Review

Spoiler!

Zufällig wurde ich auf diesen Film aufmerksam, doch als ich nach dem Plakat noch den Trailer sah, war klar, dass ich diesen Film sehen musste.

Es stand fest, dass "Die Klasse von 99`- Schule war gestern, Leben ist jetzt", eine Quasi-Fortsetzung zu Marco Petrys Erstlingswerk "Schule" ist. Da Petry hier erneut im Regiestuhl Platz nahm, und sich die Schauspielerriege hier echt sehen lassen konnte (Matthias Schweighöffer, Jürgen Tarrach, Denis Moschitto), war das ein Grund mehr, sich den Film anzusehen, da schon "Schule" mir sehr gut gefallen hatte.

Der Film knöpft an das Thema von "Schule" an, es geht um das, was nach der Schule kommt, das Berufsleben.
Die behütete Kindheit ist zu Ende, jetzt ist man selbst verantwortlich für sein Leben. Gerade diese Sache lässt vielleicht den Gedanken zu, dass hier mit einem moralischen Zeigefinger den Zuschauern erklärt wird, dass man sozusagen immer lieb und freundlich sein muss, und Erfolg haben muss, um dann das Leben zu bestehen.
Der Film gibt sehr erfrischend gegenteilig keine Richtlinien vor, sondern zeigt einfach eine Gruppe von Menschen, die ihr Leben selbst in der Hand haben, und alles durch ihre eigenen Entscheidungen verändern können. Ob das Ergebnis dann positiv oder negativ ist, und ob es relevant für das Moralverständnis eines jeden Zuschauers ist, das ist jedem zur eigenen Beurteilung freigestellt.
Das ist das große Plus des Streifens.

Natürlich finden hier auch gesetzeswidrige Aktionen statt, um den Kontrast zwischen dem gemütlichen Schulleben und der harten Realität gebührend herzustellen.
Tim Sanders Figur Sören besorgt Drogen aus Holland und schmuggelt die dann über die Grenze. Er ist noch nie erwischt worden, und ist dementsprechend arrogant und selbstsicher.
Genauso herablassend betrachtet er die Karriere seines ehemaligen besten Freundes Felix, der ausgerechnet eine Ausbildung bei der Polizei macht. Nicht dass er sich bedroht fühlt, da sein Freund jederzeit die Drogentouren auffliegen lassen könnte. Was ihn stört ist sozusagen die Vernunft von Matthias Schweighöffers Figur, denn er lebt ein geregeltes Leben, hat gesichertes Einkommen, er lebt wieder bei seinen Eltern und das einzig Verwerfliche, dass er anstellt, ist, sich ab und an mal ordentlich zu betrinken.

So treffen sich nach knappen 2 Jahren zwei Schulfreunde wieder, deren aktuelles Leben unterschiedlicher nicht sein könnte. Dass Sören mittlerweile mit Simona (Anne Bertheau) zusammen ist, ist der Beziehung zwischen ihm und Sören nicht gerade förderlich. Es gab vor Jahren mal einen Pakt zwischen den beiden, da beide in Simona verliebt waren. Sie schworen sich, beide die Finger von ihr zu lassen, da ihnen ihre Freundschaft wichtiger war.
Nun sieht sich Felix einem Freund gegenüber, der sich mittlerweile nicht den geringsten Dreck um Freundschaft schert.

Auch sonst hat sich Sören sehr verändert.
Auf dem Ehemaligentreffen der Schule distanziert er sich gegenüber den alten Kollegen, und will offensichtlich nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben.
Felix, der ganz anders ist, fühlt sich plötzlich fremd in seiner alten Heimatstadt.
So hoffte er, mit seiner Rückkehr wieder in ein behütetes Leben zurückzukehren, mit Mama und Papa, und natürlich den alten Freunden.
Doch von diesen heiligen, vielgeschätzten Werten ist nichts mehr übrig.
Felix` Eltern sind gleichgültige, rechthaberische Langweiler geworden, und die Freunde sind plötzlich ganz andere Menschen.

Trotz diesen Schocks gibt es auch noch Dinge, die sich nicht verändert haben.
Zum Beispiel die alten Kollegen Schmidt (ungewohnt ernst: toll! - Axel Stein) und Hausschild (Thomas Schmieder).
Die beiden sind wie eh und jäh, albern und kindisch. Ein erfrischendes Relikt aus alten Zeiten, findet auch Felix.
Doch das gerade dann Schmidt, der einzig echt gebliebene Mensch in Felix` Umfeld, die tragische Figur sein wird, gibt dem Film eine ernste Note.

Die Verbindung von Komik und Tragik ist in diesem Film grandios umgesetzt. Petry schafft es, wie bereits in "Schule", mit kleinen Flachsereien und Albernheiten (für die damals Axel Stein und Christian Näthe sorgten) die Ernsthaftigkeit darzustellen. Er instrumentalisiert die Komik, um die Tragik zu verstärken. Damit kann man gehörig auf die Schnauze fallen (siehe "Soloalbum"), ganz schnell kann aus einer gewollten Tragik eine 08/15- Komödie werden.
Doch Petry jongliert meisterhaft mit den komischen Elementen, streut sie gekonnt unter die tragischen, und schafft so einen sehr, sehr guten Schauspielerfilm.

Petrys eigene Schulzeit ist nicht lange her.
Das merkt man sehr deutlich. Nur einer, der sich genau an alles erinnern kann und alles sehr genau beobachtet hat, kann so präzise korrekt die vielfältigen Einzelheiten der Probleme des Schullebens und des nachfolgenden Erwachsenendasein in richtiges Licht rücken und eine so schön-melancholische Geschichte erzählen.

Ich selbst bin nicht lange aus der Schule raus, und erkenne mich sehr genau im Film. Ich kann mich persönlich sehr gut in die Figur des Felix hineinversetzen, wie er die auf die gewohnte Umgebung trifft.
Alle Figuren haben ihre eigene Funktion, und sind genauso so im wahren Leben zu finden.
Felix ist der ideale Träumer, der am liebsten sein altes Umfeld auf ewig halten möchte, und immer jung sein möchte. Ich finde ein wenig von mir in ihm wieder.
Dann gibt es die, die sich nie ändern werden, so wie Schmidt und Hausschild. Solche werden immer echt und wahrhaftig bleiben, die Gewohnheiten werden sich nie ändern. Sie sind ein wenig wie Felix, sind aber nicht so charakterstark wie er, deshalb verwaschen sie ihre melancholische Seite ein wenig mit kindischen Streichen.
Auch von ihnen finde ich etwas in mir wieder.

Natürlich hofft man als junger Mensch auf Geld und Erfolg. Dass aber das Leben kein Wunschkonzert ist, zeigt die Figur des Sören. Einer, den das Leben so enttäuscht hat, dass er sich denkt, warum soll ich dem Leben etwas geben, wenn ich nichts zurückbekomme. Also beschafft er sich auf illegale Weise Geld. Natürlich ist diese Figur mit seiner Funktion als Drogenkurier ein wenig überspitzt, aber die Grundzüge seines Charakters sind in vielen wieder zu finden.

Alle Gefühle, die ein junger Mensch hat, nachdem er die Schule verlassen hat, sind auf die einzelnen Figuren verteilt und sehr gekonnt dargestellt.
Matthias Schweighöffer überragt das ganze Ensemble.
Ich denke, in ein paar Jahren ist er ein ganz Großer.
Schon "Soloalbum" hat er durch seine unvergleichlich melancholische Art aufgewertet.
In "Die Klasse von 99`" ist er wieder in der Funktion des traurigen Beobachters zu sehen, ein Mensch, der erkennt, dass von seinem alten Leben nichts mehr übrig ist.
Er meistert diese Aufgabe wunderbar. Er ist ein Ausnahmetalent, von dem man noch viel hören wird.
Mit ihm könnte der deutsche Film (besonders die dt. Filme für junge Leute) wieder wertvoll werden.
Unbestritten grandios seine Leistung in diesem Film.
Wie er langsam aber sicher an seinem besten Freund Sören zweifelt, wie er voller Zukunftsangst seinem Beruf entgegenblickt, wie er verzweifelt versucht, sein Umfeld wieder in das bekannte zu verwandeln, wie er angestrengt versucht, alles ihm Heilige festzuhalten, und wie ihm letztlich doch alles durch die Finger schlittert, das alles spielt sich in Schweíghöffers Gesicht ab, wundervoll gespielt.
Tim Sander spielt gegen das Soapieimage an, das ihm anhaftet, und das sehr gekonnt. Leicht hätte aus Sören ein bösartiger Dealer und Schläger werden können, doch Sander verhindert dies und schafft es durch seine vorzügliche Darstellung, dass man erkennt, wie Sören wohl früher gewesen ist. Auch er spielt die Zerrissenheit perfekt, denn schließlich schlägt in ihm auch das Herz eines Kindes, das auch am liebsten alles wieder so hätte, wie es früher war.
Axel Stein spielt hier eine zentrale Rolle, sehr ernst, wie ich finde. Sein Filmtod wirkt tragisch und ist gut in den Hintergrund eingearbeitet. So wollte er noch seine Kumpels zu einer Kneipentour überreden, und Stunden später ist er tot.
Ein Ereignis, das dem Film noch mal eine harte, traurige Facette zuteilt.

Marco Petry ist ein Regietalent mit einer sehr präzisen Auffassungsgabe. Ein besonderer Regisseur, der es versteht, typische Situationen im Leben eines jungen Menschen gebührend zu beschreiben und sie sehr realistisch zu untermalen.
Möge er noch viele Filme machen....

"Die Klasse von 99`" ist ein sehr guter Film, der jedem ans Herz gelegt sei, der im Kino auch mal etwas über sich selbst erfahren will, anstatt ständig Menschen beim Sterben zuzuschauen.
Ich finde den Film großartig, deshalb ist meine Wertung:

9/10 Punkten.

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