwähnt werden. Anne Reid und Daniel Craig zeigen, mit der Darstellung ihrer tragischen Rollen, absoluten Mut, vor allem was die sexuellen Inhalte angeht. Die Gefühle der beiden Charaktere kommen absolut glaubhaft und realistisch beim Zuschauer an, wofür man den beiden nur dankbar sein kann. Aber auch alle Nebendarsteller machen ihre Sache gut.

Fazit: Tief berührendes Familiendrama, über die Einsamkeit, zerrüttete Familienverhältnisse und dem dringenden Wunsch nach Geborgenheit, bei wem auch immer. Großartige Charaktere und eine tiefgreifende Geschichte, machen einem, ohne jegliche Moralpredigten, die Wichtigkeit der Geborgenheit und den Fluch der Einsamkeit, mehr als deutlich. Ein kleiner aber feiner Film, den man gesehen haben sollte!

Wertung: 8,5/10 Punkte

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